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Voltigierer aus Bergisch Gladbach
Auf dem Pferderücken hoch hinaus

Lesezeit 4 Minuten
Justin van Gerven mit Voltegierpferd Holly.

Justin van Gerven mit Voltegierpferd Holly.

Bergisch Gladbach/Köln – Konzentriert läuft Justin van Gerven neben dem galoppierenden Pferd her. Mit einer fließenden Bewegung greift er nach den Griffen am Voltigiergurt, stößt sich kurz vom Boden ab, schwingt sich hoch, kommt auf dem Rücken des Tieres zum Sitzen und schließlich zum Stehen. Der Oberkörper ist ganz ruhig, die Beine federn im Lauftakt des Reittieres mit.

Was so leicht aussieht, ist das Ergebnis langjährigen Trainings. Und das zahlt sich für den 18-jährigen Abiturienten aus. Bei den Voltigier-Europameisterschaften 2012 wurde er gemeinsam mit seiner Partnerin Gera Grün zweiter im Doppel. In diesem Jahr gewann er die Rheinischen Meisterschaften im Einzel- und Doppelwettbewerb und Bronze im Doppel bei den kontinentalen Meisterschaften. Doch das reicht dem Bergisch Gladbacher nicht: „Mein Ziel ist eine Goldmedaille bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft.“

Zum Voltigieren kam Justin van Gerven zufällig. „Ich bin einmal mit meiner Schwester zum Training gegangen und konnte mitmachen“, erzählt er. Es habe ihm so viel Spaß gemacht, dass er einfach dabei geblieben sei. Das war vor sechs Jahren in Rommerscheid. Vor zwei Jahren wechselte der Bergisch Gladbacher zum Voltigierverein nach Köln-Dünnwald. „Weil hier mehr auf Leistung trainiert wird.“ Den Sport nur als Hobby zu betreiben reichte dem 18-Jährigen nicht mehr. Inzwischen trainiert er hier fast täglich.

Was auf dem Pferd für Figuren geturnt werden soll, wird zunächst in einen Gymnastikraum mit dicken Matten und Holzpferd geübt. Erst wenn hier Aufschwung, Handstand, Salto oder Flic-Flac als Abgang perfekt gelingen, geht’s aufs Pferd. Während Justin van Gerven einen Schulterstand am Holzpferd übt, dehnt und streckt sich seine Doppelpartnerin am Boden. Ein paar Minuten später zieht er Gera Grün hoch zu sich aufs Holzgerät und hebt sie anschließend in die Luft, wo die 15-Jährige einen Spagat macht. „Zwei, drei, vier“, zählt der 18-Jährige laut, während er im gegenüberliegenden Spiegel die Haltung kontrolliert.

Eine normale Trainingseinheit dauert drei bis vier Stunden. „Aber vor Meisterschaften können es auch schon einmal fünf Stunden werden“, erklärt der 18-Jährige. Dazu kommen noch das Stallmisten und die Pferdepflege. Das Training mit dem Tier nimmt nur einen Bruchteil der Zeit in Anspruch, lediglich eine Stunde pro Tag. Gelassen steht Holiday on Ice, kurz Holly genannt, vor der Halle und wartet auf seinen Einsatz. Der neunjährige Bayern-Wallach bekommt ein Schaumstoffpad sowie einen Voltigiergurt aufgelegt. Zum Schluss zieht Justin van Gerven dem Wallach noch gehäkelte Ohrenschützer über, damit er sich nicht vor lauten Geräuschen erschrickt. „Voltigierpferde müssen sehr gelassen sein, ruhig galoppieren und Vertrauen zum Longenführer haben“, fasst der Sportler zusammen. Holly gehört dem Verein und wird von Alexandra Knauf an der langen Leine longiert. Die 31-Jährige turnte früher selbst auf den Pferden. „Jetzt longiere und reite ich nur noch“, sagt sie. Auch für die Tiere ist der Sport anstrengend, weil es die Voltigierer ausbalancieren muss. „Deshalb wird mit Holly nur dreimal in der Woche trainiert, an den anderen Tagen wird er geritten, das ist wichtig zum Ausgleich“, erklärt Knauf. „Und nach einem Turnier geht es mit ihm in den Wald, zum Seele baumeln lassen.“

Für das Training auf dem Pferd haben die Sportler ihre lockeren Trainingshosen gegen eng anliegende Trikots getauscht, damit sich kein Stoff am Gurt verhaken kann und die geturnten Figuren besser zu erkennen sind. Holly beginnt langsam seine Kreise in der Reithalle zu drehen. Zum Warmwerden springen die Voltigierer nacheinander aufs Pferd, kommen in den Kniesitz und anschließend in den Stand, bevor sie wieder abspringen. Dabei klopfen sie immer wieder auf den Hals des Wallachs, bauen so eine Beziehung zum Pferd auf.

Schulterstand auf dem Pferderücken

Dann werden die Übungen komplizierter. Der 17-jährige Miro Rengel übt einen Schulterstand auf dem Pferderücken und lässt einen breiten Grätschsprung zu Boden folgen. Anschließend hebt van Gerven seine Partnerin in die Höhe. „Gut“, ruft der Trainer den beiden zu. „Und fest im Bauch bleiben.“ Bei einer anderen Hebefigur stützt sich die 15-Jährige auf dem Oberschenkel ihres Partners ab. Daraufhin verlassen die beiden das Pferd. Anschließend kommt Jonna Hohbach mit aufs Pferd. Rengel setzt sich rücklings hin und hält Corinna Knauf an der Hüfte fest, die die Elfjährige zu einer Hebefigur hochstemmt.

Kein Geld trotz Leistungssport

„Langsam aufrichten und die Spannung halten“, lauten diesmal die Anweisungen des Trainers. Obwohl er nur ein paar Minuten auf dem Pferd war, ist Justin van Gerven außer Atem. „Viele denken, das ist wie Ponyreiten, aber das ist ein knallharter Sport zudem auch viel Kraft- und Lauftraining gehört“, erklärt er.

Doch auch wenn er Leistungssport betreibt, verdienen kann er mit seinem Sport nichts. „Meistens bringen wir sogar noch Geld mit“, berichtet der 18-Jährige. Für seinen dritten Platz in der Einzelwertung bei den jüngsten Deutschen Junioren-Meisterschaften bekam er 80 Euro. Dagegen stanken Startgeld, Fahrtkosten, Hotelrechnung sowie die Miete für die Pferdebox. Trotzdem ist seine Begeisterung für den Sport ungebrochen.

„Voltigieren ist toll, weil es so unbegrenzt ist, es geht immer noch höher und noch schwieriger“, schwärmt er. „Und der Teamgeist und das Vertrauen untereinander sind einzigartig.“

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