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Meditation im AlltagEinssein mit dem, was man tut

6 min

Im Boden des Teeraums ist eine Feuerstelle eingelassen, darin: der Teekessel (jap.: Kama).

Wer Martin Knipphals in seinem Garten besucht, darf erst mal ein Bad nehmen. Zumindest, wenn er ein Vogel ist. Zwischen Kieselsteinen, einem Teich und wie zufällig arrangierten Pflanzen findet sich in dem japanischen Privatgarten im Bergisch Gladbacher Ortsteil Herrenstrunden ein Handwaschbecken für Teegäste. Immer wieder taucht eine Meise in dem teetassengroßen Gefäß unter, während Martin Knipphals nebenan in seinem Teeraum sitzt und mit einem Bambusquirl Teepulver in einer Schale schaumig rührt.

Der Teeraum mit seinen hohen Fenstern, seinen papierenen Schiebetüren, den Reisstroh-Matten als einzigen Sitzmöbeln und seiner im Boden eingelassenen Feuerstelle ist das Arbeitszimmer von Knipp-hals – wenn er nicht gerade Gärten und Häuser plant und baut. Der 60-Jährige ist einer von nur fünf Meistern des japanischen Teewegs (jap.: Chado) in Europa. Außerdem ist er Künstler, Grafiker, Autor und Teeimporteur. Aber vor allem eben ein Meister des Teewegs und der Meditation: Zu ihm kommen Menschen aus ganz Europa, um das Zur-Ruhe-Kommen zu lernen. Aktuell sind Manager, Pharmareferenten, Molekularbiologen, aber auch Handwerker, Studenten und Gymnasiasten unter den Schülern.

Umherirrende Wolken gibt es überall. So – oder auf Japanisch „unsui“ – werden Teeweg-Schüler traditionell bezeichnet. Natürlich war auch Martin Knipphals mal ein unsui. Doch davon später. Erst will Knipphals, den seine Schüler nur „Sensei“ – Meister – nennen, wissen, was der Besucher selbst unter Meditation versteht. Als ich zögernd meine Definition vorbringe, in der Begriffe wie Versenkung und Zur-Ruhe-Kommen auftauchen, nickt der Sensei zögerlich. Ja, das könne man so sehen. Währenddessen nimmt er heißes Wasser aus dem Teekessel und gießt es in eine Schale. Zum Vorwärmen.

„Egal ob man Yoga, Tai Chi oder Zen nimmt – all diese Versenkungs- oder Sichdaraufeinlass-Techniken sind uralt“, sagt Knipphals. „Der Punkt bei allen ist, mit ihrer Hilfe den Dualismus zu überwinden.“ Dualismus, das sei das Nicht-Einssein mit dem, was man tut. Das Nicht-Dabeisein, weil uns immer das Denken dazwischen kommt. Das geistige und emotionale Abwesend-Sein also, wenn man eine Tasse Kaffee an den Mund führt, einen Keks isst, Nudeln kocht, miteinander redet.

Später, nach unserem Treffen, wird Knipphals in einer E-Mail das Gegenteil des Dualismus als „Sosein“ beschreiben. „Ich denke, der rote Faden bei allem, was wir Menschen seit jeher anstreben, ist der tiefe Wunsch, das Sosein unser wahren Natur zu realisieren – dauerhaft, in allen Verrichtungen des Alltags.“ Wir wollen unser Tun nicht mehr seufzend als „So sollte es eigentlich sein“ wahrnehmen. Uns nicht mehr stets korrigieren müssen.

Im Teeraum fällt das Wort „Sosein“ nicht. Hier spricht Knipphals von Meditation und dem großen Ziel der Übung: dem Einbringen der Meditations-Erfahrung in den Alltag. Im Teeweg, einer Übungs-Methode, die „als Blüte der Pflanze Zen auf dem Nährboden Buddhismus“ im 15. Jahrhundert in Japan entstand, werde genau das praktiziert (siehe Kasten). „Das Hochheben einer Teeschale, das Reinigen der Schale, das ist die Übung.“ Das klinge einfach, sei aber unendlich schwierig. „Sprechen, und dennoch innerlich zu schweigen – das ist schwieriger, als auf dem Kissen im stillen Kämmerlein zu hocken.“ Im Alltag passten wir uns allzu oft „sinnentleerten Normen an, die leider die Unzufriedenheit fördern“, findet der Teemeister. Das Gehen auf dem Teeweg sei ein Training, das In-Sich-Ruhen im Alltag zu verankern und „selbst beim Kochen von Spaghetti Bolognese“ anzuwenden.

„Japanischer-Zen-Teeweg“

Teeweg-Meister Martin Sôtai Knipphals bietet einen zweieinhalbstündigen Workshop inklusive Tee-Zeremonie an. Dazu wird traditionell bequeme Kleidung in gedeckten Farben und weiße Socken getragen. Wer hat, kann gerne eine eigene Teeschale (Durchmesser 11-12 cm, Höhe 8-9 cm) mitbringen

Termin: Samstag, 8. November, 10 bis 12.30 Uhr (ausgebucht), Zusatztermin: 14 bis 16.30 Uhr

studio dumont, Breite Str., Köln

Tickets: 55 Euro (Abocard 52 Euro) , erhältlich im Servicecenter Breite Str. sowie bei Kölnticket unter ☎ 0221/ 2801

www.koelnticket.de

Abocardpreis: ☎ 0221/ 280344

www.abocard.de

Aber wie genau kann einen die Übung, regelmäßig auf spezielle Art Tee zuzubereiten, diesem Ziel näherbringen? Durch das Üben der Atmung, der Körperhaltung, und des achtsamen Umgangs mit allem, sagt Knipphals. Seine Schüler – die schon mal morgens um sechs, vor ihrer Arbeit, in den Teeraum kommen – üben viele Jahre immer wieder dieselben Schritte: Die Teeobjekte in der Küche zurechtzustellen, sie achtsam in den Teeraum hineinzutragen, im Beisein der Gäste erneut zu reinigen, sie vorzuwärmen, trockenzuwischen, dann das Teepulver einzufüllen, Wasser mit einer Schöpfkelle darüberzugießen, mit einem Bambusquirl Tee und Teepulver in einer großen Schale aufzuschlagen und dem Gast an die richtige Stelle zu stellen. „Mit anderen Worten: Die Dinge einfach zu machen, wie sie anstehen“, sagt Martin Knipphals. „Und sobald man den Tee hat, nicht auf die Schale zu achten. Damit zwischen den gemachten Tee und das Wahrnehmen des Tees kein Gedanke kommt.“

Die Schritte selbst könne man zwar lernen wie ein Artist, aber auf dem Teeweg gehe es eben nicht ums Ritual. „Routine ist eine große Gefahr.“ Oft gebe er Schüler während der Teezubereitung deshalb spontan sogenannte Koans, absurde Denkrätsel, um sie vom kopfgesteuerten Arbeiten abzubringen. Sonst entstünde zwar eine nette Zeremonie. „Denken und Auswendig-Abspulen führen aber niemals zum Erleben des So-seins“, so Knipphals.

Er selbst war 1975 Sanitäter bei der Bundeswehr in Kiel, als ihn ein Stabsarzt genau diese Lektion lehrte. „Ich habe bei meinen Nachtwachen in der Klinik immer Bücher über Zen-Meditation gelesen“, berichtet er. Eines Nachts habe sein Vorgesetzter – ein praktizierender Zen-Buddhist – ihm ein Buch aus der Hand genommen und aus dem Fenster in den Park geworfen. „Er sagte: Junger Mann, das müssen Sie tun – nicht lesen. Schwimmen lernen Sie auch nicht durch Bücher.“ Knipphals ließ das Buch im Park liegen und lernte Meditieren. Irgendwann stolperte er über den Teeweg. 1989 wurde er Schüler zweier Meister in Paris und Düsseldorf. Seit 2005 ist er schließlich selbst einer von ihnen.

Wie erkennt man eigentlich, ob jemand auf dem Teeweg fortgeschritten ist? Am Tee, sagt Knipphals. Es klinge zwar seltsam, aber man könne schmecken, je nachdem, wie lange ein Schüler schon praktiziert. Nebenbei wirke sich das Gehen des Teewegs auch auf die Gesundheit aus: „Man merkt es daran, dass man weniger oder gar nicht mehr krank wird.“ Weil der achtsame Umgang mit sich und anderen, dieses In-sich-Ruhen, auch das Immunsystem im Lot halte.

Das Strampeln des Nichtschwimmers

„Nehmen Sie sich eine Süßigkeit, bitte“, sagt Knipphals, und reicht mir ein Tablett mit Keksen. Ich bedanke mich, koste die traditionelle Süßigkeit. Dann reicht er mir eine Schale grünen Tee und nimmt sich selbst eine. Eine Frage brennt mir noch unter den Nägeln – dieselbe, die mir Knipphals zu Beginn unserer privaten Teezeremonie gestellt hat. Was verstehen Sie denn unter Meditation, Herr Knipphals? Es sei wie beim „Toter Mann“-Spielen im Wasser, sagt er „Ein Schwimmer kann sich auf den Rücken legen und geht nicht unter – ein Nicht-Schwimmer dagegen sicher.“ Der Grund dafür finde im Kopf statt: Der Nicht-Schwimmer glaubt, er müsse strampeln. Der Schwimmer bleibt ruhig, weil er die Erfahrung hat, dass das Wasser nicht sein Gegner ist. „Übertragen Sie dieses Modell auf Ihr Leben“, sagt Knipphals. „Dann haben sie eine Definition.“