Eine besondere Adresse ist das Hotel Fit: Hier beginnen fünf Wanderwege, und der Betrieb setzte vom Start weg auf Inklusion - auch bei den Beschäftigten.
GastrotippEinkehr mit Eintopf - Am Mucher Hotel Fit beginnen fünf Wanderwege

Ausblick: Der Wintergarten wurde nachträglich ans Hotel Fit angebaut. Dort gibt es auch Kaffee, Kuchen und Eintopf für Wanderer.
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In der Gastronomie geht es für die Beschäftigten nicht gerade geruhsam zu, das ist kein Geheimnis. Können hier Menschen mit Behinderungen arbeiten? Wie das funktioniert, zeigt das Hotel Fit im Ortsteil Berghausen unweit der Germana-Kapelle, ein beliebter Einkehrort für Wanderer.
„Stress? Den habe ich nicht“, sagt Myriam Siegel-Meyer und präsentiert strahlend zwei Bleche mit Kirschstreusel. Die Küchenhilfe ist eine von 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die für die Zimmer, die Küche und den Service zuständig sind, fünf davon haben Assistenzbedarf. Alles langjährige Kräfte, lobt Frank Herrmann. Die Zusammenarbeit, räumt der Betriebsleiter ein, habe sich einspielen müssen und erfordere Fingerspitzengefühl.
Der Inklusionsbetrieb bietet für Menschen mit Behinderung sechs Vollzeitstellen auf dem ersten Arbeitsmarkt
„Alle müssen ihre Leistung bringen“, sagt Hermann, der vor 26 Jahren den Umbau der alten Jugendherberge aus den 1970er-Jahren zum Hotel mit Restauration verantwortlich begleitete. Und alle würden gleich bezahlt, eine Besonderheit auch bei der Lebenshilfe Rhein-Berg, der das Fit gehört. Es sind Vollzeitstellen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die sechste fürs Housekeeping ist derzeit frei, die Suche läuft.
Üblicherweise erhalten Menschen, die zum Beispiel in Behindertenwerkstätten arbeiten, nur wenige Euro Stundenlohn. Leistung bedeute für ihn nicht unbedingt, 100 Prozent zu geben, sagt Herrmann. Auf die Tagesform werde Rücksicht genommen, den Teammitgliedern mit Assistenzbedarf möglichst rechtzeitig unter die Arme gegriffen, „bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist“. Die Gäste sollen zufrieden sein.

Den Kirschstreusel hat Küchenhilfskraft Myriam Siegel-Meyer gebacken.
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Nicht alles sei zu schaffen, erklärt der erfahrene Küchenchef. Der 58-jährige Mucher lernte einst Koch im Landhaus Salzmann in Sommerhausen, übernahm später das Lokal für sechs Jahre, arbeitete in weiteren renommierten Restaurants - unter anderem im Münchner Tantris (drei Sterne), im St. Leonberger Schloss Höfingen (ein Stern) und im Lohmarer Schloss Auel, zuletzt als Betriebsleiter.
In Much habe er den stark frequentierten Biergarten schließen müssen, zu groß war die Belastung fürs Team. „Hier beginnen fünf Wanderwege.“ Im neu angebauten Wintergarten, der eine weite Aussicht in drei Himmelsrichtungen bietet, gibt es nachmittags und am Wochenende ab 11 Uhr Kaffee und Kuchen für die Wanderer und immer auch einen Eintopf.
Wer sich anmeldet, kann sich auch am Mittagsbuffet bedienen, das die Woche über für die Teilnehmer von Tagungen und Freizeiten vorbereitet wird. Oder beim Brunch am Sonntag. Eine A-la-carte-Küche sei nicht möglich. Das Tagungsgeschäft hingegen lasse sich gut planen, genauso wie Gesellschaften mit bis zu 120 Personen, Hochzeiten, Taufen, Kommunion, Geburtstage. „Unser Vorteil ist: Wir können alles“, sagt Frank Herrmann, von gut bürgerlich bis fein.
Das Drei-Sterne-plus-Hotel in Much hat 34 Zimmer
Tagungen sind eine feste Säule, bringen etwa 75 Prozent des Umsatzes. „Wir müssen ja Geld verdienen, schreiben seit fünf Jahren schwarze Zahlen“, sagt Herrmann. Damals übernahm er die Betriebsleitung.
Im weiten Umkreis gibt es nichts Vergleichbares: Das Drei-Sterne-plus-Hotel mit seinen 34 Zimmern, mit Lobby, Freizeitraum, großzügigem Außengelände und Spielplatz ist barrierefrei und auf Menschen mit Behinderungen spezialisiert. Knapp 50 solcher Einrichtungen deutschlandweit haben sich in Embrace-Netzwerk zusammengeschlossen, die Zentrale sitzt in Much.

"Gerade in einem Inklusionsbetrieb muss Herzblut stecken sonst schmeckt es nicht, weder den Gästen, noch den Mitarbeitern", sagt Frank Herrmann, Betriebsleiter und Küchenchef im Hotel Fit.
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Der Inklusionsgedanke behagte nicht jedem Besucher, schildert der 58-Jährige. So wurde schon die Bitte geäußert, doch nicht von Mitarbeitern mit Behinderung bedient zu werden. Auf solche Gäste verzichte er gern.
Speziell geschult für den Umgang und die besonderen Anforderungen im Arbeitsalltag wurde niemand im Fit. Der Mehraufwand, für alle mitzudenken, habe sich eingespielt. Jeder sei mit Leidenschaft bei der Sache: „Da muss auch Herzblut drinstecken, sonst schmeckt es nicht, weder den Gästen noch den Mitarbeitern.“
Anfangs sei die körperliche Nähe, die einige Beschäftigte suchten, schon gewöhnungsbedürftig gewesen, gesteht der Chef: gedrückt und geherzt zu werden in einer Branche, „wo oft die Ellbogen ausgefahren werden“.
In der Hotelküche in Much hängen Hinweise in einfacher Sprache
Dass hier Menschen mit und ohne Behinderungen Hand in Hand arbeiten, ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Wer genauer hinschaut, bemerkt zum Beispiel in der Küche hier und dort Zettel mit Arbeitsanweisungen, wenige, kurze Sätze in einfacher Sprache, Beispiel: „Wenn der Käse verläuft, ist das Baguette fertig und muss raus aus dem Ofen.“ Einmal die Woche unterstützt und berät eine Arbeitsassistenz das Team.
Über Karneval war es ruhig, mit den ersten Sonnenstrahlen im Frühjahr werden mehr und mehr Wanderer kommen und Waffeln mit oder ohne Sahne, Kirschen, Puderzucker bestellen; Kaffee, aber nur mit Sojamilch; der gemischte Eisbecher bitte ohne Erdbeer - auch die kleine Karte birgt Fallstricke im Inklusionsbetrieb. Im Stress die Ruhe zu bewahren, dafür müsse man geeignet sein, sagt Herrmann. Das gelte aber für alle.
Hotel Fit, Berghausen 30, Much, geöffnet sieben Tage die Woche, 02245/ 600 10, erreichbar per E-Mail, Infos auch auf der Homepage.
Eine kleine Übersicht
Bergische Waffeln ab fünf Euro, Pizza-Snacks ab drei Euro, hausgemachter Blechkuchen ab drei Euro, herzhafte Eintöpfe ab 6,50 Euro und verschiedene Eisbecher ab 3,50 Euro.

