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ValentinstagUnter diesen Bedingungen werden unsere Rosen in Kenia angebaut

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Rote Rosen stehen in einem Blumenladen.

Rote Rosen stehen in einem Blumenladen. Die meisten kommen dabei aus Kenia. Wir zeigen ihren langen Weg nach Deutschland.

Am Naivasha-See in der Nähe Nairobis werden die Blumen, die in deutschen Supermärkten und Blumenläden verkauft werden, massenhaft angebaut.

Die meisten Rosen auf dem deutschen Markt kommen aus Kenia. Am Naivasha-See zwei Autostunden von Nairobi entfernt, werden die Blumen, die in deutschen Supermärkten und Blumenläden verkauft werden, massenhaft angebaut. Ein Ortsbesuch.

Naivasha: Der Weg der Rose

Der Strauß mit den orangen Rosen liegt in ihrem linken Arm wie ein Baby. Behutsam und in Zeitlupengeschwindigkeit untersucht die in einen grünen Handschuh gepackte rechte Hand jede einzelne Blüte. Sie sucht nach Flecken, Punkten, Schattierungen, die auf mögliche Krankheiten oder Schädlinge hinweisen. Sie konzentriert sich, behält die Ruhe, während um sie herum Trubel ist. Leute reden und rufen lautstark, fahren Schubkarren und Rollregale durch den Raum, die Lüftung bläst.

Die Qualität der Rosen ist entscheidend

An einem Eingang werden frische Rosen angeliefert, an Tischen stehen unzählige Frauen und wenige Männer, die Rosen nach Stiellänge und Kopfgröße sortieren und Sträuße verpacken. Andere verfrachten Rosen von A nach B. Rote Rosen, rosa Rosen, weiße Rosen, orange Rosen, gelbe Rosen, lila Rosen. Grace, die Produktionsleiter Simon Kolly nur mit Vorname vorstellt, trägt große Verantwortung. Rutscht ihr auch nur eine Rose durch, die nicht zu 100 Prozent gesund ist, werden im schlimmsten Fall Tausende der wertvollen Blumen zerstört. „Ist ein Schädling mit verpackt, kann oft die komplette Ladung nicht mehr verkauft werden“, sagt Kolly. Es geht dann nicht nur um Blumen, es geht dann um Geld und den Ruf der Firma.

Die Konkurrenz ist groß

Nur wer Qualität liefert, kann bei der großen Konkurrenz im kenianischen Naivasha bestehen. Grace trägt eine dunkelblaue Jacke, das Zeichen dafür, dass sie eine wichtige Funktion innehat: Qualitätskontrolle. „Panda Flowers Limited“ steht auf dem Rücken, etwas verdeckt vom lila Schal, den sie wegen der Kälte am Arbeitsplatz trägt. Panda Flowers ist der Name eines der großen Blumenproduzenten in Kenia. 1100 Menschen arbeiten für Panda daran, täglich bis zu 500.000 Rosen in die Welt zu schicken.

Rosen kommen nicht nur aus den Niederlanden

Rosen, die heute von Grace in Kenia als gut eingestuft werden, stehen maximal 96 Stunden später im Supermarktregal bei Rewe oder in der Auslage bei Blume 2000 in Deutschland. Rund 1,6 Milliarden Rosen importiert Deutschland jedes Jahr. Nach offiziellen Statistiken kommen die allermeisten aus den Niederlanden. Das bedeutet aber nicht, dass die Rosen dort angepflanzt beziehungsweise gezogen worden sind, sondern nur, dass der Handel über unser Nachbarland führte. Die meisten Rosen kommen aus dem Importland Nummer 2: Kenia. Dort ist es um ein Vielfaches günstiger, Rosen in großer Anzahl zu produzieren.

Lukratives Geschäft mit der Liebe

Das ostafrikanische Land schafft auf direktem Weg 336 Millionen Rosen jährlich nach Deutschland, doch die größten Mengen werden über die Niederlande verteilt. Insgesamt verlassen jedes Jahr rund 230.000 Tonnen Schnittblumen Kenia, in 60 Ländern sind kenianische Blumen auf dem Markt, heißt es aus dem hiesigen Agrarministerium. 150.000 Kenianerinnen und Kenianer sind in dem Bereich beschäftigt, die Blumenindustrie erwirtschaftet 1,45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein Milliardengeschäft.

Hochsaison ist vor dem Valentinstag

Hochsaison ist vor dem Valentinstag sowie den Muttertagen in den USA im Mai und Großbritannien im März. Das gesamte Jahr über sind vor allem Rosen in Pastelltönen gefragt, 22 verschiedene Sorten hat Panda Flowers im Angebot. Doch vor besagten drei Tagen boomt der Handel mit den fünf Sorten dunkelroter Blüten. 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusätzlich sind in den Wochen zuvor bei Panda beschäftigt, um die Vielzahl an Bestellungen abzuarbeiten, erzählt Kolly.

Der Zyklus einer Rose

60 Tage vor der ersten Auslieferung der Valentins-Rosen hat der Zyklus begonnen – mit der Saat der ersten Samen. Zwei Monate benötigen die roten Rosen in den Gewächshäusern am Naivashasee bis zur ersten Ernte. Nach dem Schnitt in den frühen Morgenstunden werden sie zwischengelagert, auf Stiellänge, Kopfumfang, Qualität kontrolliert. Dornen und untere Blätter werden entfernt und die Rosen reisefertig gemacht – zu Sträußen gebunden und in der Verpackung, in der sie in den jeweiligen deutschen Supermärkten verkauft werden. Bis zum Abtransport mit einem Kühllastwagen durch ein deutsches Logistikunternehmen werden sie bei unter 8 Grad im Kühllager aufbewahrt.

Transport mit dem Flugzeug

Vom rund eineinhalb Autostunden entfernten Flughafen Nairobi geht es dann meist nach Amsterdam, aber auch hin und wieder nach Luxemburg oder Lüttich. Früher flog Lufthansa Cargo regelmäßig von Nairobi nach Frankfurt und hatte Rosen an Bord. Seit Corona wird nur noch zu Sonderterminen geflogen – eben auch rechtzeitig vor dem Valentinstag. Aus dem europäischen Ausland werden die Blumen über Frankfurt (Zoll und Qualitätskontrolle, wobei die Untersuchung auf eingeschleppte Schädlinge ganz oben steht) in die Rewe-Logistikzentren gebracht.

Von dort geht es nach kurzer Erholungszeit an die Filialen. Das mit der Luftfracht könnte sich allerdings bald ändern. „Zunehmend wichtig wird der Seetransport in Containern mit kontrollierter Atmosphäre“, berichtet Thomas Bonrath, Sprecher der Rewe-Group. Allerdings: Dann müssen die Rosen zum knapp 600 Kilometer entfernten Hafen von Mombasa transportiert werden, um verschifft werden zu können.

Naivashasee ist UNESCO-Welterbe

Der Naivashasee, Teil des UNESCO-Welterbes Seensystem im Great Rift Valley, dem Großen Afrikanischen Grabenbruch, ist Heimatort für viele Rosen, die auf dem europäischen Markt zu finden sind. Die Hälfte aller kenianischen Rosenfarmen findet sich hier. „Naivasha hat alles“, sagt Kolly, „gute Wasserqualität, perfektes Wetter, Arbeitskräfte und Land, um Farmen zu errichten.“ Nur in Äquatornähe gibt es die klimatisch besten Bedingungen für den kommerziellen Rosenanbau.

Anwohnerinnen und Anwohner sichern die Farmen ein Arbeitseinkommen, wenngleich nicht immer zu den besten Bedingungen.

Schlechte Arbeitsbedingungen schädigen den Ruf der Rosenfarmen

Im Naivasha Flower Buisness Park, wo auch Panda Flowers seinen Sitz hat, gibt es solche und solche. Immer wieder stellt sich heraus, dass einige Firmen Hungerlöhne zahlen, die Angestellten mehr als die gesetzlich zulässigen zehn Stunden am Tag arbeiten, kein Urlaub und kein Mutterschutz gewährt wird und die Arbeitssicherheit keine Rolle spielt. Wer sich wehrt, verliert in der Regel den Job. 2016 wurden in einer Rosenfarm wenige Meter von Panda Flowers entfernt alle 400 Arbeiterinnen und Arbeiter ausgetauscht, als sie streikten. Die Polizei verwies sie des Business Parks. Neue Arbeitskräfte standen sofort bereit. Und die größte Rosenfarm des Landes musste im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden, nachdem durch die Panama Papers ans Licht kam, dass der niederländische Besitzer von Oserian Steuern nicht ordnungsgemäß angegeben hatte.

Fair-Trade und mehr Arbeitsrecht

Simon Kolly kennt die schwarzen Schafe. Er benennt sie beim Namen, schimpft, er weiß, dass sie den Ruf der Branche beschmutzen. Gleichzeitig betont er, wie gut es seinen Leuten ginge: Seine Arbeiterinnen und Arbeiter dürften aufgrund der Fair-Trade-Regelung einer der beiden Gewerkschaften der Blumenarbeiter beitreten, die Firma zahlt drei Monate Mutterschutz und gewährt vier Wochen Urlaub im Jahr, wie es das kenianische Gesetz offiziell will.

Teurer sei das, sagt Kolly, und bezeichnet die zusätzlichen Ausgaben als „premium money“. 2022 gab Panda Flowers aus finanziellen Gründen einen Teil seiner Farm ab, hat nun nur noch 50 Hektar zu bewirtschaften. „Die Nachfrage nach diesen überdurchschnittlich sicheren Arbeitsplätzen ist sehr groß“, sagt Bonrath. „Die Fairtrade-Farmen zahlen mit den Gewerkschaften und den Fairtrade-Regularien abgestimmte Löhne, die sehr erheblich über dem kenianischen Durchschnitt liegen.“ In den vergangenen zehn Jahren habe sich viel verbessert, etwa auch die Kontrollmechanismen. Doch nicht nur in Sachen Arbeitsrecht hat die Rosenindustrie mit einem schlechten Ruf zu kämpfen.

Klima-Killer Rose: hoher Wasserverbrauch und Chemikalien

Da wäre auch noch die Sache mit dem Wasser. Etwa 30 Liter Wasser benötigt eine einzige Rose pro Woche – Wasser, das auch andernorts in Kenia gebraucht wird. Sowohl der Pegel des Welterbes Naivashasee, der Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen bietet, als auch der Pegel des Grundwassers in der Region sinkt. Und das verbleibende Wasser wird mit Chemikalien und Pestiziden verschmutzt. Simon Kolly kennt die Problematik. Man habe zwar riesige Regenauffangbecken, aber in Zeiten, in denen es monatelang nicht regnet, werde das Grundwasser angezapft. Über diesen Part spricht Kolly nicht gerne, er wird verlegen, und ist bemüht, sofort die Fortschritte zu erwähnen.

Zu 40 Prozent, erzählt er, während er in ein Gewächshaus führt, würden die Rosen in einer Art riesigem Plastikkübel angepflanzt. Hydroponik nennt sich diese Technik. In den hunderte Meter langen Kübeln werden die Rosen auf wenig Erde gepflanzt. Das Wasser, das sie nicht aufnehmen, fließt ab und wird wieder verwendet. „Hier sieht man kein Wasser zwischen den Pflanzen stehen“, sagt Kolly und deutet auf den schmalen Weg zwischen zwei Reihen mit Rosen. Während im Gewächshaus, das er zuvor zeigte, Arbeiterinnen und Arbeiter in ihren Gummistiefeln knöcheltief im Matsch standen, ist der Boden hier trocken. Auch die Luft ist nicht so feucht, wenngleich die drückende Hitze das Atmen schwerfallen lässt.

Das Wasser ist eine der Umweltsünden, für die die Branche immer wieder kritisiert wird. Der Umgang mit Chemikalien die andere.

Kolly beschwichtigt: Fairtrade-Farmen dürften „bestimmte Chemikalien nicht verwenden“. Vier Klassifikationen gibt es, Stufe 1 und 2 dürften sie regelmäßig nutzen, Stufe 3 ausnahmsweise unter bestimmten Bedingungen. Vor jedem der 50 Gewächshäuser steht eine weiße Tafel mit blauer Aufschrift, von wann bis wann welcher Stoff versprüht wurde – und wie lange das Gewächshaus nun tabu für die Angestellten ist.

Kenia als Produktionsort

Kurz vor Ablauf der Sperrzeit sitzen Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem matschigen Boden und warten auf den nächsten Einsatz. „Kenianische Institutionen wie Universitäten und Forschungseinrichtungen unterstützen die Entwicklung des Sektors im Hinblick auf die Weiterentwicklung alternativer Anbaupraktiken und ressourcenschonender Produktion“, sagt Bonrath. Seine Kundschaft frage am stärksten Intermediate- und Hochlandrosen nach, unter Fair-Trade-Bedingungen hergestellt, gebe es nun einmal in Kenia. Die Entscheidung für Kenia als Produktionsort, sagt Bonrath, sei da eine Entscheidung für Fair Trade gewesen.

Busse als Errungenschaft der Gewerkschaften

Ungefähr zeitgleich zu den Rosen werden auch die Arbeiterinnen und Arbeiter abgeholt, zumindest jene, die nicht im Flower Business Park selbst wohnen. Grace steigt abends in den Bus, nach acht bis zehn Stunden Arbeit. Acht Busse parken auf dem Gelände von Panda Flowers, mit denen werden morgens die Arbeitskräfte in Schichten aus Naivasha und den umliegenden Gebieten herangebracht und abends wieder nach Hause gefahren. Es ist eine der Errungenschaften der Gewerkschaften: Fair-Trade-Unternehmen müssen dafür sorgen, dass die Angestellten eine Unterkunft haben.

Die Rose steht für die Wertschätzung der Arbeit

110 Millionen Rosen werden auch an diesem 14. Februar in aller Welt verkauft werden. Die rote Rose als Symbol der Liebe am Valentinstag. Auch in Naivasha verschenken Männer rote Rosen an ihre Auserwählte. Aber die Rose steht hier für mehr als Liebe und Bewunderung. Sie steht für Arbeit und Zukunft. (Miriam Palm)