Die ehemalige Kapitänin der Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft wurde 2025 als erste aktive Paraathletin in das Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbunds gewählt.
InterviewSo engagiert sich die Goldmedaillengewinnerin Mareike Miller in Frechen

Mareike Miller bei einem Spiel zwischen Deutschland und Frankreich bei den Paralympics 2016 in Brasilien.
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Die Parasportlerin Mareike Miller (35) spielt Rollstuhlbasketball. Zu den bisherigen Höhepunkten ihrer erfolgreichen Karriere zählen der Gewinn der Goldmedaillebei den Paralympics in London 2012 sowie der Gewinn der Silbermedaille bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro. Sie engagiert sich auch als Athletenvertreterin: So ist sie seit 2020 Gesamtaktivensprecherin des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) mit Sitz in Frechen.
Die ehemalige Kapitänin der deutschen Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft wurde 2025 als erste aktive Paraathletin in das Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbunds gewählt. Beate Schwarz sprach mit ihr über wachsendes Interesse am Parasport und die integrative Kraft von Sport allgemein.
Frau Miller, beim Rollstuhlbasketball können Menschen mit und ohne Behinderung, Frauen und Männer in einem Team spielen. Ist die Sportart anderen voraus?
Mareike Miller: Vielleicht ist Rollstuhlbasketball tatsächlich die inklusivste Sportart. Es ist aber auch einfach eine sinnige Lösung, dass Männer und Frauen mit und ohne Behinderung zusammen spielen, weil eben eine begrenzte Anzahl Menschen den Sport betreiben. In den Teams gibt es deutlich mehr Männer. Und ob die Leistung von Frauen in gemischten Mannschaften gleichgestellt wertgeschätzt wird, hängt immer noch an den einzelnen Beteiligten. Von daher ist Rollstuhlbasketball nicht automatisch weiter als andere Bereiche der Gesellschaft.
Sie haben zunächst als Fußgängerin Basketball gespielt. Warum sind Sie zum Rollstuhlbasketball gewechselt?
Ich hatte schon als Jugendliche viele Verletzungen und wurde Sportinvalide. Der Rollstuhlbasketball war die Möglichkeit, weiterhin Leistungssport zu betreiben.
Worauf kommt es beim Rollstuhlbasketball an?
Man braucht Arm- und Oberkörperkraft, Koordination und Spielübersicht. Viele, die es das erste Mal probieren, sind überrascht, wie herausfordernd der Sport ist. Es ist nicht einfach, mit zwei Händen zwei Räder plus Ball zu kontrollieren. Oft fehlt die dritte Hand. Der Korb hängt wie beim Fußgängersport auf 3,05 Meter Höhe – da muss der Ball rein, auch ohne Bein- und Sprungkraft. Man muss außerdem aufpassen, dass man nicht in die Gegenspieler rollt und den freien Mitspieler finden.
Sie haben viele Titel geholt und viele Turniere gespielt. An welche Erlebnisse erinnern Sie sich am stärksten?
Da ist die WM 2010. Es war meine erste Weltmeisterschaft, und wir sind direkt mit der Silbermedaille nach Hause gefahren. Das Finale haben wir mit einem Punkt verloren – da lagen Freude und Leid natürlich ganz dicht beieinander. Dann die Paralympics 2012 in London. Mit der Goldmedaille haben wir die absolute Spitze erreicht. Es waren auch die ersten paralympischen Spiele, die medial viel Platz bekamen. Und als Drittes die Weltmeisterschaft 2018 in Hamburg. Die Halle war immer ausverkauft und wir haben die Bronzemedaille geholt. Ich habe damals für Hamburg in der Bundesliga gespielt und wurde nach dem Turnier als Hamburgerin des Jahres ausgezeichnet. Das werde ich sicher alles nie vergessen.
Kann man vom Rollstuhlbasketball leben?
Selbst die meisten Bundesligavereine können nicht allen Akteuren Gehälter zahlen. Einige Sportlerinnen und Sportler haben im Verein einen Minijob, einige erhalten Sportförderung durch die Nationalmannschaft dazu. Wie ich betreiben Viele Rollstuhlbasketball als Hobby. Ich habe Betriebswirtschaft studiert und arbeite Vollzeit im Bereich Business Development.
Wie oft sind Sie in der Halle?
Derzeit spiele ich für die Nürnberg Falcons in der zweiten Bundesliga. Wir trainieren dreimal pro Woche mit der Mannschaft, dazu kommt Individualtraining. Am Wochenende haben wir ein Spiel.
Seit 2017 engagieren Sie sich ehrenamtlich für Athletinnen und Athleten. Warum? Was konnten Sie bewegen?
Ich wollte schon immer verstehen, wie das System funktioniert. Als ich erstmals gewählt wurde, war ich für Athletenförderung zuständig. Die ist natürlich für alle Leistungssportlerinnen und -sportler wichtig. Außerdem stand die Reform der Kaderkriterien im paralympischen Sport an, da konnte ich Ideen einbringen. 2020 wurde ich Gesamtaktivensprecherin, seit 2021 bin ich im Präsidium von Athleten Deutschland e.V. und seit 2025 im Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbunds. In allen drei Funktionen vertrete ich die Interessen von behinderten und nicht behinderten Athletinnen und Athleten.
Ist die Wertschätzung gegenüber dem Parasport in den letzten zehn Jahren gewachsen?
Ja. Allein, dass der Fördersatz für behinderte und nicht behinderte Sportlerinnen und Sportler seit 2019 gleich ist, ist ein Riesenschritt. Auch die Kaderkriterien haben sich verbessert. Und das mediale Interesse ist enorm gestiegen. Für eine vollständige Gleichstellung und angemessene Wertschätzung sind allerdings noch viele Dinge zu tun.
Wie könnte mehr Interesse für den Rollstuhlbasketball geweckt werden?
Bei großen Turnieren könnten zum Beispiel Rollstuhlbasketball-Showspiele oder Mitmachaktionen stattfinden. Aber ganz allgemein sollte das Thema Behinderung und Sport mehr in den Alltag integriert werden.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Wenn sich im Schulsport alle mal auf den Boden setzen und Sitzvolleyball ausprobieren, erleben sie, wie es ist, Sport zu machen, ohne seine Beine zu benutzen. Das wäre eine einfache Möglichkeit, Behindertensport erlebbar zu machen.
Paraschwimm-Goldmedaillengewinner Josia Topf sieht im Umgang mit behinderten Spitzensportlern und Behinderten allgemein eine Verklärungstendenz. Er sagt, er halte nichts von Sprüchen wie „Jeder Behinderte ist eine Inspiration.“ Auch sei Behinderung eine sehr unschöne Realität. Wie sehen Sie das?
Ich verstehe ihn. Früher waren Berichte über Menschen mit Behinderung oft von Mitleid geprägt, der „Schicksalsschlag“ stand im Mittelpunkt. Davon wegzukommen ist eine wichtige und richtige Entwicklung. Gleichzeitig darf man das Leben mit einer Behinderung nicht verharmlosen. Eine Behinderung bringt reale Einschränkungen, zusätzliche Belastungen und oft auch strukturelle Hürden im Alltag mit sich. Wenn ein Paraathlet erfolgreich ist und viel unterwegs ist, heißt das nicht, dass sein Leben dadurch automatisch leicht oder beneidenswert wird. Man sollte beide Facetten sehen.
Wie wichtig ist Sport für unser Miteinander?
Sehr! Mein größter Wunsch ist, dass insgesamt mehr Menschen Sport treiben oder sich Sport ansehen. Sport hat einen großen gesellschaftlichen und integrativen Wert. Ich hoffe, dass die Bewerbung Deutschlands als Austragungsort für die Olympischen und Paralympischen Spiele etwas bewegt.
Der Deutsche Behindertensportverband und Nationales Paralympisches Komitee (DBS) e.V. ist im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) der Spitzenverband für den Leistungs-, Breiten-, Präventions- und Rehabilitationssport von Menschen mit Behinderung und Nationales Paralympisches Komitee für Deutschland.
Mit seinen 17 Landes- und 2 Fachverbänden sowie fast 6.300 Vereinen und knapp 525.000 Mitgliedern gehört der DBS zu den weltweit größten Sportverbänden für Menschen mit Behinderung. Die Sportarten innerhalb des Verbandes sind in Abteilungen bzw. Fachbereichen organisiert. Der Sitz der Bundesgeschäftsstelle ist in Frechen. (aj)
