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Bayers HauptversammlungDicke Luft drinnen und draußen

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Polizisten trennten Aktionäre und Demonstranten auf dem Weg in den Saal. Einzelne Gespräche gab es dennoch.

Polizisten trennten Aktionäre und Demonstranten auf dem Weg in den Saal. Einzelne Gespräche gab es dennoch.

Leverkusen – Gegen Rauschschwaden hilft auch ein Spalier aus Polizisten nichts. Insofern verfehlt der Imker-Protest seine Wirkung nicht an diesem zunächst grauen Freitag in Bonn. Obwohl die Ordnungsmacht einiges tut, damit sich Bayers Aktionäre und Demonstranten nicht zu nahe kommen.

Allerdings sind die meisten Besucher der Hauptversammlung, die sich überdies an knapp 500 Schülern vorbei quetschen müssen, die einen „Friday for Future“ in den Ferien geopfert haben, um gegen Bayer zu demonstrieren, auch so schon schlecht gelaunt. Als Geldanlage hat sich das Papier in den vergangenen Monaten so gar nicht bewährt. Wie groß der Zorn ist, wird sich am späten Abend zeigen: Der Vorstand um Werner Baumann wird nicht entlastet; vielmehr lehnen reichlich 55 Prozent das ab. Eien nie dagewesene Ohrfeige, nicht nur in der Geschichte Bayers, sondern der ganzen deutschen Wirtschaft nach dem Krieg. Auch der Aufsichtsrat fängt sich ein ganz schlechtes Ergebnis ein: Nur gut 66 Prozent der Aktionäre sprechen sich für seine Entlastung aus. Vor diesem Hintergrund ist es fraglich, was das Treuebekenntnis wert ist, mit dem die Aufseher den Vorstand nach einer Sondersitzung ausstatten. Werner Baumann wird zwar weitermachen können. Die Frage ist aber, wie lange das noch gut geht.

Die Gründe für die Misere wiegen seit dem Spätsommer immer schwerer.  Das erste Glyphosat-Urteil, das Bayer sich in Kalifornien fing, hat eine Grundsatzdebatte darüber ausgelöst, ob es klug war, Monsanto zu übernehmen. „Ausgerechnet Monsanto“, wie Janne Werning später in der Halle sagen wird. Er vertritt die genossenschaftliche Union-Investment und damit mehr als vier Millionen Kleinanleger – und widersetzt sich der sonst als Formalie geltenden Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat. Das gilt auch für Ingo Speich, der für die Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka spricht, die reichlich zehn Millionen Aktien in den Depots ihrer Anleger verwaltet.

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Die Kritik fällt heftig aus

Es ist nicht üblich, dass die Fondsgesellschaften Vertreter auf die Rednerbühne einer Hauptversammlung schicken. Aber es auch nicht üblich, dass so harte Kritik am Management eines Konzerns geübt wird. Und so viele Leute waren zuletzt auch nicht mehr da: 3600 Aktionäre wohnen der Hauptversammlung bei. Was dazu führt, dass Werner Wenning – der Aufsichtsratschef leitet die Versammlung – den alten Plenarsaal des Bundestags öffnen lässt, damit alle genug Platz haben im heutigen WCCB, dem World Conference Center Bonn.

Debattiert wird in der Tat so heftig wie nie in auf dem Treffen. Starker Applaus zeigt, dass viele Anteilseigner absolut einverstanden damit sind, wenn Aktionärsvertreter das Handeln von Vorstand und Aufsichtsrat grundsätzlich hinterfragen und Werner Wenning wie Werner Baumann ein schlechtes Zwischenzeugnis ausstellen.

Der Vorstandschef redet sehr lange und konzentriert über die prekäre Lage, in die Bayer wegen des Glyphosat-Problems geraten ist. Und anders als bisher lässt Baumann nicht nur Fakten sprechen, sondern bringt ein wenig Emotion in die Debatte.

Vor einigen Monaten sei er mit einem Mann von Monsanto eine Woche durch die USA gereist. Der Kollege verkaufe seit mehr als 35 Jahren Round-up, den Glyphosat-Unkrautvernichter. Viele seiner Kunden seien Freunde geworden. Für den Vertreter sei es „unvorstellbar, wie Leute glauben können, dass er Kunden und Freunde wissentlich einem erhöhten Gesundheits- oder gar Krebsrisiko aussetzen würde“.

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Genau das wird Monsanto in den Prozessen vorgeworfen. Die Reaktion des amerikanischen Kollegen beschrieb Baumann so: „Was glauben diese Leute eigentlich, was für Menschen wir sind?“

Karl Lauterbach erneuert seine Kritik

Allzu viel Eindruck macht Baumann mit dieser Geschichte allerdings nicht. Genauso wenig wie mit dem stetig wiederholten Hinweis auf Studien, die Glyphosat als unbedenklich erscheinen lassen. Das gilt zumal für Leute, die sich in der Materie auskennen. Karl Lauterbach etwa. Der Bundestagsabgeordnete ist von Haus aus Epidemiologe und zeigt sich unzufrieden mit dem Bayer-Vorstand. Die Studienlage sei nicht so eindeutig wie dargestellt. Also verschwänden auch die Zweifel an Glyphosat nicht, „wenn einige Gerichte etwas anderes sagen sollten, woran ich übrigens nicht glaube“, sagte der SPD-Fraktionsvize. Bayers Ruf sei trotzdem ruiniert. Das wird in jedem Fall kosten. Und nicht so schnell vergehen wie Rauchschwaden.

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