Vom Beginn des Krieges überrascht

Deutsche Truppen reißen am 1. September 1939 einen rot-weißen Schlagbaum nieder.
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Wenige Tage, nachdem sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal jährte, hat sich auch der Opladener Geschichtsverein (OGV) dem Thema gewidmet. Michael D. Gutbier referierte am Mittwochabend in der Villa Römer zu „1939: Der Beginn des Zweiten Weltkriegs: Wahrnehmungen und Erleben im Rheinland“.
Gutbier sprach im Rahmen der Vortragsreihe „Marksteine deutscher Geschichte aus rheinischer Perspektive“, die der Opladener Geschichtsverein in Kooperation mit der Volkshochschule Leverkusen in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal veranstaltet. Auf die rheinische Perspektive beschränkte sich der Vortragende, der zugleich Vorsitzender des OGVs ist, freilich nicht: Nach einer kurzen Rekapitulation der Ereignisse vom 1. September 1939 führte er in einem wahren Parforceritt durch die Schritte, die das NS-Regime seit 1933 gegangen war, um das Deutsche Reich auf einen Krieg vorzubereiten – vom Austritt aus dem Völkerbund kurz nach der Machtübernahme bis hin zum Umbau der deutschen Wirtschaft.
Leverkusen im Fokus
Anschließend wandte sich Gutbier dann dem Rheinland, insbesondere aber dem Leverkusener Raum, zu und versuchte die Frage zu beantworten, inwieweit die Menschen etwas wissen konnten vom bevorstehenden Kriegsausbruch. In Zeitzeugenberichten, so Gutbier, werde auf diesen nämlich zumeist mit Überraschen reagiert. Dies sei umso erstaunlicher, als dass mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im bis dahin weitgehend entmilitarisierten Rheinland der Kasernen-, bald auch der Bunkerbau wieder forciert wurde – schon wenig später gehörten auch Luftschutzübungen zum Alltag der Menschen im Rheinland. Deutlich vor Kriegsbeginn vermeldete etwa die „Bergische Post“, dass Opladen nunmehr „luftschutzbereit“ sei und gab Tipps für den „einwandfreien Splitterschutz“ am Keller. Anhand zahlreicher Zeitungsartikel zeigte Michael Gutbier zudem, wie geschickt die nationalsozialistische Propaganda den Krieg zu rechtfertigen wusste und gleichzeitig darum bemüht war, das konkrete Kriegsgeschehen möglichst weit weg vom Alltag der Menschen zu halten – erst im weiteren Verlauf sollten Kriegsberichterstattung und zunehmend Durchhalteparolen auch in der rheinländischen Lokalpresse einen immer größeren Raum einnehmen. Das Thema traf in Opladen auf großes Interesse, zusätzliche Stühle mussten im Kaminzimmer aufgestellt werden. Einziger Wermutstropfen: Junge Menschen suchte man vergebens. Die Anwesenden freilich nahmen die Möglichkeit, im Anschluss an den Vortrag Fragen zu stellen und zu diskutieren, intensiv wahr. Kritisch wurde nachgehakt, eigene Lesefrüchte, aber auch Zeitzeugenaussagen aus der Familie vorgestellt. Eine weitere Gelegenheit, rheinländische Geschichte kennenzulernen und zu diskutieren, bietet sich am 2. Oktober, wenn Prof. Dr. Jost Dülffer in der Villa Römer zum Thema „1949: Die Bonner Republik – eine rheinische Demokratie?“ sprechen wird.
