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Festival der Meisterköche„Bei uns ist reine Kulinarik“

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Zwei-Sterne-Koch Christian Jürgens (Mitte) vom Restaurant „Überfahrt“ serviert dieses Jahr beim Festival Pilze und Ochsenmark.

Herr Schmitt, am Sonntag der nächsten Woche findet das zehnte Festival der Meisterköche auf Schloss Bensberg statt. Champagner steht kalt, Teller und Besteck liegen bereit, nehmen ich an?

Andreas Schmitt: Das kann man so sagen. Wir arbeiten das ganze Jahr über an der Veranstaltung – neben unseren anderen beiden großen Events, dem Weihnachtsmarkt und den Schloss Bensberg Classics. Aber so kurz vorher konzentriert sich alles auf das Festival. Glauben Sie aber nicht, wir kümmern uns nur um so Offensichtliches, wie etwa die 12000 Bestecke, die zum Einsatz kommen. Wo 20 Köche mit ihren Teams am Werk sind, braucht man auch sehr, sehr viele Küchenrollen.

12000 Mal Messer, Gabel. Löffel – wer spült?

Schmitt: (lacht) Einige Spülmaschinen sind da in Gang. Tatsächlich werden Sie schon am Montag nicht mehr merken, dass hier am Tag zuvor 650 Gäste beim Festival im Schloss gewesen sind.

Wie feiert man das zehnte Mal?

Schmitt: Groß. Mit unseren eigenen Rekorden. 20 Spitzenköche kochen für die Gäste – so viel wie noch nie. Auch was die Qualität ihres Könnens anbelangt stellen wir eine neue Marke auf: 36 Michelin-Sterne sind es dieses Jahr.

Das ist auch ein Jubiläum für Sie, immerhin haben Sie schon das erste Festival begleitet. Gab es große Lehren zu ziehen?

Schmitt: Nur, dass man das Wetter an diesem Tag bestimmen können müsste. Wir hatten Glück, von bisher neun Veranstaltungen fanden nur zwei bei schlechtem Wetter statt. Aber wir müssen immer damit rechnen – auch wenn es für kommende Woche bisher gut aussieht. Sonnenschein ist für die Stimmung einfach wunderbar.

Wie sehr müssen Sie improvisieren?

Schmitt: Regen fällt nicht unter Improvisation. Dann müssen wir im Schloss für mehr Sitzplätze sorgen, das ist kein organisatorisches Problem. Aber klar, wenn so viele Gastküchenteams ins Haus kommen, da bleibt bei denen auch mal etwas auf der Strecke. Ein Fleischthermometer oder andere technische Geräte herbeizuschaffen muss hier dann schnell gehen.

Aber es gibt doch sicher Dinge, die Sie vor dem Einschlafen beschäftigen, auch nach so vielen Jahren?

Schmitt: Dass das Essen reicht. Dass genug Gerichte angeboten werden. 14000 Portionen sind vorgesehen – ohne Desserts! Gäste sind ja nur in einem gewissen Maß berechenbar. Wie oft gehen sie ein zweites Mal zu einem Kochstand, oder sogar ein drittes Mal? Das kann man sehr schwer voraussagen. Dafür lassen sie vielleicht zwei andere Köche ganz aus. Wir können nicht jedes Gericht tausend Mal planen, das wäre in vielerlei Hinsicht Wahnsinn. Dieses Thema beschäftigt mich bis zum Schluss.

Was bringen die Köche mit, was stellen Sie als Veranstalter?

Schmitt: Wir haben vier Küchen, im Schloss sowie elf mobile Küchen, die zur Veranstaltung aufgebaut werden. Zudem 100 einzelne Küchengeräte wie Kombidampfgarer oder Induktionskochfelder. Für Servicepersonal, Geschirr und die Weinbegleitung sorgt unser Team. Die Köche bringen nur ihre Zutaten mit, eventuell spezielles Handwerkszeug und einige Mitarbeiter.

Wie läuft der Tag selbst aus Sicht der Organisation ab?

Schmitt: Für mich geht es um sieben Uhr los, aber ich bin nicht der erste, der hier arbeiten wird. Die Mitarbeiter, die die Stationen aufbauen und funktionsfähig machen, starten um einiges früher. Richtig spannend wird es für mich ab 10 Uhr, dann sollten die Köche komplett und unfallfrei angekommen sein. Bis 13 Uhr richten sich alle ein, die Winzer mit ihren Weinen an den Ständen. Dann geht es los mit dem Champagner-Empfang und eine halbe Stunde später eröffnen die Kochstationen. Ab da nehmen die Dinge ihren Lauf. Insgesamt 80 Köche und Küchenmitarbeiter, 90 Servicekräfte, 900 Flaschen Wein schaffen ein schönes Erlebnis. Wenn gegen 18 Uhr alles ausgeklungen ist, wird aufgeräumt. Gegen Mitternacht können wir alle nach Hause gehen.

Und mit so etwas kann man Geld verdienen?

Schmitt: Das ist ein enormer Aufwand. Es ist uns gelungen, dass wir bisher keine roten Zahlen schreiben. Aber es gibt sicher einfachere Arten, Geld zu verdienen.

Wie sah das Festival vor zehn Jahren aus?

Schmitt: Es gab einen Vorläufer. Die Idee ging auf eine Art Klassentreffen zurück. Dieter Müller hatte vor elf Jahren sein 30-jähriges Berufsjubiläum mit Kollegen im Schloss Lerbach gefeiert, die einmal bei ihm gearbeitet hatten. Das kam bei den Gästen hervorragend an, wir wollten das wiederholen. So entstand die Idee für ein Festival im Schloss Bensberg, das bot für die große Nachfrage genug Platz. Man muss bedenken, dass das damals eine absolute Neuheit war. Und auch heute ist das Festival in dieser Form in Deutschland einmalig mit seiner Möglichkeit, so viele unterschiedliche Kochstile der höchsten Kategorie an einem Ort kennenzulernen.

Findet bei Ihnen nach einer Dekade auch eine Zäsur statt? Ist diese Form des Luxus-Events in Krisenzeiten noch zeitgemäß?

Schmitt: Wir leben nicht auf einem anderen Stern, wir wollen nicht abgehoben sein. Abgehoben bedeutet für mich überteuert, nicht seinen Preis wert, unangemessen. Nur weil etwas hochpreisig ist, ist es nicht abgehoben. Aber man muss den Wert, den Aufwand, das Können erkennen.

Also behalten Sie das Konzept auch für die kommenden Jahre bei?

Schmitt: Auch bei uns ist nach dem Spiel vor dem Spiel. Und nach diesem Spiel werden wir alles neu überdenken, mit Thomas H. Althoff gemeinsam Bilanz ziehen. Ich denke, eine Ausrichtung werden wir beibehalten und noch stärker profilieren: die Internationalisierung, auch mit regionalen Schwerpunkten. Etwa, dass im Vorfeld der großen Sportereignisse Olympia und Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien Südamerika hier präsentiert sein wird. Als Amuse Bouche kann ich auch schon verraten, dass für 2013 Rodolfo Guzmán vom Restaurant Boragó in Santiago de Chile als Top-Act im Gespräch ist. Damit käme erstmals ein nicht-europäischer Spitzenkoch. Auch Alex Atala vom D.O.M. in Sao Paulo – die Nummer vier auf der Liste der 50 besten Restaurants der Welt, wäre für mich ein Wunschkandidat.

Dieses Jahr hat es der Star nicht so weit. Es ist Jonnie Boer vom „De Librije“ in Zwolle. Warum?

Schmitt: Jonnie Boer hat in den vergangenen Jahren eine imposante Entwicklung gemacht. Er gilt unter den Drei-Sterne-Köchen als ein ganz besonderer. Neben Sergio Hermann in Sluis ist er der herausragendste niederländische Koch und zählt zu den zwanzig besten in Europa. Überhaupt entwickelt sich die Spitzenküche in den Niederlanden extrem interessant. Jonnie Boer einzuladen ist eine Verbeugung vor dieser Entwicklung.

In den vergangenen zehn Jahren sind Köche Show-Gestalter und Popstars geworden. Könnten auch Alfons Schuhbeck oder Johann Lafer hier mitkochen?

Schmitt: Diese Entwicklung hat auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu mehr Interesse und Sensibilität für das Thema Kochen gesorgt. Wir suchen für das Festival Köche, bei denen wir uns sicher sind, dass unsere Gäste sie interessant finden. Fernseh-Kochen ist Show mit all ihrer Berechtigung. Bei uns ist reine Kulinarik.