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LebenSicher durch die Absatzkrise

7 min

Stilettos: eine besondere Herausforderung für Ungeübte.

Ich bin die perfekte Kandidatin für ein Stöckelschuh-Training. Sähe das nicht so uncharmant aus, käme ich auch mit Joggingschuhen ins Büro. Wenn schon Absatz, dann am liebsten nicht höher als drei Zentimeter. Nun also der Crash-Kursus „Laufen auf Highheels“. In eineinhalb Stunden will mir Sportwissenschaftlerin Uschi Pauli die richtige Stöckeltechnik beibringen.

In den Tiefen meines Schuhschranks habe ich nach meinen höchsten verfügbaren Modellen gefahndet und eine Kollegin hat mir zusätzlich mit einem Paar ausgeholfen. „Welches ist der Unbequemste davon?“, fragt Highheels-Expertin Pauli. Ich zeige auf die Stilettos, die ich zu meiner standesamtlichen Hochzeit getragen habe. Und seitdem nie wieder. „Gut, mit denen fangen wir an“, sagt sie freundlich, aber unbarmherzig.

Zum Einlaufen und Einstimmen auf den Abend immer den höchsten, unbequemsten Schuh wählen, so fühlt sich jedes andere Modell danach wie eine Wohltat an.

1. Aufwärmen

Bevor es richtig los geht, müssen die Füße und Beine warm werden. Stöckeln ist Sport. „Wenn ich meine Bänder und Muskeln aufgewärmt habe, fällt mir das Gehen auf hohen Schuhen viel leichter, als wenn ich einen Kaltstart hinlege.“ Wir gehen auf der Stelle und rollen unsere Fußsohlen langsam von hinten nach vorne ab. Dann lassen wir die Füße kreisen, erst nach außen, dann nach innen. „Das kann man auch machen, während man sich die Zähne putzt oder sich fürs Ausgehen fertig macht“, rät Uschi Pauli, die die Kurse seit vier Jahren in Köln anbietet. Zum Einlaufen und Einstimmen auf den Abend immer den höchsten, unbequemsten Schuh wählen, so fühlt sich jedes andere Modell danach wie eine Wohltat an.

2. An die imaginäre Linie denken

Ziel des Kursus ist ein eleganter, selbstbewusster Gang. Nicht so wie Models, die übertrieben und affektiert über den Laufsteg staksen. Die Grundregeln: Schultern runter, Brustbein raus und den Blick nach vorne richten. Ich soll auf einer imaginären Linie laufen. Dabei müssen meine Füße nicht wie beim Balancieren genau voreinander aufgesetzt werden, eher soll die Line bei jedem Schritt von einem der Füße berührt werden. So sieht es lockerer, aber trotzdem graziös aus. „Stellen Sie sich vor, dass Sie ein unsichtbarer Faden an der Brust diagonal nach vorne zieht.“ Klappt eigentlich ganz gut. „Prima. Jetzt nur noch den Blick nach vorne und die Hände lockern.“ Anspannung beim Gehen entlädt sich oft in scheinbar unbeteiligten Körperteilen. Manche spreizen den kleinen Finger ab, ich verkrampfe offenbar meine linke Hand, ohne es zu merken. Die Aufforderung „Hände entspannen!“ werde ich an diesem Nachmittag wahrscheinlich noch öfter hören.

Nur wer gerade und aufrecht geht, wirkt in hohen Schuhen gut, sicher und authentisch.

3. Haltung bewahren

Nur wer gerade und aufrecht geht, wirkt in hohen Schuhen gut, sicher und authentisch. Um das zu verdeutlichen, schlurft Uschi Pauli mit mir eine Runde über den Übungsteppich – wie ein Cowboy mit hängenden Schultern und gebeugten Knien. Fühlt sich komisch an. „Genau deshalb ist auch der Blick nach vorne so wichtig.“ Sobald sich die Augen nach unten bewegen, sinkt das Brustbein nach innen und die Haltung sackt zusammen. Außerdem ist das Blickfeld so am größten und die Highheels-Trägerin erkennt schneller mögliche Stolperfallen. Auch mit hohen Hacken an den Fersen setzt zuerst der Absatz auf und dann der vordere Fuß. „Viele Frauen meinen, sie gehen in Highheels nur auf den Ballen, aber das stimmt nicht.“ Sofern ein Abrollen noch möglich ist, erleichtert das den eleganten Gang. Das Gewicht sollte beim Gehen und Stehen auf dem ganzen Fuß verteilt sein – wer sich das immer wieder in Erinnerung ruft, läuft leichtfüßiger.

Das Klackern der Absätze gibt Hinweise auf den Gang: Ist es gleichmäßig, ist es der Gang auch. Werden die Füße oder die Trägerin müde, zeigt sich das auch am unregelmäßigen Geräusch.

Wer es bequem mag, kauft Schuhe, die unter dem Vorderfuß ein Plateau haben. So geht und steht man nicht direkt auf Beton und der Gang wird – zumindest ein wenig – abgefedert.

Nur Pumps (Absatzschuhe ohne Fesselriemen) kaufen, die optimal passen, sonst krallen die Zehen beim Gehen im Schuh und das ist unangenehm.

Highheels nur nachmittags oder abends kaufen, wenn sich der Fuß von den Belastungen des Tages ausgedehnt hat. Sonst droht Gefahr, dass die Schuhe im Alltag nicht passen.

Beim Tragen von Stilettos (das sind hohe Schuhe mit sehr dünnen Absätzen) den Absatz möglichst fersen-mittig aufsetzen, so rutscht man nicht ab.

Wer seine Füße vor der Highheels-Nacht erst einmal gut aufwärmen will, kann dies mit einer relativ einfachen Fuß-Übung tun. Dafür braucht man nur ein sogenanntes Flexi-Band. Ein Ende des Flexi-Bandes in jede Hand nehmen, die Zehen mit der Mitte des elastischen Bandes umwickeln, dann die Zehen nacheinander beugen und strecken. Den Fuß sollte man dabei gerade halten.

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Highheels-Kurse: Die nächsten Kurse bei Uschi Pauli finden etwa am 20.10. und 26.10. statt. Der Kompaktkursus kostet 94, der Speedkursus 65 Euro. Trainiert werden Gang, Haltung und Körperwahrnehmung auf hohen Schuhen. Infos unter ☎ 01 73/2 91 56 10

www.highheels-koeln.de

Weitere Highheels-Kurse auf:

www.tivity.de

4. Selbstbewusstsein ausstrahlen

Der Absatz muss zur Geisteshaltung passen. „Wer Highheels trägt, sollte das selbstbewusst tun und vor allem auch Lust auf diesen Schuh haben.“ Also nicht wie ein Mäuschen daherschleichen, sondern sich an die innere Femme fatale erinnern. „Blick nach vorne!“, höre ich schon wieder. Dafür folgt darauf jetzt mal ein Kompliment: „Ihre Schrittlänge ist gut.“ Viele Frauen auf hohen Schuhen gehen zu schnell. Das sieht nicht nur gehetzt und unentspannt aus, beim Stechschritt leidet auch die Körperhaltung. Nur beim geruhsamen Schreiten hat die Hüfte genug Zeit mitzuschwingen. Genau das aber macht den attraktiven Gang aus. Ich übe mit einem Buch auf dem Kopf und mit einer Handtasche über der Schulter, die ich im Gehen herunternehmen und auf die andere Seite wechseln soll. Mit der Zeit werde ich immer sicherer und auch die Stilettos fühlen sich gar nicht mehr so ungewohnt unangenehm an wie am Anfang. Auch für das Treppensteigen hat Uschi Pauli noch einen Tipp parat: „Den Fuß seitlich aufsetzen, so hat man auf der Stufe mehr Platz und gleichzeitig mehr Sicherheit.“ Die selbstständige Sportwissenschaftlerin kam zu den Kursen über ihre ehemalige Geschäftspartnerin. Diese wurde vor Jahren in New York vor dem Schaufenster eines Schuhgeschäfts angesprochen und gefragt, ob sie nicht Lust auf einen Highheels-Kursus habe. So schwappte die Idee nach Köln, Angebote in Berlin und London gab es damals schon. Der Crash-Kursus in Ehrenfeld dauert eineinhalb Stunden und kostet 65 Euro. Vor allem Frauen über 35 buchen den Nachmittag, ab und zu ist auch ein Mann dabei. Travestie-Fans waren schon unter den Kunden, ebenso wie ein Herr, der in seiner Laientheatergruppe immer die Frauenrollen bekommt.

Viele Frauen auf hohen Schuhen gehen zu schnell. Das sieht nicht nur gehetzt und unentspannt aus, beim Stechschritt leidet auch die Körperhaltung.

5. Zum Schluss: Füße entspannen

Nach so viel Anstrengung haben sich die Knochen, Sehnen und Bänder noch ein wenig Gymnastik und Dehnung verdient. Danach schlüpft Uschi Pauli selbst in bequeme Stiefel, und zwar ohne Absatz. „Jeder Schuh hat seine Zeit“, gibt sie zu. Zum Auto- und Radfahren trägt sie keine hohen Schuhe, weil sie das gefährlich findet. Aber generell machten Highheels einfach ein schöneres Bein, weil sie die Proportionen strecken. Anfängerinnen rät sie zu Pumps mit Riemchen an den Fesseln, um besseren Halt zu haben. Und wer besonders clever ist, steckt Ersatzschuhe ein. Falls der konsequente entlastende Wechsel des Standbeins, Fußgymnastik unter dem Tisch oder die imaginäre Linie im Laufe des Abends doch irgendwann versagen.