Abriss in OdenthalBitteres Ende der „Schönen Aussicht“
Odenthal – Jetzt ist es endgültig: Die „Schöne Aussicht“, traditionsreiche und einzige Gaststätte auf dem Hahnenberg, wird abgerissen. Für viele Glöbuscher war es ein trauriger Tag, als in der letzten Woche die Bagger anrückten und sich langsam aber unaufhörlich durch das Mauerwerk fraßen. Nach dem Haus Hölzer ist es das zweite Lokal an der Bergstraße, das von der Bildfläche verschwindet. Im Juli 2014 hatte die damalige Wirtin Marion Wagner das letzte Kölsch in der „Aussicht“ gezapft. Unstimmigkeiten mit der Besitzerin der Immobilie über einen Kaufpreis oder anstehende Renovierungen sollen das Geschäftsverhältnis beendet haben. Fakt ist: Der Pachtvertrag wurde nicht verlängert. Die rund 200 Jahre alte, aber nicht denkmalgeschützte ehemalige Fuhrmannskneipe stand leer. Seinen Name hat das Haus von dem grandiosen Blick auf die Kölner Bucht, den man früher dort hatte. Seit der Bebauung des Hahnenbergs in den 60/70er Jahren ist das jedoch Geschichte.
„Nach dem Abbruch gibt es hier nichts mehr, wo man sich mal eben Abends treffen kann“, bedauert Hans Mettig. Der Ratsherr der Bürgerrunde Odenthal (BRO) und Anwohner des Gasthauses verbindet mit der „Aussicht“ viele für sein Leben wichtige Momente. Etwa die Entscheidung, 1982 aus Leverkusen nach Odenthal zu ziehen. Diese besprach er nach der Wohnungsbesichtigung mit seiner Frau im nahe gelegenen Gasthaus. „Wir haben hier viele Jahre gekegelt. Als ich 2010 Prinz Karneval war, hatte ich dort meine Hofburg“, erinnert sich Mettig an die besseren Tage des Lokals. Der letzte Kegelclub, der in der Aussicht noch aktiv war, ist inzwischen nach Schildgen weitergezogen, eine Alternative in Odenthal fand sich nicht.
Ohne Willi ging es bergab
„Nachdem Willi Wolf, der die Aussicht 25 Jahre betrieb, nicht mehr da war, ging es mit der Aussicht bergab“, meint Mettig mit Blick auf die danach häufiger wechselnden Wirte. So ähnlich hat es auch Autor Jürgen Becker dargestellt, der der „Schönen Aussicht“ in etlichen Büchern ein literarisches Denkmal setzte. Becker kam, nachdem Willi Wolf gegangen war, nie wieder in das Lokal in seiner Nachbarschaft.
Der Immobilienmakler, der im Auftrag der Besitzerin, die in Süddeutschland lebt, das Objekt vermarkten sollte, äußert sich nicht gegenüber der Presse, was anstelle des Lokals geplant ist. Ein Vorstoß der Gemeindeverwaltung, in den Zimmern Flüchtlinge unterzubringen, scheiterte. Das rund 1700 Quadratmeter große Areal kann laut Bebauungsplan mit Einfamilien- und Doppelhäusern bebaut werden. Eine Bauvoranfrage liegt aber bei der Gemeindeverwaltung nicht vor. Die Gerüchte, nach denen dort teure, seniorengerechte Eigentumswohnungen entstehen sollen, halten sich wacker.
