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AusgehtippsNichts bleibt - nur die Sehnsucht

3 min

Schönes Ambiente, flotte Bedienung – und jeden Monat eine neue Speisekarte.

Ehrenfeld – Einmal von der Venloer Straße abgebogen – und die Welt sieht anders aus. Ein bisschen wie ein In-Viertel in Berlin. Galerien, Designerlädchen mit Namen wie Kitsch Deluxe und Utensil, dazwischen ein Afro-Shop, ein Blasinstrumentenbauer und ein bekannter Fotodesign-Buchhändler. Willkommen in der Körnerstraße.

Und das Wohnzimmer ist das Café Sehnsucht – seit 30 Jahren. Bei seiner Eröffnung war es mutmaßlich das erste seiner Art in Köln. Alternativ, familienfreundlich, öko. Gegründet von einer Erzieherin, die Sehnsucht nach Selbstständigkeit hatte – so kam das Café zu seinem Namen. Eine richtige Küche gab es am Anfang nicht. Die Besitzerin hatte ein Hochbett in jenem Raum stehen, in dem kleine Speisen zubereitet wurden – falls es mal später wurde. Wo man jetzt im hellen Wintergarten sitzen kann, war damals noch ein Hinterhof, in dem die Nachbarinnen vor den Augen der Gäste mit Lockenwicklern im Haar ihre Wäsche aufhängten.

„In Ehrenfeld war damals alles möglich. Der Quadratmeter kostete drei bis vier Mark“, sagt Monika Linden (47). Sie war schon immer ein Fan vom „Sehnsucht“. „Ich wollte hier arbeiten, habe den Job aber nicht bekommen, weil ich nicht Kuchen backen konnte. Das war damals Voraussetzung für die Kellner.“

Gemäßigte Bohème

So managte sie erstmal das Café im Bauturm und übernahm dann vor 20 Jahren in der Körnerstraße. Die ökologische Ausrichtung ist geblieben, aber der grobe Charme des Handgestrickten ist vergangen. Hier ist die gemäßigte Bohème eingezogen. Der gesamte Betrieb ist als umweltfreundlich zertifiziert und Monika Linden hat sogar eine eigene Öko-Kaffeemarke aufgebaut. Ein Relikt aus alten Zeiten ist der schöne Kohle-Ofen mitten im Gastraum. „Das ist immer noch unsere einzige Heizquelle“, sagt Monika Linden. „Ich habe jetzt schon den dritten Kohlenlieferanten, die sterben alle weg.“ Ansonsten hat die Betreiberin im Laufe der Zeit einiges verändert – und glaubt, dass sie nur deshalb so lange bestehen konnte. Gegen alle Mutmaßungen und Modeströmungen. „Es hieß schon vor 20 Jahren immer: Ehrenfeld kommt. Aber es kam nie“, sagt sie lachend.

In den vergangenen zwei Jahren ging es dann doch schlagartig los mit dem Wandel vom einfachen Veedel zum angesagten Wohnviertel. Allerdings verlief die Veränderung so rasant, dass einige nun schon wieder wegziehen wollen.

„Sehnsucht“ aber bleibt. „Ich habe mich immer auf meinen Instinkt verlassen“, sagt Linden. Während die Küche früher eher „in Richtung Schupfnudeln“ ging, wie sie es formuliert, kam vor zwei Jahren mit einem neuen Koch ein anspruchsvolles Konzept. Jeden Monat wird eine neue jahreszeitlich geprägte Speisekarte geschrieben. Als Vorspeisen gibt es da zum Beispiel gegrillte Melone mit Jacobsmuscheln und Basilikumconfit oder Artischockencreme mit Salsa verde und selbst gebackenem Maisbrot.

Als Hauptgang werden neben vielen vegetarischen Gerichten Bio-Schweinefilet in Sherry-Traubensud mit Chorizo und gegrilltem Paprikasalat oder Barbarie-Entenbrust mit confierten Orangen, Bornheimer Spargel und Pfeffer-Hollandaise angeboten. Die Preis-Schallmauer liegt bei 20 Euro. Für Eilige – auch so etwas gibt es rund um die Körnerstraße – wird jeden Mittag ein Gericht für sieben Euro angeboten. Innerhalb von fünf Minuten soll es auf dem Tisch stehen.

Das Publikum hat sich im Laufe der Zeit verändert. Früher waren die meisten Gäste zwischen 20 und 30 Jahre alt, heute sind sie eher um die 40. „Die Leute sind mit mir alt geworden“, sagt Linden. Gern wird das Café auch für erste Dates und Hochzeiten genutzt – denn wo passt sowas besser als in einem Laden, der Sehnsucht heißt.

Viele Gäste kommen auch von außerhalb. „Die wollen mal die Körnerstraße sehen“, sagt Linden. So lange sie noch so ist, wie sie ist.