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Kurse und WorkshopsYoga mit Hilfsmitteln

5 min

Der gestreckte Winkel dehnt die Flanken. Die Korkblöcke können helfen, dass zudem der Brustkorb optimal gedreht werden kann.

Yoga? Keine Lust! Wer will schon seine Beine um den Kopf wickeln und mit dem „herabschauenden Hund“ und einem „Om“ auf den Lippen den Tag beginnen? Andere haben schmerzhafte Erinnerungen an den Yoga- oder besser Lotus-Sitz, weil sie verkrampfen und alles lieber machen würden, bloß das nicht mehr.

„Ich bin nicht gelenkig“, so kommen Anfänger gern in die erste Stunde zu Daggi Meiss und schicken gleich hinterher, dass sie nur mal reinschnuppern wollen. Die diplomierte Sportwissenschaftlerin ist ausgebildete Yoga- und Pilates-Lehrerin, Ausbilderin für Yoga mit Hilfsmitteln, unterrichtet seit 25 Jahren im Kursusbereich und leitet den Bereich Freizeit- und Breitensport im Fitness-Studio „Gofit“ des TSV Bayer Leverkusen 04.

Yoga-Blöcke, Pilates-Bälle, Gurte und Kissen gehören zu einer Yoga-Stunde mit Daggi Meiss, die mit dem Vorurteil aufräumt, dass hauptsächlich Frauen zu den Kursen kämen. Vor den Matten und den Hilfsmitteln stehen fast genauso viele Männer. „Das steht und fällt mit dem Lehrer, ob Männer kommen und sich wohlfühlen“, sagt Daggi Meiss. Yoga-Schüler und -Lehrer müssen zusammenpassen. Eine Grundvoraussetzung – sonst geht gar nichts. „Es muss Vertrauen da sein, Neues zuzulassen und auszuprobieren.“

Das Ausprobieren und das Sich-etwas-zutrauen klappt mit den Hilfsmitteln, denn für Anfänger sind sie Stütze und Erleichterung. Fortgeschrittene können damit Übungen intensivieren und den Schwierigkeitsgrad erhöhen. Beispiel Yoga-Blöcke. „Bei einer der Grundübungen im Yoga, dem herabschauenden Hund, legt man sich die Blöcke unter die Hände und verlängert damit Rücken und Arme. Solche Hilfsmittel sind auch eine fantastische Variante für Schwangere und Teilnehmer, die etwas korpulenter sind“, so die Trainerin. Gurte dienen ebenfalls der Verlängerung der Arme, was sich wohltuend bemerkbar macht, wenn man anfänglich mit den Händen noch weit entfernt ist vom Ende der ausgestreckten Beine – und viele Kursstunden später immer noch. Dank des Gurtes, den man um Beine oder Füße legt, lässt sich ein optimales Stretching erzielen. Das Kissen hilft bei der Tiefenentspannung und ist gleichzeitig Unterstützung bei Rücken- und Becken-Übungen. Bälle werden eingesetzt bei Gleichgewichts-Übungen oder dienen als Abstandhalter zum Boden, wenn Oberkörper und Brustkorb trainiert werden.

„Yoga kann jeder lernen, egal ob jung oder alt, dünn oder dick, trainiert oder nicht-trainiert“, sagt Daggi Meiss. Und fügt hinzu: „Wir holen die Menschen bei ihrer Körperlichkeit ab, nicht bei ihrer Spiritualität.“ Denn Yoga bedeute zuallererst Körperarbeit. „Wer sich eine Stunde lang mit seinem Körper und dem Bewusstsein für seinen Körper befasst und alles andere ausgrenzt, der reduziert sich automatisch auf Atmung und Übung.“ Was den Vorteil hat, dass keine Zeit mehr bleibt für die Sorgen und den Stress des Tages.

Ein guter Yoga-Lehrer, das ist die gelebte Überzeugung von Daggi Meiss, führt die Menschen behutsam an ihre eigenen Grenzen, und die sind nicht nur individuell unterschiedlich, sondern auch von Tag zu Tag und Woche zu Woche. „Selbst dann noch, wenn ich meinen Körper gut kenne“, so Meiss. Es ist ganz normal, dass man in einer Yogastunde das Gleichgewicht nicht mehr so gut halten kann wie in den Stunden zuvor, „weil die Befindlichkeit des Körpers auch die geistige Befindlichkeit widerspiegelt“ – und die ändert sich nun mal. Neuankömmlinge in Kursen verwechseln das oft mit „Siehste, das kann ich eben nicht“ und geben auf. „Völlig grundlos“, so Daggi Meiss und Iris Lockhart, „es gibt im Yoga keine Messlatte, die andere anlegen, sondern nur die, die man selber anlegt. Ich bin so wie ich bin.“ Kleine Einschränkung: Männer schauen gern mal rüber zum Nebenmann, was und wie der das da gerade macht. Und es kann vorkommen, dass man noch einen drauflegt.

Yoga heißt natürlich nicht, eine Stunde lang entspannt auf der Matte zu liegen und den Blick ins Nichts schweifen zu lassen. Meiss: „Wer lange Zeit keinen Sport gemacht hat, der merkt den Effekt schon nach der ersten Stunde – zumindest am Muskelkater.“ Ähnlich wie Pilates trainiert Yoga die Stabilität der Körpermitte und baut auf Dynamik, fließende Bewegungen und Atmung. Mit der Zeit verändern sich Beweglichkeit, Muskulatur, die Kraft in den Armen, Beinen, im Rücken und Bauch. Das macht sich bei dem einen oder der anderen ganz praktisch bemerkbar, indem beispielsweise eine Dysbalance oder Haltungsfehler beim Gehen und Stehen durch Yoga ausgeglichen werden. „Optimal ist es, wenn man zweimal die Woche zum Yoga-Kurs kommen kann“, sagt Daggi Meiss, „aber ich weiß auch, dass das viele Menschen das zeitlich nicht schaffen. Yoga einmal in der Woche einzuplanen ist für die meisten schon sehr sehr viel.“

Ziel sei es zu spüren, dass das, was man tut, gut tut. „Den Ausspruch »Das kann ich sowieso nicht« sollte jeder sofort vergessen. Viele haben bereits in der ersten Stunde meist ein Aha-Erlebnis, wenn sie feststellen, dass es mit den Übungen wider Erwarten geklappt hat.“ Lehrer wie Daggi Meiss sprechen vor Kursbeginn mit den Teilnehmern, ob es körperliche Probleme gibt, auf die man Rücksicht nehmen muss, und variieren die Übungen entsprechend. „Fast jeder schleppt ein kleines oder größeres Problem mit sich herum. Aber alle, die damit in den Yoga-Kursus kommen, haben ja die Absicht, genau daran etwas zu ändern.“

Das funktioniert auch, wenn man nicht auf Sofort-Heilung des Körpers und Bewusstseins aus ist. Meiss: „Yoga ist eine Lebensaufgabe, Lebenseinstellung und Lebensphilosophie, aber nicht vorrangig eine Sportart. Am Anfang nimmt man seinen Körper und die Veränderungen wahr, zum Schluss sich selbst in seiner Ganzheit.“ Wer sich darauf einlasse, der könne sich den Alltag und ein Leben ohne Yoga nicht mehr vorstellen.