75 Jahre 1. FC KölnAlle nannten ihn „Boss“ – Franz Kremer, der Vater des FC-Erfolges

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FC-Präsident Franz Kremer winkt im Jahr 1966 den Fans und hält einen Geißbock an der Leine.

FC-Präsident Franz Kremer mit Geißbock im Jahr 1966.

Köln - Es gehört wohl zum Wesen einer Diva, sich ein wenig jünger zu machen, als man ist. Der 1. FC Köln, fraglos eine der größten Diven im deutschen Fußball, feiert am 13. Februar 2023 zwar 75. Geburtstag. Doch ein Hinweis auf das Gründungsjahr 1948 findet sich nicht im Vereinsnamen. Tatsächlich heißt der FC mit vollem Namen 1. FC Köln 01/07 e.V., was ein Hinweis ist auf die beiden Vorläufervereine, die am 13. Februar 1948 fusionierten: Sülz 07 und der Kölner Ballspiel-Club (KBC), so hießen die Klubs, aus denen ein Verein erwuchs, der heute mehr als 120.000 Mitglieder zählt und längst so viel mehr ist als ein Fußballverein.

Nimmt man den KBC, findet sich eine weitere Jahreszahl. Denn der KBC war aus dem „Kölner Fußball Club Borussia“ hervorgegangen, den es schon seit 1899 gab. Der 1. FC Köln dürfte also im kommenden Jahr auch durchaus seinen 125. Geburtstag feiern. Tut er aber nicht.

Denn die Geburtsstunde des FC liegt unbestritten in der Nachkriegszeit, und Franz Kremer war der Vater. Seit 1947 war er Vorsitzender des KBC, für den er zuvor Fußball, Handball und Hockey gespielt hatte. Kremer war als Unternehmer wohlhabend geworden und ein Mann mit großem Einfluss. Zunächst plante er die Fusion mit Union Köln, doch daraus wurde nichts. Dann versuchte er es in der Nachbarschaft: Der feinere KBC aus Klettenberg machte der Spielvereinigung Sülz 07 Avancen. Sülz war zu diesen Zeiten noch ein echtes Arbeiterviertel, auch das kann man sich heute kaum noch vorstellen.

FC-Präsident Franz Kremer mit Geißbock im Jahr 1966.

FC-Präsident Franz Kremer mit Geißbock im Jahr 1966.

Ein Glücksfall für den 1. FC Köln

Damals war gerade die Oberliga West als höchste Spielklasse eingeführt worden, für keinen der beiden Vereine war diese Liga zu erreichen. Die Gegenwart war düster und trist; die Stadt überwiegend zerstört. Es gab kaum Plätze, es fehlte an allem.

Was der Fusionsentwicklung von Anfang an Fahrt verlieh, war die einhellige Meinung der Vereinsvorstände. Sie waren von der Idee eines Sülz-Klettenberger-Gesamtvereins begeistert, und sie waren sich auch schon einig, wer das neue Gebilde anführen sollte: Franz Kremer, der Glücksfall für den FC.

Am 12. Februar 1948 versammelten sich 165 Mitglieder von Sülz 07 im Hörsaal IV der Kölner Universität. Es ging heiß her: Spieler sorgten sich um ihren Platz in der ersten Mannschaft; Funktionäre um ihre Posten. Doch am Ende siegte der Wille, in eine große Zukunft zu starten. Einen Tag später schritt der KBC in der Stadtküche Bertram auf der Luxemburger Straße zur Abstimmung. 166 Mitglieder waren dabei, 156 entschieden sich für den Zusammenschluss, keiner dagegen, zehn enthielten sich. Noch am selben Abend wurde – immer noch auf der Luxemburger Straße, diesmal aber in der Gaststätte Roggendorf – die Gründungsversammlung des neuen Klubs abgehalten, der auf Vorschlag der Versammlung den Namen 1. FC Köln tragen sollte.

Am Namen störten sich viele in der Kölner Fußballszene, denn der neue Großverein mochte erfolgshungrig sein – der erste und damit älteste Kölner Fußballverein war er aber bei weitem nicht. Doch war der Name ohnehin nicht historisch gemeint. Denn die Gründer wollten nicht dokumentieren, dass sie die Ersten waren. Sie wollten die  Besten sein. „Tradition hat nur dann Sinn, wenn der Wille zu noch größeren Taten vorhanden ist“, lautet die zentrale Botschaft des 1967 verstorbenen Franz Kremer, den alle den „Boss“ nannten. Und große Taten sollten folgen.

Franz Kremer wurde einstimmig zum ersten Vorsitzenden gewählt. Die Wahl fiel den Delegierten leicht, von Kremer stammte schließlich die legendäre Frage: „Wollt ihr mit mir Deutscher Meister werden?“ Als Vereinsfarben wurden Rot und Weiß festgelegt, was passenderweise sowohl die Stadtfarben als auch die Kolorierung von Sülz 07 war, Trikotsorgen gab es also nicht. 24 Stunden später erhielt der 1. FC Köln die Spielgenehmigung.

Schon am 15. Februar spielte der Klub in der Rheinbezirksliga, Gruppe eins, gegen Nippes 12. Der FC ersetzte somit Sülz 07, 2432 Zuschauer sahen in der Radrennbahn ein 8:2 des Kremer-Klubs. Das erste FC-Tor (und noch vier weitere an diesem Tag) erzielte Walter Radant, der in 45 Spielen für die Kölner 32 Treffer erzielte. Zwar verloren die Kölner das erste Auswärtsspiel (2:3 beim FV Bad Godesberg), dennoch beendeten sie ihre Premierensaison auf dem ersten Platz – womit sie sich für die Aufstiegsrunde in die Oberliga-West qualifizierten.

1500 FC-Fans reisten zum Hinspiel bei Rhenania Würselen und glaubten anschließend, mit dem 0:0 den Aufstieg  in der Tasche zu haben. Doch im Rückspiel vor mehr als 20 000 Zuschauern übernahm Würselen nach einer halben Stunde die Führung – und gab sie nicht mehr her. Das erste Jahr der Kölner Klubgeschichte endete also mit einer Enttäuschung.

Begeisternde Qualifikation der Kölner gegen Bayer 04 Leverkusen

Zur nächsten Saison wurde Hennes Weisweiler Spielertrainer, zudem schloss sich Hans Schäfer dem Verein an – es war die Ankunft zweier kommender FC-Legenden. Köln marschierte durch die Saison. 24 Siege und 114 Tore in 26 Spielen gelangen den Kölnern. Erneut  standen sie in der Qualifikation gegen den Meister der anderen Rheinbezirksliga: Bayer 04 Leverkusen.

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Der 1. FC Köln vor dem Aufstiegsspiel zur Oberliga West bei Bayer 04 Leverkusen im Jahr 1949

Nach einem 2:0 im Hinspiel vor 22 000 Zuschauern in der Radrennbahn gelang im Rückspiel ein 3:1, der 1. FC Köln war in der höchsten Spielklasse angekommen. Tausende Fans waren nach Leverkusen gekommen, viele zu Fuß, wie die Chroniken berichten. Die Straßen rund um das Leverkusener Stadion waren komplett überfüllt, Tausende Fans kamen nicht einmal bis ans Stadion. Die Begeisterung war gewaltig. Es gab einen Platzsturm, die Stadt feierte anschließend tagelang.

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Die FC-Aufstiegsmannschaft von 1949

Geißbock Hennes seit 1950 mit dabei

Der 1. FC Köln war nun ein Amateurverein mit Vertragsspieler-Abteilung, echtes Profitum gab es noch nicht. Doch Franz Kremer bot den Spielern, die auf seiner Wunschliste standen, mehr als die damals erlaubten 320 Mark pro Monat: Berufsausbildung, Lebensversicherung, für schon etablierte Kicker wie Paul Mebus oder Jupp Röhrig Existenzgründungen, persönliche Lebenshilfe. Dank Kremer fanden die besten Spieler der Region ihren Weg nach Köln. Dank Jupp Röhrigs Regiekünsten und Schäfers Klasse ging es mit dem 1.FC Köln steil nach oben, zudem konnten sie seit dem Jahr 1950 auf die Dienste ihres Glücksbringers Hennes setzen, benannt nach Hennes Weisweiler; der Geißbock war ihnen anlässlich einer Karnevalssitzung im Februar 1950 anvertraut worden.

Die Kölner etablierten sich im oberen Viertel der Oberliga; im Jahr 1953 qualifizierten sie sich als Westdeutscher Vizemeister erstmals für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, 1954 wurden sie erstmals Westdeutscher Meister. Zwei Kölner waren anschließend am Wunder von Bern beteiligt, Paul Mebus und Hans Schäfer wurde nach dem WM-Gewinn 1954 in Köln ein triumphaler Empfang bereitet.

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FC-Legende Hans Schäfer mit einer Plakette zum ersten Kölner Aufstieg 1949

Seit dem Jahr 1953 residierte der 1. FC Köln am Geißbockheim, der Verein setzte Maßstäbe, was Strukturen anging. Das erste Jahrzehnt der Vereinsgeschichte endete zwar mit einer weiteren Westdeutschen Vizemeisterschaft. Doch in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft sollte es nicht zum ersehnten Titelgewinn reichen.

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