AusgehtippLeidenschaft für gutes Essen

Im Dreiundsiebziger wird mit frischen Produkten und ohne großen Schnickschnack gekocht.
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Innenstadt – Der Restauranttester von RTL wäre begeistert. Womöglich würde sich Christian Rach, nachweislich ein Freund des offensiv gemusterten Hemds, gar ein Loch in selbiges freuen, nachdem er einen Blick auf die Karte des Dreiundsiebziger geworfen hat. Denn die Anzahl der Gerichte auf der Karte ist klein, sie wechselt täglich, bietet aber auch kontinuierlich ein paar Angebote, die zum Markenzeichen des Lokals gehören. Beim Dreiundsiebziger sind Bocadillos das Markenzeichen, die spanische Variante eines belegten Baguettes. „Bocadillos gibt es in Spanien an jeder Ecke“, sagt Alex Dittmann, „wir bereiten die Variante zu, die aus Katalonien stammt. Egal, mit was wir die Brote belegen, bei uns werden Bocadillos immer gegrillt und warm am Tisch serviert.“
Seit Dezember 2009 führen Hülya und Alex Dittmann das Dreiundsiebziger, eine Mischung aus Bistro und Café. „Die Idee, ein eigenes Lokal aufzumachen, schwirrte mir bestimmt schon zehn Jahre lang im Kopf rum. Ich habe lange das Risiko gescheut und musste für so ein Vorhaben auch die richtige Partnerin finden.“ Alex Dittmann ist gelernter Schreiner, und er hat viele Jahre gern in dem Beruf gearbeitet – bis er merkte, dass sich sein Arbeitsalltag veränderte und er von der Routine zunehmend genervt war. „Es gibt nicht mehr so viele Kunden, die sich exklusive Möbel leisten können, und die, die genug Geld haben, überlegen sich auch dreimal, ob sie sich maßgenaue Regale einbauen lassen. Irgendwann habe ich für mich entschieden, dass ich alle Regale gebaut habe. Ich war nur noch Dienstleister und konnte nicht mehr wirklich kreativ sein.“
Von der Architektur in die Gastronomie
Bei Hülya Dittmann war der Leidensdruck in ihrem Leben vor dem Dreiundsiebziger nicht ganz so groß. Bevor sie mit ihrem Mann das Lokal eröffnete, studierte sie Architektur und fühlte sich in dem Fach auch richtig. Erste Irritationen gab’s, als sie während diverser Praktika oft dasselbe machen musste: Kopierarbeiten und Kaffee kochen. Hinter Kneipentresen und in der Gastronomie hatte sie immer schon nebenher gejobbt, und als ihr Mann mit seiner Idee von einem Café daherkam – Alex Dittmann hatte sich im Bel Air erst um Schreinerarbeiten kümmerte und dann bei einem Freund in der Küche ausgeholfen – kamen die Dinge schnell in Schwung in Richtung eigene Gastronomie.
„Wenn wir essen gegangen sind, waren wir eine Zeit lang immer auf Sendung“, erklärt Hülya Dittmann. „Sobald uns etwas geschmeckt hat, haben wir überlegt, wie und womit man das Gericht noch verfeinern könnte. Und wenn wir etwas nicht gut fanden, haben wir überlegt, wie man es besser machen könnte. Mit unserer Leidenschaft für gutes Essen verdienen wir heute unser Geld, wir haben unser Hobby zum Beruf gemacht. Mit dem Klischee kann ich prima leben, auch wenn es ein bisschen kitschig klingt.“
Kein doofes Fast Food
Rund ein Jahr lang haben Hülya und Alexander Dittmann „beim Spazierengehen, im Internet und fast überall“ gesucht, bis sie das Lokal in der Limburger Straße gefunden hatten. Nach der Renovierung in Eigenregie war beim Kochen learning by doing angesagt – „Unter Zeitdruck und für mehr als zwei Personen ist das doch etwas anderes als zu Hause“ –, und auch bei den Öffnungszeiten waren einige Experimente nötig. Wann die gute Zeit für ihren Laden ist, wissen die beiden jetzt: Es ist der Mittagstisch und das Tagesgeschäft. „Kleine Snacks, die schnell gehen, trotzdem kein doofes Fast Food und nicht von der Stange sind und mit Getränk um die zehn Euro kosten – daran hat es hier gefehlt. Wenn Gäste immer wieder kommen und uns sagen, dass die Qualität gleich gut geblieben ist – das ist ein tolles Gefühl, daran wächst man jedes Mal.“
Eines hat sich im Dreiundsiebziger seit der Eröffnung nicht geändert: Es wird nach wie vor gekocht, was die Dittmanns selbst gern essen. Anregungen für neue Gerichte holt sich Hülya Dittmann immer noch gern, wenn sie mit ihrem Mann essen geht. Oder aber sie stöbert durch Kochbücher und Kochzeitschriften. Die Sachen von Jamie Oliver, Rezepte aus „essen & trinken“ – das gucke ich mir alles gerne an und überfliege auch die Texte. Eins zu eins nachgekocht habe ich aber noch nie etwas. Ich weiß mittlerweile, welche Kräuter mit welchen Gemüsesorten zusammenpassen und wie man etwas so würzt, dass der Geschmack der einzelnen Zutaten erkennbar bleibt.“ Genauso konsequent wie beim Zusammenstellen der Speisekarte sind Hülya und Alex Dittmann bei der Auswahl der ausliegenden Lektüre. Neben dem Express und dem Stadt-Anzeiger findet sich dort auch immer die aktuelle Ausgabe der „Titanic“. „Die lesen wir selber, wir mögen den Humor der Titanic, und deshalb gehört das Magazin auch ins Dreiundsiebziger.“
