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„Rocky Horror Picture Show“Kult im Luxushotel

4 min

Sky du Mont, Christopher Biggins und Rob Fowler vor Oakley Court

Damals war Oakley Court noch ein richtiger „Frankenstein Place“, erzählt Christopher Biggins, als er die Bücherei des altehrwürdigen Landhauses westlich von London betritt. „Kalt, windig, der Bau drohte auseinanderzufallen“, erinnert sich der britische Schauspieler, „heute ist alles so anders. Spontan dachte ich: Das ist doch gar nicht der Ort, an dem wir damals gedreht haben“. Damals, das war 1974. Am 21. Oktober, also vor 40 Jahren, gingen die Dreharbeiten los zu jenem Film, in dem auch deutsche Zuschauer Biggins – den in England jedes Kind kennt – schon gesehen haben können: „The Rocky Horror Picture Show“. Oakley Court, errichtet im Jahr 1859 und seit 1965 unbewohnt, war Frank ’n’ Furters Schloss. Anfang der Achtziger wurde es für fünf Millionen Pfund zum Luxushotel umgebaut.

Biggins, Jahrgang 1948, sitzt der Schalk im Nacken; nie kann man ganz sicher sein, wie ernst er das meint, was er sagt. Auch nicht, als er von der Arbeit am zugigen Filmset berichtet, wo das Musical „The Rocky Horror Show“ vor 40 Jahren verfilmt wurde – in gerade mal zehn Wochen und mit überschaubarem Budget. „Es war so kalt, dass wir regelmäßig mit Brandy und Kaffee abgefüllt wurden“, sagt er. Und, um den Schauspieler Sky du Mont ins Gespräch einzubinden, ergänzt er grinsend: „Den Erzähler hab’ ich früher bei den Liveshows gespielt. Ich weiß, wie einfach das ist.“ Du Mont mimt auf der neuen Musical-Tour wieder in mehreren Städten – unter anderem in Köln – den Erzähler. Noch ein zweiter Gast ist aus Deutschland angereist, um sich den Wurzeln des Kultmusicals über Sex, Trash und Rock ’n’ Roll anzunähern: Rob Fowler. Der gebürtige Brite spielt zum dritten Mal in Folge die Hauptrolle in „Richard O’Brien’s Rocky Horror Show“, die von Oktober bis Mai auf Tournee geht. Fowler, auch Sänger der österreichischen Rockband Morton und 2012 Teilnehmer der Castingshow „The Voice of Germany“, hört gebannt zu, als Biggins vom Auf und Ab des Films erzählt. „Zuerst war es ein Riesenflop, alle schienen den Film zu hassen.“ Erst zum Midnight-Movie umgeschnitten und auf dem Umweg über Amerika kam der Durchbruch.

Auch das Musical, auf dem der Film basiert, war nicht von Anfang an ein Publikumsrenner, das zeigt die zweite Etappe der Reise zurück an die Wurzeln. Sie führt in den hippen Londoner Stadtteil Chelsea, der längst nicht nur einen Fußballclub zu bieten hat. Es geht ins Royal Court Theatre, wo „The Rocky Horror Show“ am 19. Juni 1973 uraufgeführt wurde – auf der kleinen Zweitbühne, von den 80 Sitzplätzen waren 63 besetzt. „Ich war seit mehr als 30 Jahren nicht mehr hier“, sagt ein weiterer Zeitzeuge aus den frühen Jahren des Kultmusicals, der zur Spurensuche eingeladen wurde: Komponist Richard Hartley, der zusammen mit Richard O’Brien an der Musik gearbeitet hat. „Damals war die Bühne auf der anderen Seite und nur halb so groß wie heute“, erinnert er sich. Eine kleine, intime Bühne – „aber schließlich hatten wir auch nur eine vierköpfige Band. Mehr konnten wir uns einfach nicht leisten.“

Reichlich Platz ist auf der Bühne, als Rob Fowler – nur am Keyboard begleitet – hier das emotionale „I’m Going Home“ anstimmt. Ganz ernst kann man das Ganze aber dann doch nicht nehmen – Fowler lässt es sich nicht nehmen, zu Jeans und Totenkopf-T-Shirt seine roten Bühnen-Highheels mit den 12,5 Zentimeter hohen Absätzen zu tragen. Dennoch gibt er anschließend zu Protokoll, einen bewegenden Moment erlebt zu haben: „Noch nie bin ich in England als Frank ’n’ Furter aufgetreten.“

Emily McClaughin, die ein Buch zum 50. Geburtstag des Royal Court Theatre geschrieben hat, sagt: „Wir sind sehr stolz, dass die Premiere hier stattgefunden hat: Es ging ja auch um Rede- und Meinungsfreiheit.“ Zudem berichtet sie, die „Horror Show“ sei beim Publikum immer noch das beliebteste Stück, das habe eine Umfrage zu dem Jubiläum ergeben.

„Es war eine tolle Zeit“, sagt Biggins, der im Film einen der Partygäste gespielt hat. „Natürlich wäre auch ich gerne mal der Frank ’n’ Furter gewesen“ – sein Blick schweift über Fowlers trainierte Oberarme – „wenn ich nur singen könnte und den Körper dazu hätte“. „Der wirkliche Star der Show aber ist das Publikum“, sagt Sky du Mont. Die Interaktion mit den Zuschauern habe er bei seinen ersten Auftritten unterschätzt. „Ich wurde so oft beleidigt, dass ich dachte: So kann’s nicht weitergehen.“ Bis er dann erkannte, dass das Teil des Spiels ist – so wie mit Konfetti geworfen und mit Wasserpistolen gespritzt wird. Konfetti und Schauspielerbeleidigungen fallen am Abend in Oakley Court aus. Das stört aber sowenig wie die Tatsache, dass die Dinnerkarte nicht authentisch ist: Da, wo im Film Eddie mit dem elektrischen Schneidemesser zerteilt wurde, werden nun Schmorfleisch mit Bäckerkartoffeln, geröstete Schalotten und Schmor-Jus serviert.