Kommentar zur FortunaMehr Basisnähe bedeutet auch mehr Risiko

Thomas Stratos (l.) und Hanns-Jörg Westendorf
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- Für Fortuna Köln bricht ein neuer Abschnitt an. Der neue Trainer ist dafür nur ein Indikator.
- Der Verein ersetzt Professionalität durch Basisnähe. Die Fortuna will sich auch vor zu viel Macht durch Investoren schützen, um „Zustände wie im tiefsten Russland”, so eine verbale Spitze in Richtung anderer Klubs, zu vermeiden.
- Ist diese Strategie vielversprechend? Ein Kommentar.
Köln – Zwar fiel der Name Michael W. Schwetje am Montagmorgen auffallend selten, doch die Neustart-Botschaft bei Fortuna Kölns Präsentation des neuen Trainers und der neuen Ausrichtung war eindeutig: Investor Schwetje ist Vergangenheit, und etwas Ähnliches möchten wir nicht mehr. Die Vereinsführung will sich schnellstmöglich vom jahrelang fast allmächtigen Geldgeber emanzipieren.
Innerhalb weniger Minuten wurde mit vielen Gebräuchen, die Schwetje gepflegt hatte, gebrochen, und Standpunkte, die er vertreten hatte, wurden verschoben. Als Ergebnis wird wohl ein Stück Professionalität durch Basisnähe ersetzt werden.
Fortunas Vorsitzender Hanns-Jörg Westendorf – nach Schwetjes Abschied mit deutlich mehr Kompetenzen als zuvor – verwies am Beispiel KFC Uerdingen auf den schädlichen Einfluss mächtiger Mäzene. Beim Krefelder Drittligisten regiert Präsident Mikhail Ponomarev tatsächlich als Autokrat und verbreitet Chaos. Zustände „wie im tiefsten Russland“ (Westendorf) wolle man beim SC Fortuna Köln nicht haben. Diese Formulierung wäre Schwetje wohl so nie herausgerutscht. Im Kern hat der Präsident dennoch Recht.
„Nein“ zu Investoren
Mit dem „Nein“ an alle Investoren greift Fortuna Kölns Klubführung die Angst vieler Fans vor dem mächtigen Mann mit dem vielen Geld auf, der den Verein seiner Identität beraubt und schließlich zugrunde richtet – wobei Schwetje beim Thema Chaos nie auch nur annähernd in einer Liga gespielt hat wie Ponomarev in Uerdingen oder auch Hasan Ismaik bei 1860 München. Solche Vergleiche wären also völlig fehl am Platz.
Ungeschoren kam Schwetje dennoch nicht davon. Denn ohne den alten Chef beim Namen zu nennen, wurden vom neuen Geschäftsführer Benjamin Bruns gleich mehrere Problemfelder genannt, die von Kritikern auch oft als Vorwürfe in Richtung Schwetje vorgetragen wurden: „Fans kamen nicht zur Geltung“, „zu alten Tugenden zurückfinden, würde uns ganz gut tun“ oder auch das Streitthema Ticketpreise – wo Bruns gleich ein Plakat aus dem Bereich Stehplatz Mitte zitierte: „Ein Zehner für ’nen Steher“.
Die Nähe zur Basis zu suchen, ist mit Sicherheit ein richtiger Weg. Doch zu hoch darf der Preis, der an Professionalität gezahlt werden muss, nicht sein. Sonst wird es beim SC Fortuna Köln künftig regelmäßig Neustarts geben.
