GroßtierrettungEinsatzkräfte in Weilerswist lernten, wie man ein Pferd auf die Beine stellt

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Mithilfe von Bändern drehen acht Feuerwehrleute den liegenden Pferdedummy langsam und kontrolliert auf die andere Seite. Trainer Lutz Hauch gibt Anweisungen.

Mit dem richtigen Material und der richtigen Technik lässt sich ein liegendes Pferd auch mit Muskelkraft auf die andere Seite drehen.

Die Rettung großer Tiere stellt Feuerwehrleute vor Herausforderungen. Doch mit der richtigen Technik sind Pferde und Kühe sicher aus Notlagen zu befreien.

Just in dem Moment, als der Pferde-Dummy mit dem Teleskoplader von Michael Meierhof angehoben und auf die Beine gestellt werden soll, schrillen die Piepser einiger Feuerwehrleute. Die Einsatzkräfte der Einheit Weilerswist rücken ab, um zwei Hunde zu retten, die in der Erft treiben.

Mit deutlich schwergewichtigeren Rettungsobjekten haben es an diesem Samstag am Horchheimer Damm 20 Feuerwehrleute aus den Einheiten der Gemeinde Weilerswist zu tun, die die fachgerechte Großtierrettung erlernen und trainieren.

Pferdedummy „Sam“ bringt 200 Kilo auf die Waage

Trainer Lutz Hauch von „com cavalo“ aus Aldenhoven, einer Firma, die Einsatzkräfte in der Großtierrettung ausbildet, hat den lebensgroßen Rettungsdummy „Sam“ mitgebracht. Der bringt es im Gegensatz zu seinen lebenden Artgenossen, die auch mal mehr als eine halbe Tonne wiegen können, „lediglich“ auf 200 Kilo. Das reicht, um den Einsatzkräften die Schwierigkeiten zu vermitteln, vor die die Rettung einer Kuh aus einer Güllegrube oder eines verletzten Pferdes aus einem umgekippten Anhänger Einsatzkräfte stellt.

Eingebunden in das Rettungsgeschirr der Weilerswister Feuerwehr, schwebt der Pferdedummy am Haken des Teleskopladers etwa einen Meter hoch über dem Feld.

Nach kurzer Zeit hängt das Pferd sicher am Haken des Teleskopladers von Michael Meierhof.

Derartige Einsätze, so Jürgen Schmitz, Leiter der Weilerswister Feuerwehr, haben die Einheiten zwar nicht oft. Doch passiert es, stehen die Feuerwehrleute vor echten Herausforderungen. Denn neben der in der Regel komplizierten technischen Rettung stehen dabei auch die Sicherheit der Feuerwehrleute und das Tierwohl ganz oben.

„Achtung, du bist in der Kick-Zone!“ Als ein Feuerwehrmann sich beim Anlegen diverser Gurte an dem liegenden Übungspferd mit den beweglichen Gelenken in den Gefahrenbereich der Hufe begibt, kommt sofort die Warnung von Trainer Lutz Hauch. „Sam“ lässt alle Fehler, die beim Training natürlich gemacht werden, geduldig über sich ergehen.

Unter Stress reagieren Tiere unberechenbar

Doch in der Realität ist die Rettung eines Pferdes für das Tier purer Stress. Und selbst dann, wenn ein Tierarzt das Pferd vorher sediert hat, bilden Beine und Hufe einen für die Einsatzkräfte gefährlichen Bereich, in dem sie nichts zu suchen haben. Und nicht nur die Einsatzkräfte selbst müssen bei einer Großtierrettung auf der Hut sein. Ein Tier unter Stress reagiert unvorhersehbar. Daher müssen die Einsatzkräfte auch andere Beteiligte im Blick halten, etwa den Veterinär oder den Tierbesitzer.

Ein Feuerwehrmann zieht in der sicheren Position vom Rücken des liegenden Pferdes aus die Gurte durch die Beine des Tieres. Der Trainer und weitere Feuerwehrleute schauen zu.

Trainer Lutz Hauch gibt Hinweise, wie die Gurte richtig und sicher angelegt werden.

Allzu deutlich haben die Feuerwehrleute noch den Film aus der theoretischen Schulung am Morgen vor Augen, in dem sich der Besitzer einem Pferd im „Fluchtmodus“ in den Weg stellt, um es einzufangen – und von dem panischen Tier überrannt wird. Der belgische Tierarzt und Verhaltensforscher Ronald Rongen, der Lutz Hauch begleitet, hat den Feuerwehrleuten da wertvolle Hinweise gegeben.

„Wir versuchen, die Übungen so authentisch wie möglich durchzuführen, und beziehen auch Faktoren wie hysterische Tierhalter und die Unruhe des Tiers selbst mit ein“, erläutert Lutz Hauch, der selbst aus der Feuerwehr stammt und sich seit 2015 auf die technische Großtierrettung spezialisiert hat.

Die beiden Tierschützer sitzen im Gras des Damms und schauen zu.

Matthias Müller (l.) und Marc Fritzler vom Tierschutz Weilerswist sahen beim Training zu.

Bei Großtierrettungen klafft oft ein Riesenspalt zwischen Theorie und Praxis. So besitzt die Weilerswister Feuerwehr Material zur Großtierrettung. Doch wie kriegt man das Hebegeschirr unter den Bauch eines Pferdes, wenn er komplett im Morast steckt?

Eine Feuerwehrfrau posiert an „Sams“ Kopf für ein Foto.

Zum Abschied noch ein Foto mit „Sam“.

Lutz Hauch hat Spezialwerkzeuge mitgebracht, die das ermöglichen. Denn: Nicht immer muss ein Tier mit einem Kran gerettet werden. „90 Prozent aller Rettungen lassen sich mit Muskelkraft bewältigen“, weiß Lutz Hauch. Wenn man weiß, wie man es macht.


Pferd steckte im zugefrorenen Teich fest

Wie schwierig eine Großtierrettung ist, erlebten Weilerswister Feuerwehrleute, als sie im Januar 2009 ein Pferd bei Burg Metternich aus einem zugefrorenen Teich retten mussten. Das Pferd war zuvor durch die Eisdecke gebrochen und stand mehr als eine Stunde bis zum Hals im eiskalten Wasser.

Die Rettung des eingebrochenen Tieres schafften die Feuerwehrleute schließlich mithilfe der Drehleiter und mit Löschschläuchen, die sie um den Bauch des Pferdes schlangen.

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