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Meditation im AlltagKontemplation im Kopfstand

5 min

Henjek Thadäus kam vor elf Jahren zum Yoga. Heute gibt er selbst Kurse.

Ein großer Tanzboden in einer Schauspielschule in Köln. An der Wand hängt ein deckenhoher Spiegel, am Ende führen Stufen auf eine Bühne aus Holz. In diesen Saal kommen fast täglich Menschen, um sich in Kobras, Tiger oder Hasen zu verwandeln, meist in mehrere Tiere nacheinander. Durch diese „Asanas“ wollen sie innerlich ruhig werden. Das verspricht zumindest die Lehre des Yoga. In Deutschland folgen inzwischen fünf Millionen Menschen der altindischen Bewegungsphilosophie. Tendenz stark steigend.

Die Verwandlung in Heuschrecken oder Hasen findet natürlich nur metaphorisch statt: Die Körperhaltungen, die Praktizierende einnehmen sollen, ähneln denen bestimmter Tiere. Dabei hat Yoga mit Sport nicht viel zu tun. „Der Unterschied ist: Im Yoga gibt es keinen Wettbewerb“, sagt Henjek Thadäus, der in diesem Tanzsaal im Belgischen Viertel Yoga unterrichtet. Vielmehr gehe es um die „Bewusstwerdung des eigenen Körpers“. Anders gesagt: Yoga ist eine Art Meditation in Verrenkung.

Das Werkzeug zu dieser Bewusstwerdung sind die Asanas. Das Wort stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Sitz oder Haltung. Asanas sind - zum Teil anstrengend aussehende - Körperhaltungen, die längere Zeit hindurch entspannt beibehalten werden sollen. „Durch die Dauer wirkt das ganze irgendwann nicht mehr nur körperlich, sondern auch geistig und energetisch“, erklärt Thadäus, lächelt und schiebt hinterher: „Das hört sich jetzt an wie Humbug - ist es aber nicht. Yoga ist eine Wissenschaft, die vor Tausenden von Jahren entwickelt wurde. Es ist ein Werkzeug, um innerlich ruhig zu werden.“

Dass man mit dem Werkzeug Yoga tatsächlich Anspannungen lösen kann, hat der 44-Jährige am eigenen Leib erfahren. „Wenn ich früher ein entspannter Typ war, dann oft nur nach außen. Durch Yoga bin ich heute innerlich viel ausgeglichener.“ Dabei hatte der Familienvater bis in seine 30er mit Übungen wie der Katze oder dem Krokodil nichts am Hut. „In Köln wurde man auch damals schon überflutet mit Yogaangeboten“, erinnert er sich. Der Musiker, der in der Band Schwarze Maschine auch heute noch Bass spielt und singt, machte um Yogaangebote damals einen Bogen.

Doch dann hatte er etwas wie ein Erweckungserlebnis. „So etwas braucht jeder, um mit Yoga anzufangen“, sagt Thadäus. „Klare Linien, viel Natur, viel Ruhe“, erinnert sich der Kölner an einen Urlaub auf einer griechischen Kykladen-Insel vor elf Jahren. Vor dieser mythischen Kulisse sei eine Frau auf ihn zugekommen und habe ihm nach einem kurzen Gespräch gesagt: „Was du brauchst, ist Yoga!“ Die Frau, so stellte sich heraus, war eine argentinische Yoga-Meisterin, die seit Jahren in Nordindien lebt. Thadäus ließ sich einige Asanas zeigen, nahm mehrere Wochen Unterricht. Zurück in Deutschland, war er angefixt. „Auch weil ich die Wirkungen des Yoga schnell an mir gespürt habe.“

Die Wirkungen, von denen Praktizierende am häufigsten berichten, sind Entspannung und Gelassenheit. „Yoga ist eine Technik, die hilft, mit Stress umzugehen“, sagte der Neuroforscher Sat Bir Khalsa kürzlich im Wirtschaftsmagazin „Brand eins“. Der Professor der Harvard-Universität in Boston kann diese Aussage inzwischen mit immer mehr wissenschaftlichem Zahlenmaterial belegen.

2007 etwa nahmen chinesische Studenten im Rahmen einer Studie an einem Yogatraining teil. Danach schütteten sie in Stresssituationen weniger Cortisol aus und schnitten in Konzentrationstests besser ab. 2014 kam eine Überblicksstudie zu dem Schluss, dass die Ergebnisse von Yoga zur Behandlung von Bluthochdruck „ermutigend“ seien. Und eine Untersuchung mit 38 Frauen mit Posttraumatischer Belastungsstörung, die im Mai im Fachmagazin „Journal of Clinical Psychology“ erschien, kam zu dem Ergebnis, dass Yoga-Übungen die Verarbeitung eines Traumas positiv beeinflussen können.

Wie die jahrtausendealte Bewegungspraxis diese Wirkungen hervorruft, kann die moderne Forschung inzwischen recht gut erklären. Wer regelmäßig Yoga macht, lerne, weniger heftig auf Stressfaktoren wie Lärm zu reagieren, sagt Harvard-Mediziner Khalsa. Durch die Fokussierung auf eine Körperstellung übe man sich darin, seinen Geist in einem neutralen Zustand zu halten. Man fokussiert seine Aufmerksamkeit, konzentriert sich auf den Atem oder eben darauf, im Kopfstand oder einem kobraartigen Sitz zu verharren. Yoga beruhige dabei besser als andere Bewegungslehren, weil es - anders als etwa Sport - vor allem aus Meditation bestehe. „Die wenigsten Forscher betrachten die Übungen als eine rein physische Aktivität“, sagt Khalsa. Der meditative Aspekt durchziehe alles.

„Yoga ist das Zurruhekommen der Gedanken im Geiste“, zitiert auch Henjek Thadäus Patanjali, den Begründer des Hatha-Yoga (siehe Kasten). Es gehe darum, Blockaden zu lösen - körperliche wie geistige. „Oft stellt man fest: Wenn muskuläre Blockaden gelöst werden, verschwinden damit auch geistige.“ Dazu spreche jede Körperübung eine andere „Problemzone“ an: „Es gibt Asanas, die kann man einsetzen, als würde man in einen Werkzeugkoffer greifen.“ Wer unter Ängsten leidet, sollte zum Beispiel den Kopfstand trainieren, den „König der Asanas“: „Allein schon die Perspektive: die Welt auf dem Kopf zu sehen. Und wenn man dann merkt, ich kippe nicht um, entwickelt man Zutrauen zu sich selbst. Das überträgt sich in den Alltag.“

Eineinhalb Stunden übt Thadäus inzwischen täglich Yoga. Fitter sei er geworden, sagt der Mittvierziger, auch sonst habe sich durch Yoga in seinem Leben vieles „von selbst“ verändert. Wenn Stress heranrausche, nehme er das inzwischen viel früher wahr und steuere dagegen. Das Leben bestehe - wie die Asanas - aus Schwankungen und Widerständen. „Im Yoga lernt man, damit umzugehen.“ Die wenigsten Forscher betrachten die Übungen als eine rein physische Aktivität Sat Bir Khalsa, Yoga-Forscher.