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Fitness in der HöheKlettern in Köln mit Dom-Panorama

Lesezeit 7 Minuten
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Klettern an der Hohenzollernbrücke in Deutz

Köln – Ein Baustellenzaun versperrt den Blick auf den Dom. Zwischen Hyatt-Hotel und den massigen Pfeilern der Hohenzollernbrücke wird ein weiterer Abschnitt des Deutzer Rheinufers runderneuert.

Der Blick geht in eine Richtung: Steil nach oben

Keinen Blick übrig für die verminderte Aussicht haben Alex, Monika und Julia. Immer dienstags am frühen Abend geht bei ihnen der Blick nur in eine Richtung: Steil nach oben. An den Brückenpfeilern hängen sie allwöchentlich ihr Sicherungsseil ein, und dann geht es die senkrechte Wand hoch. „Der Reiz besteht darin, dass man sich komplett auf das konzentriert, was man tut. Jeder Griff, jeder Tritt muss überlegt sein“, erklärt Julia Meyer. „Dabei kann ich komplett abschalten und den Büro-Stress hinter mir lassen“. Die 32-Jährige ist seit zwei Jahren im Kletter-Fieber. Beim Deutschen Alpenverein hat sie einen Kurs in der Eifel absolviert und bei der Gelegenheit auch Mitkletterin Monika kennengelernt.

Die hängt gerade in der Wand, nur noch wenige Meter, dann ist sie oben. Das Seil hält Alex. „Früher habe ich geboxt, aber ich war viel in den Alpen unterwegs auch auf Klettersteigen und wollte einfach meine Technik verbessern.“ So kam der 32-Jährige vom Faust- zum Ganzkörpertraining. „Man braucht vor allem die Beine“, sagt Monika, die ebenfalls begeisterte Alpinistin ist und auf diese Weise zum Klettern auch im flachen Rheinland kam. „Junge Männer machen fast alles mit den Armen, das ist aber falsch, man muss vor allem aus den Beinen heraus klettern“, ergänzt Julia Meyer.

850 Quadratmeter Kletterfläche bei einer Höhe von zehn Metern

Die 32-Jährige sitzt, wie die beiden anderen tagsüber im Büro. Nach Feierabend treffen sich die drei an den Deutzer Brückenpfeilern. 70 verschiedene Aufstiegsvarianten hat der Deutsche Alpenverein für den Muschelkalk des historischen Gemäuers beschrieben. Insgesamt bieten die Pfeiler 850 Quadratmeter Kletterfläche bei einer Höhe von zehn Metern. Für den Laien sieht das dunkelbraune Gestein überall gleich aus, doch Alex, Monika und Julia wissen inzwischen genau, wie sich der Schwierigkeitsgrad durch die Wahl der Route beeinflussen lässt. „Das besondere an den Brückenpfeilern ist, dass die Beschaffenheit dem von Felsen in freier Natur in nichts nachsteht. Zerklüftet, mit kleinen Spalten, in denen es festen Griff und Vorsprünge gibt, auf denen sich die Füße aufstellen lassen. „Und das mitten in der Stadt –   das ist einfach einzigartig und für uns ideal“, schwärmt Julia. 

An Wochenenden fahren die drei auch mal nach Belgien oder in die Eifel zu Freiluft-Felsen, aber für ihren Feierabendsport ist Deutz ihre erste Adresse. Bei Regen weichen sie schon mal in die Kletterhalle in Kalk aus, aber das Draußen-Klettern ist die unangefochtene Nummer 1. „Draußen muss man sich seinen Weg selber suchen, in der Halle sind die Schritte und Griffe vorgegeben“, erklärt Julia. Und in der Halle kommen gewiss auch keine Schaulustigen vorbei. „Hier fährt oft der Sightseeing-Bus mit Touristen entlang, die neugierig schauen. Oder zuletzt klatschte eine ganze arabische Familie Beifall, als ich oben angekommen war. Das ist schon lustig. Man ist hier auf keinen Fall einsam.“ Schon, weil immer mehr Menschen Klettern als Hobby entdecken. Was früher etwas für Freaks war ist heute Familiensport. Für Julia hatte das Klettern übrigens noch einen therapeutischen Neben-Effekt: Ihre Höhenangst ist Geschichte.

Klettergarten Hohenzollernbrücke und Kletterhallen in der Region

In Köln und Region gibt es zahlreiche Anbieter von Kletterkursen. Der Klettergarten Hohenzollernbrücke (HZB) wird seit dem Jahr 1998 mit Erlaubnis der Stadt Köln vom Deutschen Alpenverein betrieben. Jeder Kletterer muss sich aus versicherungstechnischen Gründen einmalig in ein Online-Formular eintragen. Infos zum Klettern an der HZB gibt es beim Deutschen Alpenverein (DAV). Der DAV bietet auch Kurse und Ausflüge in die Eifel, nach Belgien oder ins Ruhrgebiet. Infos unter: www.dav-koeln.de 

Weitere Kletterhallen in der Region:

BronxRock Vorgebirgsstraße 5 50389 Wesseling www.bronxrock.de

Kletterfabrik Köln Oskar-Jäger-Str. 173 50825 Köln www.kletterfabrik-koeln.de   Canyon Chorweiler Weichselring 6a 50765 Köln www.canyon-chorweiler.de

Boulderhalle K11 Kyllstrasse 11 50678 Köln www.k11-koeln.de

Kletterhalle Dellbrück Waltherstr. 49-51 (Halle 12) 51069 Köln www.kletterhalle-dellbrueck.de

Stuntwerk Schanzenstraße 6-20 51063 Köln www.stuntwerk.de

Arena Vertikal Junkersring 3 53844 Troisdorf-Spich www.arenavertikal.de

Abenteuerhallen Kalk Christian-Sünner-Straße 8 51103 Köln www.abenteuerhallenkalk.de

Boulder Planet Oskar-Jäger-Straße 143f 50825 Köln www.boulderplanet.de

„Klettern trifft einen Nerv“

Wir sprachen mit Edwin Jakob - Lehrer am Institut für Ökologie und Natursport an der Sporthochschule Köln und selbst Kletterer.

Senkrecht in der Felswand hängen – Klettern ist nichts für Feiglinge, oder? Edwin Jakob: Rumhängen ist eher nicht das Ziel beim Klettern. Eine Kletterroute gilt nur dann als frei geklettert, wenn der Kletterer ohne Seilzug und Hängen und nur mit Hilfe der Hände und Füße oder anderer Körperteile die Wand bewältigt. Dabei darf es in schwereren Routen durchaus auch mal überhängend sein, senkrecht ist schon lange kein Limit mehr. Und ja, je nachdem wo man klettert, gehört Mut, aber vor allem eine realistische Selbst- und Risikoeinschätzung schon zum Klettern. Beim Klettern im Fels mehr als in der Halle, aber für beide gehört Mut dazu. Hallenklettern ist bei gründlicher Ausbildung eine sichere Aktivität und anfängliche Angst verfliegt oft nach den ersten Versuchen. Wichtig ist, gerade beim Sichern  konzentriert zu bleiben, um Unfälle zu vermeiden.

Für wen eignet sich der Sport? Klettern hat viele Spielformen: Vom Bergsteigen über das Sportklettern am Fels und in der Halle, dem Bouldern, wobei  man sich ohne Seil in Absprunghöhe bewegt,  bis hin zum therapeutischen Klettern. Die Kontraindikationen sind abhängig von der Ausübungsform. Beim Hallenklettern im Top-Rope (bereits eingehängtes Seil) gibt es nur sehr wenige Kontraindikationen, etwa  Rückenleiden, die ein Hängen im Gurt unmöglich machen. Auch stark herzkranke Patienten sollten vorsichtig sein, da  die Kontraktionen großer Muskelgruppen den Blutdruck ansteigen lassen. Im Zweifel ist der Haus- oder Sportarzt zu befragen. Auch ist eine gewisse geistige Reife und Verantwortungsfähigkeit Voraussetzung zumindest für das selbständige Sichern beim Klettern mit Seil.

Was wird besonders trainiert? Klettern ist ein Ganzkörpersport. Er kräftigt insbesondere die Hüft-, Rumpf- und Schultermuskulatur, aber je nach Geländeform auch Fuß- und Beinmuskulatur. Natürlich wird die Handschließmuskulatur besonders trainiert, gute Kletterer erkennt man leicht an ihren ausgeprägten Unterarmen.  Der womöglich größte Trainingseffekt beim Freizeitkletten ist in der Verbesserung der koordinativen Fähigkeiten und der Körperwahrnehmung  zu sehen. Außerdem ist Klettern entspannend, weil man sich ganz auf das Tun konzentriert und alles andere im Moment des Kletterns vergisst. Es baut damit Stress ab. Zudem kann man mit dem Klettern durch das Erleben und Überwinden von eigenen psychischen und physischen Grenzen, aber auch Ängsten, Einfluss nehmen auf die Entwicklung von Selbstkonzept, Selbstvertrauen und Selbsteinschätzung. Durch das gemeinsame Klettern und Sichern lassen sich Verantwortungsbewusstsein und Kooperation gerade bei Jugendlichen trainieren.

Köln ist ein Kletter-Mekka

Es gibt immer mehr Kletterhallen. Wie erklärt sich der Kraxel-Boom im rheinischen Flachland? Das Rheinland hat eine lange Kletter-Tradition. An den Felsen der Rur-Eifel wurde schon vor 100 Jahren geklettert.  Salonfähig wurde der Sport seit den 1980er Jahren, als eine Generation junger Wilder das Freiklettern entdeckte.  Weil es an stadtnahen Trainingsmöglichkeiten fehlte, wurde  in Köln alles beklettert, was ein Training ermöglichte: Kaimauern in Niehl und Mülheim, eines der Preußenforts oder die Hohenzollernbrücke. 

Die erste größere künstliche Klettermöglichkeit in Köln war die Außen-Kletteranlage der Deutschen Sporthochschule, die in den 80ern im Stil der Zeit als Betonwand erbaut wurde. Der damalige Lehrbeauftragte Frank Schweinheim fand schließlich in dem  Turndozenten und sportlichen Alleskönner Paul Spieß einen einflussreichen Verbündeten.  

Auf ihre Initiative hin wurde im Jahr 1993 eine Kletterwand in Halle 21 des Turnleistungszentrums  installiert. Gebaut wurde sie von  Hans Nathan, einem der damals herausragenden Kölner Kletterer, der auch eine Fabrikhalle in Hürth zur ersten richtigen Kletterhalle in der Region umbaute. Seitdem haben immer wieder mutige, kreative und gut ausgebildete Typen Kletterhallen eröffnet oder, wie Florian Schmitz, der den Eifel-Kletterführer im Jahr 1994 um zahlreiche Routen erweiterte, das Angebot bereichert.

Damit trafen sie einen Nerv in der Gesellschaft.  Junge Athleten wie der Frechener Jan Hoyer, der 2014 den Gesamtweltcup im Bouldern gewann, und die Weltmeisterin Juliane Wurm trainieren oft in Köln und inspirieren eine ganz neue Generation von Kletterern.

Wo klettert es sich besser: Drinnen oder draußen? Das hängt davon ab, was man als besser ansieht. Draußen klettern ist anders, es ist mehr Abenteuer, wilder, freier. Aber es ist eben auch aufwändig, geht nicht so einfach mal eben so nach Feierabend. Mit zwei kleinen Kindern klettere ich  fast nur noch indoor.  Wer draußen klettern möchte, sollte sich auf jeden Fall ausbilden lassen. Ein Hinweis zum Naturschutz: An Kletterfelsen  leben teils sehr seltene Tiere und Pflanzen. Das Überleben von seltenen Tieren und Pflanzen aber auch die Akzeptanz des Kletterns hängt von unserem angemessenen Verhalten am Fels ab.

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