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Paulinenhof Eitorf Am Pferd lernen Manager Führungsstärke

Vorsichtige Kontaktaufnahme mit dem Mitarbeiter Pferd: Für die Manager ungewohntes Terrain.

Vorsichtige Kontaktaufnahme mit dem Mitarbeiter Pferd: Für die Manager ungewohntes Terrain.

Eitorf – Wenn Rusty nicht will, dann will er nicht. Der achtjährige Wallach bleibt stehen. „Komm?“ Die gesäuselte Frage seines zweibeinigen Gegenübers quittiert das Pferd mit einem Blick. Und der ist skeptisch. Sehr.

„Rusty lässt sich nicht so leicht überzeugen“, lacht Gudrun Schönhofer-Hofmann. Genau deshalb ist der gefleckte Appaloosa einer ihrer besten Mitarbeiter. Die Besitzerin des Eitorfer Paulinenhofs bietet auf ihrem Gestüt Führungstraining für Manager an. Zwischen acht und zehn Pferde aus ihrer eigenen Zucht stellt sie dabei den Führungskräften an die Seite. Die kommen oft aus Banken oder Versicherungen, sind meist männlich, haben schon jede Menge Fortbildungen absolviert und „beginnen das Seminar häufig mit den Worten, dass sie sich nicht gerne etwas sagen lassen“, berichtet die Coachin-Expertin. Müssen sie auch nicht, denn beim pferdegestützten Führungstraining kommt es auf non-verbale Kommunikation an. „Auf Präsenz, darauf, eine klare Absicht zu haben.“

Ein Pferd ist unbestechlich

Das, was die Manager unter Dominanz verstünden, so die Erfahrung von Schönhofer-Hofmann, bringe sie bei der Arbeit mit Pferden oft nicht weiter. Wenn zum Beispiel das Pferd zum Rückwärtsgehen gebracht werden soll, der Mensch sich dabei aber nicht bewegen darf. „Wer den anderen bewegt, der führt“, sagt die Trainerin, die seit 2004 mit Methoden aus dem Bereich des systemischen Coachings arbeitet. „Und wenn ich ganz klar in meiner Absicht bin, dann funktioniert das.“

Die Voraussetzungen

Seit Jahren ist das Führungskräftetraining mit Pferden als Fortbildungsmethode weltweit verbreitet. Gudrun Schönhofer-Hofmann hat 2014 eine Ausbildung zur Trainerin bei Horsesense absolviert. Einmal im Jahr gibt es ein Treffen der Coacher zur Supervision. Die für die Führungskräfte-Seminare eingesetzten Pferde und der Hof wurden vom Veterinäramt überprüft. „Das finde ich sehr gut“, so die Trainerin.

Auf über 3500 Coachings kann Gudrun Schönhofer-Hofmann, die seit mehr als zehn Jahren ihre eigene Beratungs-Agentur Rootfinder betreibt, zurückblicken. Sie bietet Familienaufstellungen – auch für Tiere – an und hat Ausbildungen in Tierpsychologie, Akupunktur und Homöopathie. (seb)

Sich dem großen Tier nähern, es putzen, am Halfter halten, um Pylone herumgehen und es schließlich ganz ohne Strick „führen“: Das sind die Aufgaben, die die Manager an dem Fortbildungstag auf der Eitorfer Ranch haben. Körpersprache, Fokus: Einem Pferd kann man nichts vormachen, das merkt, ob man es ernst meint. „Unsere Pferde haben ihre Instinkte, die sind unbestechlich“, sagt die Gestütsbesitzerin. So wie Rusty: „Wenn es ihm zu bunt wird, dann kann der auch schon mal haschen.“ Genau deshalb ist Rusty als „Sparringspartner“ so unentbehrlich: „Wir machen eine Abgrenzungsübung, bei der der Teilnehmer um seinen Stuhl seine Komfortzone einkreist. Die Aufgabe besteht darin, dass das Pferd diese Zone nicht betreten darf“, schildert die 48-Jährige. „Aber Rusty bringt es fertig und setzt sich auf den Stuhl.“ Ein Aha-Erlebnis: „Die Leute, denen das passiert, sind dann total perplex und berichten, dass das genau ihre Arbeitssituation widerspiegelt; dass andere an ihrem Stuhl sägen.“

Gudrun Schönhofer-Hofmann mit Rusty

Gudrun Schönhofer-Hofmann mit Rusty

Führungskräftecoaching mit Pferden halte den Teilnehmern einen Spiegel vor, so die Erfahrung von Schönhofer-Hofmann, die in ihrer eigenen Praxis Familienaufstellungen anbietet und mit „Die geheime Macht des Clans“ auch ein Fachbuch zu dem Thema geschrieben hat. Durch die Reaktion der Tiere sagt die Coacherin, „erkennen die Teilnehmer, wo sie in einer Gruppe stehen, was sie an ihrem Führungsstil optimieren können. Von den Pferden lassen sich die Herren sagen, wo ihre Qualitäten und Defizite liegen“. Immer wieder ist sie überrascht, sagt sie, „wie viel Bauchgefühl die Männer im Umgang mit dem Pferd entwickeln“.

Erfolgreiche Appaloosa-Zucht

Seit 2009 betreibt Schönhofer-Hofmann mit ihrem zweiten Mann Markus, einem Springreiter, den 25 Hektar großen Paulinenhof als landwirtschaftlichen Betrieb. Seit zwei Jahren bietet sie das Führungstraining an. „Ich wollte meinen Beruf mit den Pferden kombinieren“. Die Zucht ist ein weiteres Standbein: „Mein Herzenswunsch ist es, die Appaloosa hier zu etablieren“, berichtet die Liebhaberin der amerikanischen Rasse, die erst mit Mitte 20 ihre Liebe zu den Pferden entdeckte. Zwei ihrer Pferde sind im vergangenen Jahr Europameister im Pleasure-Reiten geworden und verteidigen ab heute in Aachen ihre Titel. Vier Alpakas gehören auch zum Hof-Inventar: „Die passen so gut in unsere Welt – die machen auch genau das, was sie wollen.“