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„Blutgrätsche“So denkt Frechens Bürgermeister über seine ersten 100 Tage im Amt

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Auf dem Bild ist ein Mann im Gespräch mit zwei Feuerwehrmännern zu sehen.

 Bürgermeister Uwe Tietz verschaffte sich beim Brand in einer Unterkunft an der Einsatzstelle einen Überblick über die Lage.

Der neue SPD-Bürgermeister Uwe Tietz zieht eine Bilanz seines Starts und spricht über Erfolge, Enttäuschungen und Ziele. 

Nach den Kommunalwahlen sind am 1. November des vergangenen Jahres in drei Kommunen im Rhein-Erft-Kreis neue Bürgermeister angetreten: Uwe Tietz (SPD) in Frechen, Marc Prokop (CDU) in Brühl und Thomas Jurczyk (SPD) in Kerpen. Am Montag (9. Februar) sind die neuen Stadtoberhäupter 100 Tage im Amt – Zeit für eine erste Bilanz. An diesem Wochenende (7./8. Februar) zieht Uwe Tietz ein Resümee, am Montag (9. Februar) folgt Marc Prokop. Aus gesundheitlichen Gründen war eine Bilanz von Thomas Jurczyk nicht möglich, er fällt seit mehreren Monaten krankheitsbedingt aus.

Marode städtische Gebäude, fehlende Wohnungen im sozialen Bereich, zu wenige Plätze in Unterkünften, weitere Verzögerungen bei der Schwimmbadsanierung und vor allem die desolate Stadtkasse – Bürgermeister Uwe Tietz ist kein leichtes Erbe angetreten. Mit Alexa Jansen sprach er über seine ersten 100 Tage im Amt, über Enttäuschungen und Erfolge sowie seine Ziele. 

Was war für Sie die größte Überraschung in den Tagen nach dem Amtsantritt?

Ganz klar: Das Haushaltssicherungskonzept. Im Fußball würde ich sagen, das war eine Blutgrätsche. Nun geht es ans Eingemachte, es entstehen viele Fragen. Ich glaube, es ist noch nicht Allen bewusst, was das bedeutet. Wir müssen gesondert viele freiwillige Leistungen prüfen und uns wohl leider auch von geliebten Standards verabschieden. Es gilt, Prioritäten zu setzen. Es ist eine riesige Herausforderung, es geht um das Stadtleben. Aber wir müssen uns dem jetzt gemeinsam stellen. Es geht hier nicht nur um Zahlen, sondern um Menschen. Besonders der soziale und kulturelle Bereich sowie die Vereine machen sich aktuell besonders viele Sorgen.

Konnten Sie Ihre Amtszeit so starten, wie Sie es sich vorgestellt hatten?

Der Start war intensiv. Verwaltung und Bürgermeister müssen sich zunächst finden, und das in einer angespannten finanziellen Situation. Dennoch konnte ich wichtige Impulse setzen und zentrale Themen auf den Weg bringen.

Welche Projekte haben aktuell für Sie Priorität?

Ganz klar: Wir müssen Wohnungsbau schaffen. Die Gebiete Rhenania West und Grube Carl stehen dabei im Fokus. Wir brauchen bezahlbaren und öffentlich geförderten Wohnraum. Ich bin froh, dass jetzt eine Entscheidung zum Baulandmodell gefallen ist, auch wenn sie von der Ratsmehrheit abgelehnt wurde. Ich hoffe, dass wir jetzt weiterkommen – die Gespräche mit Investoren sind jetzt der Hebel. Wir müssen proaktiv vorangehen. Ich führe bereits gute und vertrauensvolle Gespräche mit Interessenten und den Flächeneigentümern für mögliche Gewerbeansiedlungen, besonders für Strukturwandelflächen. Denn wir wollen Arbeitsplätze sichern, neue Entwicklungsmöglichkeiten schaffen und Gewerbesteuereinnahmen stärken.

Zudem geht es mir um Sicherheit und Ordnung in der Stadt, wir haben mit der Polizei eine verstärkte Sicherheitspartnerschaft geschlossen. Es gab bereits gemeinsame Einsätze mit Kräften des Ordnungsamtes und der Polizei in der Innenstadt. Zudem etabliere ich verschiedene Bürgersprechstunden, um mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen. Auch gegen die Vermüllung in Frechen gehen wir entschieden vor – so führen wir mit der VHS Frechen, dem NABU und den „Füchsen“ im Mai einen Frühjahrsputz an verschiedenen Standorten in der Stadt durch.

Welche Erfolge sehen Sie bereits?

Der Wohnungsbau geht voran, es gibt gute Gespräche. Wir haben einen vom Land geförderten Ehrenamtspreis ins Leben gerufen. Und die Koordinierungsgruppe Schulbau und die Task Force Wohnen stehen unter meiner Leitung. Zudem finden die Bürgersprechstunden große Resonanz.

Wo läuft es schleppender als erhofft?

Ich würde sagen, unter diesen schwierigen Bedingungen bin ich zufrieden.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit dem Stadtrat?

Die Zusammenarbeit ist anspruchsvoll. Die Politik muss sich neu finden und eine gemeinsame rote Linie finden. Es wird wohl wechselnde Mehrheiten geben – das kann auch eine Chance sein, wenn wir sie für gute Lösungen nutzen.

Was machen Sie anders als Ihre Amtsvorgängerin Susanne Stupp (CDU)?

Ich möchte mir keinen Vergleich anmaßen, ich habe meinen eigenen Stil – jeder hat seine Stärken und seine Schwächen. Mir ist frühzeitige Kommunikation besonders wichtig, um möglichst nah am Bürger zu sein.

Was werten Sie als bislang schönstes Erlebnis in den vergangenen 1oo Tagen?

Rund um den schlimmen Brand in der Unterkunft Norkstraße hat sich gezeigt, wie hoch die Handlungsfähigkeit der Verwaltung sowie der Feuerwehr ist und wie sehr Frechen in Stresssituationen zusammen hält. Alle haben hervorragend zusammengearbeitet, das war ein wichtiges Zeichen für die Menschen. Und dann noch die große Spendenbereitschaft für die betroffenen Familien – das zeigt, dass wir eine starke Stadtgemeinschaft sind: In der Not rückt die Stadt zusammen, das hat mich stolz gemacht

Und was als negativstes?

Ganz klar: Die erschwerte Situation durch die angespannte Haushaltslage. Trotzdem nehme ich die Aufgabe an, gemeinsam mit Rat, Verwaltung und Stadtgesellschaft Wege aus dieser Lage zu entwickeln.

Welche Ergebnisse erhoffen Sie sich für Ende des Jahres 2026?

Die Stadt braucht Ziele. Es wird Fortschritte in der Bauleitplanung und im Wohnungsbau geben. Entscheidend wird auch die Beschlussfassung der Nachhaltigkeitsstrategie werden, die zeigt, wo die Stadt in zehn oder 15 Jahren stehen will. Damit werden verschiedene Ziele definiert, die wiederum dem Haushalt guttun. Die Dachstrategie dafür wird diesen Sommer beschlossen.


Zur Person

Uwe Tietz (52) wurde in Dortmund geboren und verbrachte dort auch seine Schulzeit. Nach dem Wehrdienst startete er eine Laufbahn im gehobenen nichttechnischen Dienst im Geschäftsbereich des Bundesministerium des Innern und war dort seit 1997 als Beamter tätig. Er ist seit 2008 SPD-Mitglied und sitzt für seine Partei seit 2014 im Rat der Stadt Frechen. Neben verschiedenen Funktionen als Vorstandsmitglied im SPD-Ortsverein war er auch seit 2020 Vorsitzender des Sportausschusses und Mitglied der Gesellschafterversammlung des Stadtbetriebs. Tietz ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter.