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Menschlichkeit sollte bei Olympia das Maß aller Regeln sein

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Der ukrainische Skeleton-Pilot Wladyslaw Heraskewytsch mit seinem umstrittenen Helm beim Training auf der olympischen Bahn in Cortina.

Der ukrainische Skeleton-Pilot Wladyslaw Heraskewytsch mit seinem umstrittenen Helm beim Training auf der olympischen Bahn in Cortina. 

IOC-Präsidentin Kirsty Coventry verkündet aber die Disqualifikation des Skeletonpiloten Wladyslaw Heraskewytsch. Ihre Tränen reichen aber nicht, meint unsere Autorin.

Entscheidungen wie diese im Fall des ukrainischen Skeletonpiloten Wladyslaw Heraskewytsch, hart an der Kante des Reglements, passen zum Internationalen Olympischen Komitee wie wir es kennen. Wie es der deutsche Jurist Thomas Bach zwölf Jahre lang nach außen repräsentiert hat. Gefühllos und auf den äußeren Schein bedacht. Eine politische Neutralität vorgaukelnd, wo nie eine war.

Die Tränen dagegen, vergossen von der erst seit Juni des vergangenen Jahres amtierenden IOC-Präsidentin Kirsty Coventry, sind neu. Ebenso die ausführliche, in Teilen gar empathische Mitteilung des IOC zu Heraskewytschs Disqualifikation. Die Fakten aber bleiben hart: Demnach habe der Ukrainer es abgelehnt, die „athlete expression guidelines“ des IOC einzuhalten. Also die Vorgaben, was Sportlerinnen und Sportler während der Olympischen Spiele wie und wo ausdrücken dürfen. Mit Fotos auf einem im Wettkampf getragenen Helm an im Krieg gestorbene Kolleginnen und Kollegen zu erinnern, ist somit nicht erlaubt. Das wird als politisches Statement im ach so unpolitischen olympischen Zirkus gewertet.    

Heraskewytsch hat seinen Gedenk-Helm im Training getragen. Er hat maximale Aufmerksamkeit bekommen, der Helm war in aller Welt in den Medien zu sehen. Er hätte diplomatisch denken und den Kompromissvorschlag des IOC annehmen können, im Wettkampf eine anderen Helm aufzusetzen und dann direkt im Anschluss vor der Presse seinen Gedenk-Helm zu zeigen.

Warum sollte er klein beigeben?

Aber warum sollte er? Warum sollte er klein beigeben, wenn in seiner Heimat Sportlerinnen und Sportler sterben, weil Russland die Ukraine mit einem Krieg überzieht? Der Mensch Kirsty Coventry, die Schwimm-Olympiasiegerin und ehemalige Sprecherin der IOC-Athletenkommission, scheint dafür Verständnis zu haben. Bevor die Disqualifikation ausgesprochen wurde, hat sie sich nach IOC-Angaben noch persönlich mit dem Athleten getroffen. Sie sprach von einem „wahnsinnig emotionalen Morgen“. 

12.02.2026, Italien, Cortina d'Ampezzo: Olympia, Olympische Winterspiele Mailand Cortina 2026, Skeleton, Männer, Die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees, Kirsty Coventry (IOC), spricht vor dem Starthaus mit Medienvertretern. Skeletonpilot Heraskewytsch darf wegen eines Helms mit Bildern getöteter Sportler nicht bei den Winterspielen starten. (zu "Eklat im Helm-Streit: Ukrainer bei Olympia ausgeschlossen") Foto: Fatima Shbair/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees, Kirsty Coventry (IOC), spricht vor dem Starthaus mit Medienvertretern und kann ihre Tränen nicht zurückhalten.

Die Dinge anders auszudrücken und deutlich mehr Empathie zu zeigen als ihr Vorgänger, reicht aber nicht, um dem IOC ein neues Gesicht zu geben. Coventry hätte nicht nur weinen, sondern auch handeln sollen. Wäre es so schlimm gewesen, die eigene Deutungshoheit maximal auszudehnen und den Helm als Zeichen der Trauer und nicht als politisches Statement zu werten? Täte es dem IOC nicht sogar mal gut, einen Krieg laut als ungerecht und unmenschlich zu bezeichnen, anstatt ewig eine Ich-halte-mich-aus-allem-raus-Position zu beziehen? Mit neutralen russischen Athleten, die natürlich alles andere als neutral sind und in ihrer Heimat als Helden gefeiert werden? 

Nicht bei allen Konflikten auf dieser Welt ist der Aggressor so klar zu definieren. Nicht alle Statements, mit denen Athleten vielleicht gern ins Rampenlicht träten, stoßen auf ein so breites Verständnis wie das von Heraskewytsch. Deshalb braucht ein Veranstaltung wie Olympia klare Regeln. Aber die Olympischen Spiele sind von Menschen für Menschen gemacht, ihr oberstes Gebot heißt Völkerverständigung. Und Menschlichkeit sollte das Maß aller Regeln sein.