Abo

Kölner LebensmittelhändlerWie Rewe seinen Lieferservice jetzt ausbauen will

7 min
Fahrzeuge des Rewe-Lieferservice auf der Rheinuferstraße.

Im Kölner Stadtgebiet sind 110 Lieferfahrzeuge von Rewe unterwegs. In den kommenden Jahren soll die Flotte elektrifiziert werden.

Beim Rewe-Lieferservice tut sich einiges: Der Lebensmittelhändler testet autonome Lieferfahrzeuge und tüftelt an einem eigenen KI-Agenten.

Freitagabend, Regenwetter, der Fernseher läuft. Eine Flasche Sekt wäre jetzt schön, eine Packung Chips und womöglich noch ein paar frische Weintrauben. Wer in der Großstadt wohnt, kann sich diese Wünsche innerhalb von Minuten erfüllen – bestellt per Handy, ausgeliefert von Fahrradkurieren, die den Einkauf bis zur Haustür bringen. 

Der sogenannte Quick Commerce, auf Deutsch „schneller Handel“, ist für Lebensmittelhändler ein wichtiges Wachstumsfeld. Ob Flaschenpost, Flink oder Lieferando: Mit wenigen Klicks lassen sich Lebensmittel digital bestellen und werden kurze Zeit später bis zur Wohnungstür geliefert. Obendrein gibt es personalisierte Empfehlungen für künftige Bestellungen und Rabattaktionen. Auch der Kölner Lebensmittelhändler Rewe liefert Einkäufe – und muss den Spagat zwischen Fahrradkurieren von Lieferando und der Profitabilität eines Konzerns meistern.

Lieferservice rechnet sich nur über die Menge

Ein durchschnittlicher Rewe-Markt umfasst etwa 15.000 Produkte, ebenso viele gibt es beim Lieferdienst. Wer bei Rewe online bestellt, kann den Einkauf entweder selbst im Markt abholen oder ihn sich liefern lassen. Beide Aktionen zählt Rewe zur Sparte E-Commerce. Während der Abholservice für 98 Prozent der Haushalte möglich ist, könnte sich theoretisch nur knapp die Hälfte ihren Einkauf bis nach Hause liefern lassen. Die Liefergebühr beträgt in der Regel 2,90 Euro, in Randgebieten auch mal 4,90 Euro.

Dafür übernimmt Rewe all das, was man sonst selbst tun muss: zum Supermarkt fahren, die Ware suchen und in den Korb legen, bezahlen, nach Hause fahren. „Für mehr oder weniger dieselben Tiefpreise tun wir all das für den Kunden und tragen die Einkäufe sogar noch bis zur Tür“, sagt Clemens Bauer, verantwortlich für die E-Commerce-Sparte von Rewe und Teil der Geschäftsleitung. Bauer ist seit zwölf Jahren bei der Rewe-Gruppe, war erst in der firmeneigenen Beratung, dann führte er als CEO den Tierfachhändler Zooroyal. 2020 übernahm er das Marketing von Rewe und verantwortet nun seit knapp drei Jahren die Online-Geschäfte.

Clemens Bauer, verantwortlich für die E-Commerce-Sparte von Rewe und Teil der Geschäftsführung des Kölner Handelskonzerns

Clemens Bauer verantwortet bei Rewe den E-Commerce.

Man muss kein Mathegenie sein, um zu merken, dass seine Rechnung leicht nach hinten losgehen könnte. „Das Modell rechnet sich nur über Größeneffekte und Wachstum“, sagt Bauer. In Deutschland macht der E-Commerce im Lebensmittelmarkt nur rund vier Prozent der Gesamtumsätze aus. „Die Niederländer sind schon bei zehn Prozent, und das Vereinigte Königreich ist sogar bei 15 Prozent. Wir haben also noch viel Luft nach oben“, sagt Bauer.

Mehr Kanäle heißt mehr Umsatz

Bauer folgt dabei einer Weisheit des Omnichannel-Handels: Je mehr Verkaufskanäle ein Unternehmen anbietet, desto mehr kaufen Kunden. Rewe hat mit seinen Konzepten „Rewe City“ und „Rewe to go“ neben den klassischen Märkten stationäre Alternativen im Angebot, zusätzlich können Kunden auf der Website und in der App einkaufen. Bauer rechnet vor: „Wenn Kundinnen und Kunden, die bisher nur stationär eingekauft haben, zusätzlich online bestellen oder abholen, steigern diese ihre Umsätze bei uns langfristig um rund 30 Prozent.“ Und: Etwa 16 Prozent derjenigen, die einen Onlinekanal nutzen, sind Neukunden. Der Liefer- und Abholservice stehe also nicht in Konkurrenz zu den Rewe-Kaufleuten, sondern sei eine gern gesehene Ergänzung.

Nun muss Rewe damit nur noch flächendeckend Geld verdienen. Der größte Teil der Standorte sei „im operativen Geschäft bereits positiv“, sagt Bauer. „Wir sehen, dass wir mit dem Modell wirtschaften können, müssen es aber weiter ausbauen.“ 

80 Millionen Euro für Kölner Logistikcenter

Bis der Standort Köln schwarze Zahlen schreibt, dürfte es aber noch ein paar Jahre dauern. Im Jahr 2018 hat Rewe ein hochautomatisiertes Lager- und Versandzentrum im Norden der Stadt gebaut, 80 Millionen Euro hat der Bau insgesamt gekostet. „Wir sind noch dabei, diese Investition abzuschreiben. Das dauert knapp zehn Jahre. Davon abgesehen sind die Nachfrage und der Umsatz in Köln sehr gut. Die Leute akzeptieren den Lieferservice“, sagt Bauer. Deutschlandweit tragen Liefer- und Abholservice etwa drei bis vier Prozent zum Gesamtumsatz bei.

Rewe Fullfillment Center Scarlet One an der Scarletallee in Köln - ein spezialisiertes Logistikzentrum, das die komplette Auftragsabwicklung für den Rewe Lieferservice übernimmt

Das automatisierte Fulfillment-Center von Rewe an der Scarletallee.

Bestellt ein Kunde bei Rewe online, laufen die Prozesse an dem Standort in der Kölner Scarlettallee direkt an. Ein automatisierter Schlitten fährt durch das Hochregallager, sucht die richtige Box und fährt sie zu einem Mitarbeiter. Der pickt sich den gewünschten Artikel raus und legt ihn in eine Tüte. Diese geht dann auf einem Förderband zum Warenausgang, wird ins Fahrzeug geladen und ausgefahren. „Wir kommissionieren 80 bis 85 Prozent der Bestellungen noch am selben Tag“, sagt Bauer. Fünf Abfahrtswellen gibt es in Köln, wer bis 14 Uhr bestellt, kann noch am selben Tag mit seinem Einkauf rechnen. 


Das sind die beliebtesten Produkte beim Rewe-Lieferservice in Köln

FrischkäseH-MilchNatur-KäsescheibenBananenGurkenFruchtjoghurtÄpfelKartoffelnSnack-TomatenPaprika


350 Mitarbeiter sind beim Lieferservice in Köln beschäftigt, davon rund 200 Fahrer. Jeder von ihnen fährt pro Tour rund 20 Haushalte an. Eine Software optimiert die Route, umfährt Staus und verkehrsreiche Straßen. Bislang sind alle 110 Fahrzeuge in Köln Verbrenner, doch das soll sich ändern: In Berlin und Neuss fahren seit dem Sommer bereits elektrisch betriebene Sprinter von Mercedes-Benz, in diesem Jahr will Rewe bundesweit auf 30 Prozent E-Sprinter in seiner Flotte kommen. „Wir haben die ältesten Flotten zuerst ausgetauscht, in zwei bis drei Jahren haben wir alle Fahrzeuge umgestellt, auch in Köln“, sagt Bauer. 

Damit die Kosten-Nutzen-Rechnung am Ende positiv ausfällt, hat Rewe mit Mercedes-Benz einen vergleichsweise leichten Sprinter entwickelt. Der Aufbau hinten – der sogenannte Koffer – kommt von einem kleinen Mittelständler und ist „viel leichter als vorher“, sagt Bauer. „Wir können also mehr transportieren. Und je mehr das Fahrzeug befördern kann, desto profitabler wird es.“

Rewe-Mitarbeiter an einem Berliner Standort.

Rewe-Mitarbeiter an einem Berliner Standort.

Bei Verbrennern nutzt Rewe die 3,5-Tonnen-Variante – eine Fahrzeuggröße, die jeder fahren darf. Ein E-Fahrzeug ist aufgrund der Batterie aber deutlich schwerer, umso wichtiger ist es, Fahrzeug und Koffer möglichst leicht herzustellen. Und dann braucht es noch diejenigen, die das Fahrzeug steuern. „Fahrer zu finden, ist unsere größte Herausforderung. Der Job ist nicht einfach, aber abwechslungsreich, und man kann gutes Geld verdienen. Wir suchen Leute, die gern aktiv sind und Verantwortung übernehmen wollen“, sagt Bauer.

Für den Lebensmittelhändler sind seine Fahrer wichtig, sie sind immerhin das Aushängeschild der Marke. „Der Mensch, der beim Kunden an der Tür klingelt, wird direkt mit Rewe verbunden“, sagt Bauer. Um den Job attraktiver zu machen, hat Rewe die Gehaltsstruktur verändert und Prämien eingeführt. Hinzu kommt Trinkgeld durch die Kunden. „Wir versuchen zudem, so flexibel wie möglich auf die Arbeitszeitwünsche unserer Mitarbeiter einzugehen.“ Die E-Fahrzeuge seien ein Bonus – und sehr beliebt bei den Fahrern. 

Zukunft der Lieferung ist autonom und KI-gesteuert

In Bochum testet Rewe gerade für sechs Monate ein autonomes Fahrzeug – doch fehlende Zusteller kann das nicht ersetzen. „Der Kunde will Zeit sparen und es möglichst bequem haben. Er will ja nicht aus dem dritten Stock nach unten laufen, sich seinen Einkauf aus dem Fahrzeug holen und die drei Wasserkästen selbst nach oben schleppen müssen“, sagt Bauer. Wer nur eine kleine Bestellung tätigt, sei oftmals bereit, selbst vor die Tür zu gehen. „Besonders dann, wenn die Liefergebühr dadurch günstiger wird.“

In Bochum testet Rewe gerade für sechs Monate ein autonomes Fahrzeug.

Das Pilotprojekt in Bochum soll erst einmal dazu dienen, die Technik zu testen. Dann braucht es noch eine gesetzliche Grundlage, um autonome Fahrzeuge im großen Stil auszurollen. „Wenn man sieht, was Uber und Google in den USA oder Bosch und Volkswagen in Deutschland vorantreiben, bekommt man eine Vorstellung davon, was möglich ist“, sagt Bauer. Auch hierzulande tut sich schon einiges. VW und Bosch beispielsweise entwickeln gemeinsam eine Software-Plattform für autonomes Fahren, die ab kommendem Jahr in Fahrzeugen verbaut werden könnte.

Nicht nur bei der Zustellung tut sich also einiges, in den kommenden Jahren dürfte der Bereich „Agentic Commerce“ weiter zunehmen. Das ist die nächste Stufe des E-Commerce, bei der autonome KI-Agenten eigenständig Aufgaben für Nutzer übernehmen. Bei Rewe könnte das zum Beispiel so aussehen: Wenn man im Auto sitzt und über das Abendessen nachdenkt, kann man per Spracheingabe seine Abendessenbestellung bei Rewe aufgeben. Oder wenn man krank ist, kann der Agent Rezepte vorschlagen, die die Abwehrkräfte stärken, und dann die Zutaten direkt bestellen und liefern lassen. 

Aktuell arbeitet Rewe daran, einen eigenen Agenten zu entwickeln. Bauer berichtet: „Der Kunde kann beispielsweise sagen, was seine Vorlieben sind, wie viele Kinder er hat, ob er Muskelaufbau betreiben will. So können wir ihm passendere Rezepte zur Verfügung stellen.“ Das soll im ersten Quartal 2026 kommen. Und auch die Lieferung soll genauer vorhergesagt werden: Statt eines zweistündigen Lieferfensters soll der Kunde dann eine exakte Uhrzeit angezeigt bekommen.