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WeinkolumneEigenwilliger Wein von der Loire

3 min

Erntehelfer bei der Handlese im Weinberg.

Dass Frankreich gemeinhin als Wiege der Weinkultur gilt, ist nicht verwunderlich. Hier wurde Wein schon immer so bereitet, dass er zum Essen, der „Cuisine française“ passt, die seit 2010 Unesco Weltkulturerbe ist. Allein der Gedanke an Charolais Rind, Kapaun aus der Bresse, Bretonischen Hummer oder an die vielen ausgezeichneten Käse lassen einem das Wasser im Munde zusammenlaufen und rufen in Erinnerung, welch hohe Küchenkultur hier gepflegt wird.

Besondere Verknüpfung

Französischer Wein ist auch deshalb so besonders, weil sich über Jahrhunderte hinweg durch die Versuchs- und Irrtumsmethode auf allen Gebieten die perfekte Kombination von Rebsorte und Terroir entwickelt hat. Eine dieser besonderen, aber dem Weingenießer wahrscheinlich weniger bekannten Verknüpfungen ist die der weißen Rebsorte Chenin Blanc mit den sanften Hügeln der Region Touraine an der Loire. Chenin Blanc genießt weniger Popularität als die ebenfalls in der Region kultivierte Sauvignon Blanc, weil Chenin eine aromatisch eher zurückhaltende und eigenwillige Rebsorte ist. Ihr großer Vorzug ist die rassige Säure und die unbändige Struktur, die Weine entwickeln, die auf den besten Böden wachsen.

Was die Weinstilistik betrifft, ist sie ein wahres Chamäleon. Wegen der lebendigen Säure wird Chenin nicht nur gerne zu Schaumwein verarbeitet, der in den kühlen, in den Kalkstein getriebenen Kellern heranreift. Sie gibt auch den von Edelfäule hochkonzentrierten Süßweinen der Region die nötige Frische. Aber auch trocken ausgebaut ist Chenin Blanc ein großartiger Genuss, der an mineralischer Würze und komplexem Spiel kaum zu überbieten ist. Der „Bel Air“ von dem jungen Winzer Damien Delecheneau ist so ein Beispiel. Damiens Stolz sind seine mehr als 60 Jahre alten Reben, deren Alter die natürliche Wüchsigkeit des Chenin Blancs zügelt und so von sich aus wenig Ertrag hervorbringen. Damien lässt seine Weine mit den in der Umgebung vorhandenen wilden Hefen angären. Diese sogenannte spontane Gärung ist risikoreicher, auch weil die verschiedenen Stämme bei der Fermentation zig Aromen bilden, die wenig fruchtgeprägt und nicht berechenbar sind, wie das bei einer selektierten Reinzuchthefe der Fall ist. Das kann hochkomplexe Weine hervorbringen, aber auch ungenießbare „Stinker“, wenn der falsche Hefestamm im Potpourri war.

Hier ist alles gut gegangen, aber der Bel Air ist trotzdem kein stromlinienförmiger Lari-Fari- Wein, sondern ein urfranzösischer Genuss. Im Glas eröffnet sich eine zurückhaltende aber unglaublich finessenreiche Aromenvielfalt von Feuerstein, frisch geschnittenen Wiesenblumen, reifer Quitte und Mirabelle. Die knackige Säure ist wie ein Geigenbogen gespannt, zieht sich aber elegant durch den Wein und endet in einem überraschend soften Finish. Es ist diese perfekte Balance zwischen Reife und Säure, was französische Tropfen so unverwechselbar und zu optimalen Essensbegleitern macht. Der ohne Holz ausgebaute aber dennoch mittelgewichtige Wein passt perfekt zu geschmortem Bauernhuhn oder aber auch zu der aus der Region stammenden Ziegenkäsevielfalt.

2011 Bel Air Domaine La Grange Tiphaine, Loire, 9,90 Eurowww.weinhalle.de