GesundheitsstudieSport hilft soviel wie Pillen

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Sport und Bewegung sind besser als Pillen. Auf diesen Pfad der Forschung haben sich Wissenschaftler der Stanford University (USA) und der London School of Economics and Political Science begeben. Sie analysierten weltweit die Daten von 300000 Menschen und werteten sie in einer Studie aus. Die Aussage: Bewegung kann bei einigen Krankheiten so gut vor dem Tod schützen, wie es gängige Medikamente tun.
Prof. Hans-Georg Predel, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Sporthochschule Köln, hat ähnliche kleinere Studien initiiert oder daran teilgenommen. Bei aller Euphorie warnt er vor gefährlichen Rückschlüssen, die Patienten daraus ziehen könnten. „Sport und Bewegung sind allemal gut, aber die Gefahr besteht, dass man schlussfolgern könnte, auf Medikamente generell verzichten zu können, wenn man sich ausreichend bewegt.“ Sport ersetzt die Pillen nicht immer, kann die Therapie aber ergänzen und hilft, die Tablettenzahl zu verringern.
Weltweit angelegte Studie
Die weltweit angelegte Studie der internationalen Forscher bezieht sich auf Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlaganfall. Im „British Medical Journal“ publizierten die Wissenschaftler, dass es zu all diesen „vier Krankheitsbildern deutlich mehr Daten zum Effekt der Medikamente als zum Effekt der Bewegung“ gibt. Predel: „Das Potenzial des Sports ist längst noch nicht ausgeschöpft. Aber der gegenwärtige Status ist, dass Sport meistens in Kombination mit Medikamenten bei den angesprochenen Krankheiten effektiv ist.“ Er plädiert dafür, dass – egal ob bei Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfall oder Herz-Beschwerden – ein „Pillenplan und ein Bewegungsplan vom Facharzt“ erstellt werden müssten: „Der Bewegungsplan muss genau so seriös, quasi auf Rezept, mit unterschiedlicher Dosierung verordnet werden wie ein Medikament“. Das allerdings erfordert eine detaillierte Fachkenntnis. Besonders geschult sind in dieser Hinsicht Sport- und Präventiv-Mediziner.
In einigen Fällen funktioniere es sogar, allein auf Bewegung zu bauen. „Wenn erstmalig Bluthochdruck diagnostiziert wird, der Patient Mitte 40 ist und keine sonstigen Erkrankungen hat, kann er zu hundert Prozent auf Bewegung setzen und sich aussuchen, was er machen will – Ausdauersport, Kräftigung oder beides. Und er kann sich berechtigte Hoffnung machen, dass er ohne Medikamente geheilt wird und dass sich keine Folgeschäden einstellen.“
Auch bei einem Bluthochdruck von 145/95, so Predel, lasse sich bis dato nicht lückenlos beweisen, dass Medikamente wirklich helfen. „Keine Studie weltweit zeigt, dass Medikamente in diesem frühen Stadium sicher Erfolg bringen.“ Bei diesen Diagnosen setzt der Sportmediziner vor allem auf Bewegung, zumal Bluthochdruck-Medikamente Nebenwirkungen haben können wie Allergien und Müdigkeit.
Ab einem Bluthochdruck von 160/100 helfe aber nur die gezielte Versorgung mit Arzneimitteln in Verbindung mit Bewegung und Sport: „Vielleicht lässt sich durch Bewegung die Menge der Medikamente verringern. Das hängt aber unter anderem auch von der Genetik des Patienten ab.“ Da gebe es beispielsweise Hyper-Responder, deren Organismus optimal auf Sport reagiere, oder aber Non-Responder, bei denen sich keinerlei Verbesserung durch Bewegung zeige.
Bei Schlaganfall ist Medizin unerlässlich
Anders dagegen müsse bei Schlaganfall-Patienten reagiert werden. „Das Risiko, einen weiteren Schlaganfall zu erleiden, ist beträchtlich. Und aufgrund dieses Risikos sind Medikamente unerlässlich.“
Ebenso bei herzkranken Patienten, die nur langsam und dosiert Sport treiben sollten. „Aber nur unter Anleitung und in zertifizierten Gruppen oder Gesundheitsstudios.“ Dadurch könne sich nicht nur die Lebensqualität nach einem Infarkt bessern, „verordnete Bewegung“ wirke sich hier lebensverlängernd aus und kann laut Predel einen weiteren Infarkt verhindern.
Bei Patienten, bei denen es möglich ist, durch Sport den Medikamenten-Konsum zu reduzieren, verringerten sich folgerichtig auch die Nebenwirkungen, die beispielsweise Beta-Blocker haben: „Sie können zu Impotenz führen, Stoffwechselstörungen verursachen und den Blutzucker bis hin zu einer Diabetes steigern.“ Wer zudem noch entwässernde Mittel einnehmen müsse, riskiere Elektrolyt-Störungen im Organismus, was zu Herzrhythmus-Problemen führen könne. ACE-Hemmer, verordnet bei Bluthochdruck, könnten als Nebenwirkung Reizhusten und Hautekzeme nach sich ziehen.
Predel: „In welchem Ausmaß, das hängt von der Dosierung ab. Wir werden aber besser, was die Qualität der medizinischen Versorgung angeht. Das belegen Studien.“ Zur Qualität der medizinischen Versorgung gehören laut Predel auch die Generika, also die preisgünstige Kopie eines Originalpräparats. Predel: „Die meisten Generika sind in ihrer Wirkung mit dem Original zu vergleichen. Es gibt ein paar schwarze Schafe, wo die Trägerstoffe nicht optimal sind.“ Sprich: wo die Freisetzung des Medikaments im Körper und damit die Wirkung nicht mit dem Original übereinstimmt. Ein gewissenhafter Hausarzt weiß laut Predel aber um diesen Umstand und verordne derlei nicht.
