Frank Piotraschke, Expansionschef der Kölner KI-Firma Octonomy, spricht über eine Branche im Goldrausch, milliardenschwere Investitionen und die Frage, warum deutsche KI-Unternehmen so schnell in die USA drängen.
Octonomy-Manager im Interview„Es wäre realitätsfern, als KI-Unternehmen die nächsten zehn Jahre in Köln zu bleiben“

Frank Piotraschke verantwortet die Expansionsstrategie von Octonomy.
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Herr Piotraschke, vor Kurzem hat Octonomy 20 Millionen US-Dollar von Investoren eingesammelt und den Eintritt auf den US-Markt gewagt. Wie soll ein Kölner Start-up, das noch nicht mal ein Jahr alt ist, auf dem größten KI-Markt der Welt Fuß fassen?
Frank Piotraschke: Wir haben die gleiche Herausforderung wie alle: Wir müssen beweisen, dass unsere KI besser funktioniert als die der Konkurrenz. Wir haben uns auf einen Bereich spezialisiert, in dem herkömmliche KI‑Modelle schnell an ihre Grenzen stoßen, nämlich den Umgang mit technischen Informationen. Während klassische Systeme vor allem Texte analysieren, kann unsere KI komplexe Schaltpläne, Serviceanleitungen oder Maschinenzeichnungen verstehen. In der Praxis bedeutet das etwa, dass Wartungsteams von Windkraftanlagen nicht mehr stundenlang Dokumentationen durchsuchen müssen, um Fehler zu finden. Die KI identifiziert Bauteile, erkennt Muster in Störungen und schlägt Reparaturschritte vor. Oder wenn eine Maschine im Produktionsprozess ausfällt, kann die Software aus tausenden Seiten technischer Unterlagen jene Information herausziehen, die für eine schnelle Lösung entscheidend ist.
Und das gibt es bislang nicht?
Wir waren auch überrascht, wie lange unser Wissensvorsprung hält. Am Anfang haben wir damit gerechnet, dass wir innerhalb weniger Monate Konkurrenz bekommen würden. Doch bislang scheinen wir eine Nische gefunden zu haben, die wir alleine besetzen. Trotzdem müssen wir schnell sein und mit dem frischen Kapital möglichst viele Kunden in kurzer Zeit gewinnen.
Wie finden Sie die Mitarbeiter, die über Ihren Erfolg im US-Markt entscheiden?
Vor allem über mein Netzwerk. Mit unserem aktuellen General Manager in den USA habe ich bereits bei Staffbase zusammengearbeitet. Man kennt einander – das ist wichtig. In der Frühphase eines Unternehmens kann man sich keine Fehltritte leisten. Wir leben nach der Devise, dass jedes Quartal das wichtigste der Firmengeschichte ist. Wir kämpfen quartalsweise um Ziele, die drei- bis fünfmal höher sind als im vorherigen Quartal. Dafür müssen wir Menschen finden, die diesen Weg schon einmal gegangen sind. Und: Diese Menschen können nur erfolgreich sein, wenn unser Produkt funktioniert und dem Wettbewerb überlegen ist.
Und was sind Ihnen solche Schlüsselkräfte wert?
Wenn wir versuchen würden, mit Gehältern der großen US-Tech-Konzerne zu konkurrieren, hätten wir keine Chance – schon gar nicht als Kölner Start-up. Wir müssen etwas anderes bieten: die Möglichkeit, früh bei etwas Großem dabei zu sein, eine Firma mit aufzubauen, die eigene Lernkurve massiv zu beschleunigen. Und – im besten Fall – über Beteiligungen am Erfolg teilzuhaben. In den USA funktioniert das deutlich leichter als in Deutschland. Das hiesige Steuerrecht steht solchen Modellen stark im Weg.
Sie sind seit Jahrzehnten im Tech-Sektor tätig. Haben Sie jemals erlebt, dass eine Technologie so einschlägt wie Künstliche Intelligenz?
Man kann es am ehesten mit der Mobile-Revolution vergleichen. Natürlich konnten wir alle schon vor dem iPhone mobil telefonieren oder E-Mails auf dem Blackberry schreiben. Aber als das iPhone auf den Markt kam und das Internet jederzeit in unserer Hosentasche verfügbar war, hat das völlig neue Geschäftsmodelle hervorgebracht. Unternehmen wie Uber oder Airbnb wurden dadurch groß – und wer hätte sich damals vorstellen können, dass wir per Smartphone ein privates Taxi bestellen oder spontan eine Unterkunft in Spanien buchen? Oder dass traditionelle Banken Filialen schließen, weil die Menschen ihre Finanzgeschäfte über Apps erledigen? Ähnlich verhält es sich mit der Einführung von ChatGPT. OpenAI hat KI für die breite Masse zugänglich gemacht, und es entstehen gerade neue Geschäftsmodelle in rasantem Tempo. Ich schätze, dass deren Wirkung sogar noch größer sein wird als die der Mobile-Revolution.
Beim Smartphone war sichtbar, woran man ist. Bei KI bleibt vieles unsichtbar – und schwer überprüfbar.
Das stimmt. Aber wir werden uns auch daran gewöhnen. Ich weiß noch, wie viele Menschen das iPhone anfangs als teures Spielzeug belächelt haben, weil niemand wusste, was man damit eigentlich tun sollte. Die echten Anwendungen kamen erst Jahre später. Wenn wir heute ChatGPT um Rezeptideen oder Gute-Nacht-Geschichten bitten, sind das im Grunde die gleichen Spielereien wie damals. Wir sind erst am Anfang dessen, was KI wirklich leisten kann.
Studien zeigen, dass wir KI bislang vor allem für einfache Alltagsanfragen nutzen – Aufgaben, die in Sekunden beantwortet sind. Dabei können große Modelle längst viel länger am Stück arbeiten: rund 90 Minuten heute, und nach Prognosen sogar bis zu acht Tage in wenigen Jahren. Welche Probleme beschäftigen eine KI so lange?
Viele Systeme basieren heute noch stark auf Text. Sie funktionieren wie eine gigantische Enzyklopädie, trainiert mit nahezu allem Wissen des Internets. Künftig aber werden Modelle nicht nur Vergangenes abbilden, sondern Prognosen treffen und zukünftige Situationen antizipieren. Diese Entwicklung wird die Leistungsfähigkeit massiv steigern. Ein eindrucksvolles Beispiel kommt aus dem Bildungsbereich: Bei der internationalen Mathe‑Olympiade – einem Wettbewerb, der logisches Denken und komplexes Knobeln verlangt – haben Modelle von Google und OpenAI neulich fünf von sechs Aufgaben korrekt gelöst. Bemerkenswert ist das vor allem, weil dieselben Systeme zu Beginn ihrer Entwicklung nicht einmal einfache Rechenaufgaben zuverlässig beherrschten.
Mathematik hat klare Lösungen. In der Realität ist vieles weniger eindeutig.
Genau. In der realen Welt gibt es selten ein „richtig“ oder „falsch“. KI erstellt inzwischen Marketingstrategien, schreibt Texte oder unterstützt die Wartung von Maschinen. Und dann stellt sich die Frage: Woran erkennt man, ob das Ergebnis gut ist? Dafür braucht es weiterhin Menschen. Sie müssen prüfen, bewerten und einordnen, ob eine KI-Lösung hilfreich ist oder möglicherweise sogar Schaden anrichtet. Deshalb ist die Debatte über das Ersetzen menschlicher Arbeit oft fehlgeleitet. Urteilskraft und Verantwortungsbewusstsein bleiben unverzichtbar.
In Zeiten von Deepfakes, alternativen Fakten und halluzinierender KI fragen sich viele Menschen, was sie überhaupt noch glauben können. Wie sehen Sie das?
Ich habe drei Kinder – und wie viele Eltern versuche ich, sie auf diese neue Welt vorzubereiten. Ich teile die Sorge, dass es immer schwieriger wird, Inhalte zu verifizieren. Und ich finde, wir sollten auch politisch darüber sprechen. Wir haben als Gesellschaft über Jahrzehnte ein gemeinsames Verständnis entwickelt, wie wir mit Wahrheit umgehen. Diese Grundlagen werden durch KI und andere technologische Entwicklungen massiv herausgefordert. Deshalb müssen wir darüber nachdenken, welche Regeln wir brauchen, um gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern. Dieser Weg führt aus meiner Sicht nur über die Politik.
Wie soll das funktionieren?
Ein gutes Beispiel ist X, früher Twitter. Dort sind heute Dinge möglich, die in anderen Netzwerken undenkbar wären – schlicht, weil die Eigentümer völlig unterschiedliche Wertekonstrukte haben. Oder nehmen Sie Tiktok: Seit der Übernahme durch ein großes Konglomerat verliert die Plattform Nutzer – ein Effekt, der zeigt, wie stark Regulierung, Eigentumsverhältnisse und Vertrauen zusammenhängen. Mutige politische Entscheidungen sind wichtig. Australien hat beispielsweise Social-Media‑Verbote für Kinder und Jugendliche beschlossen. Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist – aber ich sehe, dass es möglich ist, Regeln festzulegen und Technologie in Schranken zu weisen.
Amazon will angeblich 50 Milliarden US‑Dollar in OpenAI investieren. Lassen sich solche Summen jemals zurückverdienen?
Auch hier hilft der Blick zurück: Wie lange wurde Amazon belächelt, weil das Unternehmen rote Zahlen schrieb? Ich erinnere mich an viele süffisante Kommentare – gerade aus dem deutschen Mittelstand –, Amazon solle „erstmal Geld verdienen“. Niemand sah eine echte Gefahr. Heute ist Amazon eine Gelddruckmaschine. Die aktuellen Investitionssummen in KI sind ohne Frage enorm. Meta beispielsweise hat im letzten Quartal 23 Milliarden Euro Gewinn gemacht und gleichzeitig Investitionen von 115 bis 130 Milliarden Dollar allein in diesem Jahr angekündigt – für KI und Rechenzentren. Das zeigt ziemlich eindeutig, wohin die Reise geht.
Dennoch sprechen viele von einer KI‑Blase.
Eine Blase ist zunächst eine enorme Erwartungshaltung, die sich in Kapital ausdrückt. Und diese Erwartung muss irgendwann auf realen Wert treffen. In meinem Umfeld sehe ich, wie dieser Wert tatsächlich entsteht – weil wir sehr nah an der Wertschöpfung unserer Kunden arbeiten. Das ist kein rein virtueller Hype. Doch natürlich gehört Spekulation dazu. Wenn jemand in zehn Unternehmen investiert und zwei davon sehr erfolgreich werden, hat er ein großartiges Geschäft gemacht.
Allein in Köln gibt es diverse Unternehmen – von DeepL über Neuland.ai bis Octonomy –, die alle ihr eigenes Ding machen. Wäre es angesichts der Konkurrenz aus den USA nicht schlauer, sich zusammenzutun?
Der Wettbewerb ist nicht fair. Weder die Marktmöglichkeiten noch der Zugang zu Kapital sind in Deutschland mit denen in den USA vergleichbar. Deshalb geht es weniger darum, dass sich fünf Kölner KI‑Firmen zusammentun. Das eigentliche Problem liegt im mangelnden Zugang zu Wagniskapital. Die Politik kündigt 30 Milliarden Euro für die gesamte deutsche Wirtschaft an. Da kann man sich ausrechnen, wie viel davon realistisch bei KI-Unternehmen landet. Angesichts dessen, wie radikal KI die Weltwirtschaft verändert, ist das fast ein Hohn.
Wenn die Musik in Sachen KI ohnehin in den USA und bei Big Tech spielt, kann sich die Bundesregierung nicht die vergleichsweise kleine Investition sparen?
Nein, aber die derzeitigen Mittel sind nicht einmal der Tropfen auf dem heißen Stein. Deutschland hätte eigentlich alles: starke Unternehmen, Kapital, hervorragende Wissenschaft. Was an Hochschulen entsteht, ist beeindruckend. Trotzdem gehen viele Start-ups schnell in die USA – dort sind Entscheidungen schneller, pragmatischer, und die Märkte riesig. In Deutschland muss ich mich immer rechtfertigen, wenn ein Unternehmen keine Gewinne schreibt. In den USA zählt die Vision: Verändert das Produkt die Zukunft? Bis wir hier alle Datenschutzfragen geklärt haben, ist das gleiche Produkt dort längst auf dem Markt.
Warum ziehen Sie mit dem Unternehmen nicht komplett in die USA?
Zum einen habe ich eine schulpflichtige Tochter und eine Frau, die sich ein Leben in den USA derzeit nicht vorstellen kann. Zum anderen gehört mir die Firma nicht. Trotzdem ist die Frage berechtigt. Wir haben inzwischen einen eigenständigen Bereich in den USA aufgebaut – mit Büros in Denver und New York. Das zeigt bereits, wohin die Reise gehen kann. Die Rahmenbedingungen in der amerikanischen Wirtschaft sind enorm gut für uns. Natürlich sind wir ein Kölner Unternehmen und stolz auf unsere Wurzeln. Aber als KI-Unternehmen zu sagen, wir bleiben garantiert die nächsten zehn Jahre in Köln – das wäre realitätsfern.
Zur Person
Frank Piotraschke ist seit Januar 2026 als Chief Revenue Officer bei Octonomy an Bord und sitzt an der Schnittstelle von Produkt, Vertrieb und Markt. Er kommt vom Security-Unternehmen Sosafe und begleitete zuvor unter anderem die Mitarbeiter-Plattform Staffbase und die auf Marketing spezialisierte KI-Plattform Optimizely durch Phasen schnellen Wachstums und internationaler Expansion.

