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Videokünstler Philipp Geist Gladbacher Gnadenkirche erstrahlt in Lichtmalerei

Der Videokünstler Philipp Geist begeisterte mit Lichtmalerei.

Der Videokünstler Philipp Geist begeisterte mit Lichtmalerei.

Bergisch Gladbach – Wären Erleuchtung und Erscheinung jedem Kirchenbesucher garantiert – die Gotteshäuser wären vermutlich immer voll. Insofern verwundert es, dass am Wochenende nicht noch mehr Menschen zur Gnadenkirche in Bergisch Gladbach kamen, wo dieses Versprechen geradezu übererfüllt wurde.

Nebel waberte im Innenraum, während der Teufel dort buchstäblich die Wände hochging und der Kronleuchter im Glanz der Gerechtigkeit erstrahlte. Auf der Außenfassade blitzte das Antlitz Martin Luthers auf, der auch Passanten und Vorbeifahrenden in dicken Lettern „mehr Freude“ verkündete.

Zuschauer trotzten der Kälte

Der Geist, den Pfarrer Thomas Werner gerufen hatte, Philipp mit Vornamen und seines Zeichens Videokünstler, stand derweil etwas abseits und freute sich am Erfolg seines kreativen Schaffens, das nun mal nur im Dunkeln wirkt. Allenthalben wurden Smartphones und Kameras gezückt. Kalte Hände und Füße nahmen die Zuschauer in Kauf – so etwas hatte Bergisch Gladbach noch nicht gesehen.

Alles zum Thema Musik

„Ich bin völlig fasziniert“, kommentierte „Hausherr“ Thomas Werner und lobte die gelungene Kooperation von evangelischer Kirchengemeinde, Altenberger Dom-Verein (ADV) und Volkshochschule (VHS), deren Leiterin Birgitt Killersreiter den Kontakt zu dem in aller Welt aktiven Lichtkünstler, Maler und Fotografen Philipp Geist geknüpft hatte.

„Reizvoll“ findet der kreative Globetrotter die Architektur der Gnadenkirche, und obwohl er zum ersten Mal in Bergisch Gladbach ist, ist die Premiere für ihn eine Rückkehr in sein „Heimatbundesland“. In Witten geboren und aufgewachsen in Bayern, lebt Geist seit 18 Jahren in Berlin.

Lichtinstallation bedarf monatelange Vorbereitung

Weil seine Kunst buchstäblich punktgenau sein muss, hat er die Kirche am Vortrag nochmals vermessen, um sicherzustellen, dass jeder Fensterrahmen und jede Säule „sitzt“ und auch die Kirchturmuhr perfekt einbezogen wird. Mit der Projektion auf die Uhr verändert sich jedes Mal auch die Zeit. Mal zeigt sich das Gotteshaus im Pop Art-Stil, mal wie eine antike Säulenhalle, dann kommen plötzlich Assoziationen ans Brandenburger Tor oder an ein Weihnachtshaus auf. Zwischendurch künden Schlagworte in mehreren Sprachen vom Wirken Martin Luthers.

„Vom Erstkontakt bis zur Umsetzung vergehen ein paar Monate“, erläuterte der Spezialist für vergängliche Kunstwerke, der auch schon für den thailändischen König gearbeitet hat. Vorab studiert Geist Fotos und Baupläne, bevor er seine Ideen am Computer umsetzt und mit Musik unterlegt. Dazu gehört auch die Aufarbeitung historischer, politischer, gesellschaftlicher und religiöser Hintergründe.

Beeindruckende Lichtmalerei

Für seine Arbeiten zum Lutherjahr, die er unter anderem für Venedig und Weilheim konzipiert hat, ist er „komplett in 500 Jahre Reformation eingetaucht“. Drei kleine Beamer hat Geist auf der Empore in der Kirche installiert, einen großen im Außenbereich; Lautsprecher inklusive, die die virtuellen Wandmalereien mit Musik untermalen.

Bei Einbruch der Dunkelheit begann ein ungewöhnlicher Dialog mit der Architektur, mit Geschichte und Religion, mit Glauben und Zweifel im öffentlichen Raum. Die Videoinstallation ergoss Gnade in Großbuchstaben über die Fassade, ließ bei der Erwähnung von Hölle und Hass die Säulen erzittern und projizierte ein Bild von Kirche im Umbruch.

Ein Abend der Superlative

Fußgänger blieben stehen, Autofahrer verringerten ihr Tempo und auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen Menschen mit Fotoapparaten an den Fenstern. Auch Organistin Tanja Heesen-Nauroth hatte es nicht mehr im Büro gehalten. Sie war ebenso angetan von dem „Wunderwerk“ wie die anderen Besucher aller Altersgruppen, die, wie Heesen-Nauroth, immer wieder zwischen Kirchenraum und Außengelände wechselten: „Ich lass mich jetzt noch mal von innen erleuchten“.

Es waren zwei Abende der Superlative, auch für ADV-Geschäftsführerin Catrin Riquier. „Das ist ein Traum, der helle Wahnsinn, ein super Projekt“, schwärmte sie. Auch die Zusammenarbeit zwischen den Institutionen sei traumhaft gewesen. Trotz unangenehmer Kälte konnte sich keiner loseisen von dem Anblick – so als hätte jeder Zuschauer eines der projizierten Lutherzitate verinnerlicht: „Hier stehe ich und kann nicht anders“.