HalbjahreszeugnisseDas sagt eine Professorin der FHM in Frechen zu Noten und Schulsozialarbeit

Prof. Dr. Marlies Kroetsch ist Professorin für Sozialpädagogik und Expertin für Kinderschutz an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) mit einem Standort in Frechen.
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Das erste Schulhalbjahr geht zu Ende und die Zeugnisse werden am Freitag, 6. Februar verteilt. Für die Einen Grund für Stolz und Freude, für die anderen aber auch mit Angst und Enttäuschung verbunden. Prof. Dr. Marlies Kroetsch ist Professorin für Sozialpädagogik und Expertin für Kinderschutz an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) mit einem Standort in Frechen. Mit Alexa Jansen sprach sie darüber, wie Leistungsbewertung und der Schutz des Kindeswohl in Einklang gebracht werden können, welche Rolle die Schulsozialarbeit dabei spielen kann – und gibt Tipps, wie Familien mit nicht so guten Noten umgehen können.
Welche Bedeutung haben die Halbjahreszeugnisse für Kinder?
Prof. Dr. Marlies Kroetsch: Zeugnisse sind für Kinder mehr als eine reine Leistungsübersicht. Sie wirken als Rückmeldung über ihre Fähigkeiten und ihre Person. Je nach Noten können sie motivieren, aber auch verunsichern oder Druck erzeugen. Besonders für jüngere Kinder und für Kinder in Übergangsphasen haben sie eine starke emotionale Bedeutung. Zeugnisse können damit Selbstwert, Lernmotivation und Bildungsbiografien nachhaltig beeinflussen. Zeugnisse bilden häufig nicht den Aufwand und die Anstrengungen ab, die Kinder für ihre Leistungen erbringen müssen. Dadurch können sie zur Reproduktion von Chancenungleichheit beitragen.
Was spiegeln die Schulnoten wider?
Schulnoten spiegeln in erster Linie Leistungen in einem bestimmten schulischen Kontext wider. Sie bilden jedoch nicht die gesamte Persönlichkeit, Entwicklung oder die individuellen Lebenslagen von Kindern ab. Faktoren wie Lernvoraussetzungen, familiäre Unterstützung oder gesundheitliche und psychosoziale Belastungen bleiben häufig unberücksichtigt. Noten sind daher immer eine Momentaufnahme, ein Ausschnitt und keine ganzheitliche Bewertung eines Kindes. Diese Differenzierung ist wichtig, um ihre Aussagekraft realistisch einzuordnen.
Wie können Eltern ihre Kinder unterstützen, wenn die Zeugnisse nicht wie erhofft ausfallen?
Eltern können zunächst helfen, indem sie ruhig bleiben und das Zeugnis gemeinsam mit dem Kind besprechen. Wichtig ist, nicht nur Defizite, sondern auch Stärken und Fortschritte in den Blick zu nehmen. Kinder brauchen in solchen Situationen vor allem emotionale Sicherheit und das Gefühl, nicht über ihre Noten definiert zu werden. Unterstützend wirkt es, gemeinsam und in Rücksprache mit den Lehrkräften realistische Ziele zu formulieren und gegebenenfalls Hilfe anzunehmen. Gespräche auf Augenhöhe stärken dabei das Vertrauen und die Motivation. Und auch Zeugnisse, die nicht wie erhofft ausfallen, können gewürdigt werden. In einer Zeitung habe ich diese Tage eine Abstimmungsfrage gelesen, ob Eltern gute Noten ihrer Kinder mit einem gemeinsamen Zeugnisessen belohnen. Ich finde, gemeinsame Zeit, in der man das Schulhalbjahr Revue passieren lässt, sollte es auch bei weniger guten oder schlechten Noten geben. Oder gerade dann.
Welche Rolle kann die Schulsozialarbeit rund um die Zeugnisse einnehmen?
Die Schulsozialarbeit nimmt rund um die Zeugnisse eine vermittelnde und stabilisierende Rolle ein. Sie ist häufig eine der ersten Anlaufstellen, wenn Kinder oder Eltern mit Enttäuschung, Druck oder Sorgen reagieren. Fachkräfte können Gespräche ressourcenorientiert begleiten, einordnen und emotionale Entlastung schaffen. Gleichzeitig machen sie sichtbar, wenn Zeugnisse Ausdruck tieferliegender Belastungen sind. Damit leistet Schulsozialarbeit einen wichtigen Beitrag zum Kinderschutz und zur Prävention. Wichtig ist aber, dass sie kein Gegenspieler zur Schule und den Lehrkräften darstellt, sondern die verschiedenen Systeme – Schule und Elternhaus – in den Blick nimmt und zwischen ihnen vermittelt.
Wie kann die Schulsozialarbeit Kindern, Jugendlichen und auch den Eltern helfen?
Schulsozialarbeit bietet Raum für Gespräche, in denen Sorgen ernst genommen und sortiert werden können. Sie unterstützt Kinder und Jugendliche dabei, ihre Gefühle zu benennen und neue Perspektiven zu entwickeln, gerade auch mit Blick auf die Stärken der Kinder. Eltern profitieren von Beratung, die hilft, schulische Bewertungen einzuordnen und angemessen zu reagieren. Darüber hinaus kann Schulsozialarbeit bei Bedarf weitere Unterstützungsangebote vermitteln. So wirkt sie verbindend zwischen Schule, Familie und externen Hilfesystemen. Manchmal ist es auch wichtig, Diagnostik anzuregen, z.B. bei Verdacht auf Dyskalkulie oder ADHS.
Welchen Stellenwert hat die Schulsozialarbeit in der Interaktion mit den Lehrkräften?
In der Zusammenarbeit mit Lehrkräften hat die Schulsozialarbeit eine ergänzende und reflektierende Funktion. Sie bringt eine sozialpädagogische Perspektive ein, die über Leistungsbewertung hinausgeht. Dadurch können Lehrkräfte für psychosoziale Belastungen oder familiäre Hintergründe sensibilisiert und stellenweise auch entlastet werden. Schulsozialarbeit trägt so zu einem ganzheitlicheren Blick auf das Kind bei. Eine gute Kooperation zwischen Lehrkräften und Fachkräften der Sozialen Arbeit stärkt letztlich das Schulklima und die Unterstützung der Schülerinnen und Schüler.
Wie könnte die Schulsozialarbeit in Deutschland verbessert werden?
Schulsozialarbeit braucht bundesweit verlässliche Strukturen und eine stärkere gesetzliche Verankerung. Noch immer hängt ihre Ausgestaltung stark von kommunalen Ressourcen ab. Verbesserungen wären durch bessere Personalschlüssel, klare Zuständigkeiten und langfristige Finanzierung möglich. Zudem sollte Schulsozialarbeit systematisch in schulische Entwicklungsprozesse eingebunden werden. Das würde ihre Rolle in Schule zum Wohl der Kinder und Jugendlichen nachhaltig stärken.
Zur Person
Prof. Dr. Marlies Kroetsch studierte Sozialwissenschaften an der Universität Hannover, danach war sie Promotionsstipendiatin am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. Sie promovierte in Soziologie über das Thema „Elterliche Kindstötung“ an der Universität Kassel. Anschließend war sie als Referentin für Kinderschutz und Kinderrechte tätig, zunächst beim Deutschen Kinderschutzbund LV Niedersachsen e.V., danach selbstständig.
2019 wurde sie Professorin für Sozialpädagogik an der Fachhochschule des Mittelstandes (FHM). Heute ist sie Studiengangsleitung für den Bachelorstudiengang Sozialpädagogik und den Masterstudiengang Kinderschutz. Ihre Schwerpunkte sind Lehre und Forschung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, ihr besonderes Interesse gilt dem Kinderschutz und der Entwicklung von Kinderschutzkonzepten. (aj)

