Veganer werdenFleischlos glücklich - das geht!

Gemüse macht glücklich!
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Köln – Herr Grabolle, Sie essen offenbar sehr gerne Fleisch. Zumindest vergleichen Sie in Ihrem Buch „Kein Fleisch macht glücklich“ Wurst mit Herrenmagazinen und sprechen von „Fleischporno“, dem Sie widerstehen müssen. Macht es Sie also nicht eher unglücklich, kein Fleisch zu essen?Andreas Grabolle Ich habe früher sehr gerne Fleisch gegessen. Was mich unglücklich macht, sind die Produktionsbedingungen, die dahinter stehen. Dadurch, dass ich inzwischen so viele Alternativen kenne, gibt es kaum noch etwas, das ich vermisse. So gesehen macht es mich eigentlich eher glücklich, kein Fleisch zu essen. Es ekelt mich nicht an, aber ich will es nicht mehr essen.
Andreas Grabolle, 43, ist Biologe, Wissenschaftsredakteur und Buchautor. Er lebt mit Frau und Tochter in Berlin.
Zu Beginn des Buches haben Sie Fleisch gegessen, am Ende sind Sie Veganer. Wie kam dieser Sinneswandel zustande?Grabolle Ich hatte schon damit gerechnet, dass sich mein Ernährungsverhalten ändern würde. Dass es so gekommen ist, hat mich aber doch überrascht. Ich habe mit vielen Experten wie Tierärzten oder Landwirten gesprochen und musste einsehen: So wie ich es gerne hätte, ist es einfach nicht. Auch wie Bioprodukte und Fisch produziert werden, das ist für mich nicht akzeptabel.
Sie hatten vorher das Gefühl, dass Sie Biofleisch mit gutem Gewissen essen können? Grabolle Ja. Aber das hat sich geändert, als ich mich mit den Schlachtbedingungen und Fehlbetäubungen von Tieren beschäftigt habe. Auch Bio-Schweine werden vor dem Schlachten qualvoll mit CO2 erstickt. Für mich ist das völlig inakzeptabel. Eigentlich sollte es das für jeden Konsumenten sein. Es wird aber irgendwie hingenommen.
Sie haben sich selbst Mastbetriebe und landwirtschaftliche Betriebe angesehen. Was war das prägendste Erlebnis während Ihrer Recherche?Grabolle Die Putenmastbetriebe von innen zu sehen. Das waren ganz normale Betriebe, in denen unter unglaublichen Bedingungen Massen von Tieren gehalten werden. Das ist Alltag und vom Gesetz her gedeckt. Das mal mit allen Sinnen zu erleben war schon sehr beeindruckend.
Wie kann man es sich dort vorstellen?Grabolle Tausende Puten stehen dicht an dicht unter ständiger Beleuchtung im eigenen Kot, dazwischen liegen kranke und tote Tiere. Im Nebenraum habe ich Säcke mit Antibiotika liegen sehen. Das wurde einfach ins Trinkwasser geschüttet. Als Wachstumsmittel und weil bei einer solchen Masse nicht nur einzelne Tiere behandelt werden können.
Das ist nicht verboten. Es muss nur eine gewisse Zeit gewartet werden, bevor diese Tiere geschlachtet werden dürfen.
Grabolle Das Problem der Antibiotika ist ja nicht, dass es nachher im Putenschnitzel landet. Es sind die resistenten Keime, die dort herangezüchtet werden. Und das schadet letztlich auch uns.
Sie sind in diese Betriebe nur heimlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gelangt. Regt es Sie auf, dass die meisten Menschen diese Bilder nicht mit ihrem Putenschnitzel verbinden?Grabolle Letztlich ist das natürlich in allen kommerziellen Geschäftsbeziehungen so. Aber da, wo es um leidende Lebewesen geht, muss man den Verbraucher besonders beruhigen und schöne Bildchen zeigen. Auch die Biohaltung gibt etwas vor, was sie nicht ist und auch nicht leisten kann unter den momentanen wirtschaftlichen Bedingungen.
Sie meinen, die Landwirte sind selbst unzufrieden mit den Bedingungen, die sie den Tieren bieten?Grabolle Die sehen die Probleme ja selbst. Sie können den Tieren nicht so viel Platz geben, wie diese bräuchten. Sie können die Kälber nicht mit den Muttertieren zusammenlassen und sie müssen die Tiere enthornen, obwohl die Hörner wichtig für deren Kommunikation sind.
Sie waren im Rahmen Ihrer Recherche auch bei einem Bauern, der seine Rinder zum Teil erst in hohem Alter auf der Weide ins Koma schießt, bevor er sie zum Schlachten fährt und vor Ort schlachtet. Wäre eine solche Lösung für Sie denkbar?Grabolle Das ist sicherlich die bestmögliche Art der Tierhaltung. Trotzdem finde ich es bizarr, denn am Ende ist das Tier trotz aller Freundschaft tot.
Derselbe Bauer sagt, Scham vor dem eigenen Mitleid erschwere in der Landwirtschaft den Tierschutz. Wahrscheinlich nicht nur in der Landwirtschaft?Grabolle Ich kann mir viele gerade männliche Konsumenten vorstellen, die dieses Gefühl des Mitleids unterdrücken. Und es mit einem machohaften „Ich esse jetzt mein Steak“-Getue verkleiden. In unserem Kulturkreis war Fleisch immer ein wichtiges, wertvolles Lebensmittel. Die Diskussion darum, ob man Fleisch essen soll oder nicht, ist sozial sehr aufgeladen – und deshalb auch sehr heftig.
Inwiefern sozial aufgeladen?Grabolle Da spielen Männlichkeitsattribute ebenso eine Rolle wie Genussargumente. Und auch Macht: Fleisch zu essen gibt dem Menschen das Gefühl: Ich stehe oben in der Nahrungskette.
Warum haben Sie auch aufgehört, Milchprodukte und Eier zu essen?Grabolle Weil mich ein Tierarzt darüber aufgeklärt hat, wie es bei der Milchproduktion zugeht. Dass die Kühe mit etwa vier Jahren krank werden und geschlachtet werden müssen. Männliche Kälber werden ohnehin schon sehr früh geschlachtet. Und bei den Eiern werden die Hahnenküken direkt nach der Schlupf geschreddert, weil sie keine Eier legen. Für Vegetarier ist das natürlich unbefriedigend.
Ihre fünfjährige Tochter lebt mit Ihnen vegetarisch. Weiß sie, warum?Grabolle Eigentlich isst sie alles, sofern sie die Gelegenheit dazu bekommt. Bei Nachbarn und Freunden bekommt sie auch schon mal Wurst mit Tier drin. Sie darf das selbst entscheiden. Aber ich glaube, sie weiß viel mehr als andere Kinder darüber, wo das Fleisch herkommt.
Haben Sie ihr erzählt, was sie gesehen haben?Grabolle Nicht im Detail. Aber dass Tiere dafür getötet und schlecht gehalten werden, das weiß sie schon. Ich finde, dass sie schon erstaunlich ähnlich reagiert wie erwachsene Konsumenten. Sie will Tiere essen, sie will nur nicht sehen, wie sie geschlachtet werden.
Beobachten Sie einen Trend in Richtung Veganismus?
Grabolle Das erschlägt einen geradezu. Manchmal finde ich es wirklich atemberaubend, in welcher Geschwindigkeit sich das ausbreitet. In Berlin beobachte ich das besonders in einigen Bezirken. Es fühlt sich allerdings eher an wie eine gesellschaftliche Entwicklung als wie ein Trend. Sie hat natürlich modische Züge, aber es gehört ja schon viel Bereitschaft dazu, sich darauf einzulassen. Auf lange Sicht gesehen hat diese Bewegung das Potenzial, massentauglich zu werden. Es wird immer normaler, vegan zu leben. Dadurch sinkt die Hemmschwelle, das auch mal zu probieren.
Bei Vegetariern oder Veganern wird Inkonsequenz häufig mit Häme bestraft. Ist es Ihrer Meinung nach legitim, mal eine Ausnahme zu machen?Grabolle Ich finde, das muss wirklich jeder für sich entscheiden, was er isst und ob er Ausnahmen macht oder nicht. Jeder hat unterschiedliche Ansprüche an sich. Ich möchte mich da überhaupt nicht einmischen.
Machen Sie Ausnahmen?Grabolle Ich habe meine Ausnahmeregeln. Eine ist: Wenn meine Tochter etwas Vegetarisches nicht aufisst, dann tue ich das, auch wenn es Pizza mit Käse ist. Eine Wurst würde ich allerdings nicht zu Ende essen. Ich finde, es steht mir zu, das selbst zu entscheiden. Auch an den veganen Wein halte ich mich immer noch nicht. (bei herkömmlichem Wein wird zum Filtern und Klären etwa Eiklar oder Gelatine verwendet, Anm. d. Red.)
Sie hatten für Ihre Recherchen auch mit Tierbefreiern und Tierschützern zu tun. Hatten Sie irgendwann das Gefühl, dass man es auch übertreiben kann?Grabolle Ja, das empfinde ich manchmal bei Menschen, die sehr strikt sind. Das ist nicht meine Herangehensweise. Für mich muss es alltagspraktisch sein.
