Villa RömerAusstellung zeigt explosive Geschichte Leverkusens

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Eine in Trümmern liegende alte Fabrik

Eine 1915 explodierte Fabrik der Sprengstoff A.G. Carbonit in Schlebusch.

Dass Leverkusen nicht nur für die Pharmaindustrie bekannt ist, zeigt eine Sonderausstellung über Sprengstoff in Opladen.

Als Bayers Generaldirektor, Carl Duisberg, der sich zu diesem Zeitpunkt im noblen Hotel Adlon in Berlin aufhielt, am 27. Januar 1917 von der Explosion im Flittarder Werksgelände erfuhr, soll er kurz vor einem Zusammenbruch gestanden haben. „Zuerst hieß es: Ganz Leverkusen ist in die Luft geflogen“, erzählte Gernot Herzog von der Stadtgeschichtlichen Vereinigung Leverkusen. Gemeinsam mit weiteren Mitgliedern und einem des Bergischen Geschichtsvereins erarbeitete er die Ausstellung „Leverkusen explosiv – Sprengstoffproduktion vor Ort“.

Die Hiobsbotschaft relativierte sich an diesem eisigen Geburtstag Kaiser Wilhelms zwar im Nachhinein noch, aber die Ausmaße der Explosion waren dennoch gewaltig: „30 Kilometer entfernt sind noch Scheiben zu Bruch gegangen“, erläuterte Gernot Herzog weiter.

Alte Holzkisten, die einst Dynamit enthielten.

In diesen Kisten verpackte die Dynamit-Actien-Gesellschaft Schlebusch ihre Ware.

Acht Arbeiter von Bayer starben, hunderte Menschen erlitten teilweise schwere Verletzungen. So auch die Tochter Duisbergs, Hildegard von Veltheim, die sich zum Zeitpunkt der Explosion in der Direktorenvilla befand: Ein durch die Druckwelle herausgerissenes Oberlicht fügte ihr einen doppelten Schädelbruch zu.

Für Duisberg hätten sich an diesem 27. Januar 1917 seine Befürchtungen realisiert, die er bei der Sprengstoffproduktion in seinem Werk gehabt habe: Wegen Sicherheitsbedenken sei er anfänglich gegen die Herstellung in seinem Werk gewesen, führte Gernot Herzog aus. Allein die enorme Nachfrage nach Sprengstoff im Ersten Weltkrieg ließen ihm schlussendlich keine andere Wahl. Ab 1915 habe Bayer in den weiteren Kriegsjahren ein Drittel des vom Deutschen Reich benutzten Sprengstoffes hergestellt, ordnete Walter Montkowski, Vorstandsmitglied in der Stadtgeschichtlichen Vereinigung Leverkusen, ein.

Leverkusen als Epizentrum der Sprengstoffproduktion

Dieser Umfang verdeutlicht die Bedeutung des Standortes Leverkusen für die Kriegswirtschaft. Ungeachtet der Firma Bayer seien während des Ersten Weltkrieges allein bei der Carbonit AG über 4000 Menschen beschäftigt gewesen, erklärte Wolfgang Kamm, ebenfalls Vorstandsmitglied der Stadtgeschichtlichen Vereinigung Leverkusen. Doch nicht nur zu dieser Zeit produzierten Firmen hier Sprengstoff. Die Ausstellung in der Villa Römer präsentiert die Geschichte der Unternehmen, die in und rund um Leverkusen teilweise länger als ein Jahrhundert ihr explosives Gewerbe betrieben. So produzierte Dynamit Nobel (ehemals C. W. Kayser & Co.) bis 1999 Sprengstoff für den Bergbau.

Explosiv waren in Leverkusen aber nicht nur die industriellen Erzeugnisse selbst. Von Beginn an begleiteten Explosionsunglücke in den Fabriken den Fertigungsprozess. Dieser Aspekt bekommt in der Ausstellung besondere Aufmerksamkeit. Den letzten Toten habe es bei Dynamit Nobel 1981 gegeben. Dementsprechend kritisch sei auch die Bevölkerung gewesen, obgleich die Sprengstoffproduktion Wohlstand bedeutet habe. Wegen der gefährlichen Arbeit hätten die Arbeiter überdurchschnittlich viel verdient, teilte Montkowski mit.

Sprengstoff in all seiner Vielseitigkeit

Außerdem schildert die Ausstellung die Geschichte des Sprengstoffes selbst: Angefangen bei der Entwicklung des Schwarzpulvers, über die Entdeckung von Nitroglycerin bis hin zu der Erfindung des Dynamits durch Alfred Nobel, dessen Patentlösung darin bestanden hat, einen eigenen Zünder anzufertigen. „Von alleine explodiert Dynamit nämlich nicht, wenn man es anzündet“, legte Günter Junkers, Vorstandsmitglied des Bergischen Geschichtsvereines, dar.

Auch wenn die Ausstellung von Entwicklungen und Ereignissen berichtet, die in der Vergangenheit liegen, ist die Aktualität der Thematik förmlich greifbar: „Gerade im Moment wird der Sprengstoff zu den falschen Zwecken genutzt“, stellt Montkowski klar. Dass Nitroglycerin nicht nur zur Dynamitherstellung, sondern beispielsweise zu medizinischen Zwecken nützlich ist, erfährt der Besucher ebenfalls in der Ausstellung „Leverkusen explosiv – Sprengstoffproduktion vor Ort“ in der Villa Römer in Opladen.


Besichtigungszeiten der Sonderausstellung

Die Ausstellung beginnt am Sonntag, 16. Juni, mit einer kostenlosen Einführungsveranstaltung und endet am Sonntag, 25. August. Die Villa Römer hat dafür samstags von 15 bis 18 Uhr und sonn- und feiertags von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Zudem hält Randolf Link am 2. Juli um 19 Uhr in der Villa Römer einen Vortrag mit dem Thema „Schwarzpulver an der Dhünn“. Eintritt kostet hier 4 Euro. Ebenfalls mit Randolf Link findet am 7. Juli und am 11. August jeweils von 14 bis 15.30 Uhr eine Führung am Altenberger Dom statt, den eine chemische Explosion beinahe völlig zerstört hätte. Die Teilnahme kostet 5 Euro.

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