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Kölner Judoka Miryam RoperHarter Kampf für den großen Wurf bei Olympia

6 min
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Miryam Roper (im blauen Anzug Panamas) in ihrem Viertelfinal-Kampf bei der WM 2017 in Budapest gegen  die Portugiesin Monteiro.

Köln – Miryam Roper ist jetzt 38 Jahre alt, sie ist beharrlich und in Bezug auf ihre Karriere stur, an so etwas wie Aufgeben denkt sie nicht. Erst mit 25 Jahren schafft sie den Sprung in die deutsche Judo-Nationalmannschaft – und verletzt sich kurz danach schwer. Mit 30 Jahren, 2012, bestreitet sie in London ihre ersten Olympischen Spiele – und scheidet in der Vorrunde aus. 2013 rückt sie auf Rang eins der Weltrangliste vor – und kann drei Jahre später bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio ihre Leistung wieder nicht abrufen. Nach den Spielen streicht sie der Verband aus dem deutschen Kader. Aber Roper hat weitergemacht.

Gerade bereitet sie sich   auf ihre dritten Olympischen Spiele vor – 2021 will sie in Tokio dabei sein. Sie trage die innere Überzeugung in sich, dass sie es schaffe, sagt sie: „Es gibt nichts, was mich aufhalten kann auf dem Weg zu diesem Ziel.“ Aufhalten hat sich Myriam Roper noch nie lassen.

Anfang mit sechs Jahren

Mit sechs Jahren schicken die Eltern sie zum Judo, wie zuvor schon ihren Bruder. Ihr erster Verein:   TV Eintracht Heinsberg. Selbstbewusst und stark sollten die Geschwister werden, sich wehren können. Vor allem, weil sie die einzigen schwarzen Kinder in der Umgebung waren, klein und schmächtig, in einem Dorf mit ein paar tausend Einwohnerin zwischen Aachen und Mönchengladbach. Mit 14, im Jahre 1996, sieht Miryam Roper im Fernsehen die Bilder der Olympischen Spiele von Atlanta und entscheidet: da möchte ich auch hin.

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Miryam Roper beim Training in Köln

Normalerweise durchlaufen Nachwuchs-Judoka einmal das komplette Fördersystem. „U18, U21, dann ist man drin. Man wächst meistens in der  Nationalmannschaft auf“, sagt Roper. In der Schulzeit wohnt sie aber noch immer in Heinsberg. Keine idealen Startbedingungen. Zum Leistungszentrum in Köln dauert es mit Bus und Bahn zweieinhalb Stunden. So oft es geht, fährt Roper zum Training an den Olympiastützpunkt. Parallel trainiert sie im Verein, den sie zweimal wechselt. Heute ist sie beim TSV Bayer 04 Leverkusen. „Es war einfach das, was ich wollte“, sagt sie über  Judo, und: „Auf der Matte spüre ich: Das bin ich“.

 Der Kampf sei ihre Leidenschaft. Um näher am Leistungszentrum zu sein, zieht sie später nach Köln und studiert Betriebswirtschaftslehre. Daneben arbeitet sie: Bäckerei, Eisdiele, Gastro, bei Messen, als Hostess, in Schuhgeschäften und als Nordic-Walking- und Judo-Trainerin. Ihr Studium bricht sie schließlich ab, beginnt ein Volontariat als Werbetexterin. Daneben kämpft sie weiter auf der Matte und träumt vom Durchbruch.

Erlösender Anruf beim Einkaufen

Das Ziel bleibt: Olympia. „Ich fand es immer unfair, dass ich mit 23 noch nicht in der Nationalmannschaft war“, sagt sie. Die Leistung habe gestimmt, aber es habe ihr an Konstanz gefehlt, sagt sie. Wenn man bis halb drei arbeite und für acht Uhr das Training terminiert sei, werde das Erreichen der großen Ziele  eben  „sehr schwierig“. Alles was sie in dieser Zeit verdient, steckt sie in  ihre Judo-Karriere. Sie fährt zu Turnieren und zeltet dort, um Geld zu sparen.

Mit 25 Jahren, 2007, bekommt sie beim Einkaufen den erlösenden Anruf: Sie wird in den B-Kader der deutschen Judo-Nationalmannschaft aufgenommen. „Ausgerastet“ sei sie und nur noch durch die Wohnung getanzt. Kurze Zeit später reißt sie sich die Kapsel in der Schulter. Sie gebe sich manchmal „zu wenige Pausen“, beachte die Regenerationszeiten nicht, sagt Myriam Roper. Sie wolle immer mehr als die anderen machen. Zweimal wird sie operiert, muss ein Jahr pausieren. Roper kämpft sich in ihre Gewichtsklasse unter 57 Kilo zurück und entscheidet, grundlegend etwas zu ändern. Auch wenn ihr Umfeld ihr rät, aufzugeben. 

Doch Roper  traut sich  immer noch den großen Wurf zu. Sie tritt in die Bundeswehr ein und wird Teil der Sportfördergruppe. Hier bekommt sie finanzielle Unterstützung und beste Trainingsbedingungen. Endlich kann sie sich voll auf den Leistungssport konzentrieren. Und es geht aufwärts.

Der Traum erfüllt sich:  London. Olympische Spiele 2012. Aber: „Die Auslosung war miserabel.“  In der ersten Runde musste sie mit der Brasilianerin Rafaela Silva auf die Matte. Ihre Angstgegnerin „mit der ich wirklich nicht zurechtkam“. Sie habe  ihren bis dato besten Kampf  gegen Silva   abgeliefert, sagt Roper heute. Aber die Brasilianerin habe „auf jede Aktion die richtige Antwort gehabt.“ Roper verliert.

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Miryam Roper gewann Gold bei den Panamerika-Spielen 2020

Roper sagt über sich, sie sei schnell, kräftig und explosiv   auf der Matte.  An manchen Tagen, wenn sie keine Angst und keine Zweifel habe, sei sie unschlagbar. Judo hat Roper eine Sicherheit mit auf den Weg gegeben, die bleiben wird.  Sie sei noch nie in eine  brenzlige Situation geraten, was als schwarze Frau nicht selbstverständlich sei.

Und dann die Weltmeisterschaften in Rio de Janeiro 2013:  Nach 18 Sekunden liegt die Französin Atomne Pavia das erste Mal am Boden. Miryam Roper greift immer wieder an, geht nach vorne. Auch Pavia landet Treffer. Aber die Ausstrahlung von Roper ist eine andere, als die ihrer Gegnerin.  Aggressiv, selbstsicher, überlegen.

 Nach drei Minuten und 20 Sekunden ist Pavia besiegt. Roper landet einen Ippon – die höchste Wertung im Judo. Das bedeutet:  Bronze. Roper beendet die Saison als Weltranglistenerste. Der Höhepunkt ihrer Karriere.

Bei ihren zweiten Olympischen Spielen, 2016 in Rio de Janeiro, trifft sie in der ersten Runde wieder auf Rafaela Silva. Die Geschichte wiederholt sich: Wie schon 2012 verliert sie gegen die Brasilianerin  und scheidet in der Vorrunde aus. Silva wird später Olympiasiegerin.

Für das Land des Vaters

Als sie danach aus dem deutschen Kader gestrichen wird, habe sie das erschüttert. Doch sie macht weiter, löst ihren Vertrag mit der Bundeswehr auf und wechselt ins Team von Panama. Die Heimat ihres Vaters, Roper hat zwei Pässe. Ihre erste WM unter  neuer Flagge beendet sie als Fünfte, gewinnt später den Grand Slam in Jekaterinburg. Bei den Panamerikanischen Spielen gewinnt sie 2020 Gold in Mexiko.

Der Unterschied zum deutschen Sportsystem sei wie „Tag und Nacht“ sagt sie. Panama bietet ihr keine Strukturen wie Deutschland. Roper managt sich selbst und muss nebenher noch die sportliche Leistung bringen. Sie organisiert alles selbst – Zugticket, Budgetplanung, Akkreditierung für Wettbewerbe, Trainingsplanung,  Physiotherapie, Hotel.  Sie ist ein Stück weit wieder zu den Anfängen zurückgekehrt: Wieder kann sie sich nicht hundertprozentig auf den Sport konzentrieren. Aber sie ist stolz, für das Land ihres Vaters anzutreten. „Es ist eben auch ein Teil von mir“, sagt sie.

Nach Tokio 2021 möchte sie ihre Karriere beenden. Und als Trainerin arbeiten.