WeinkolumneGeheimtipp aus dem Wiener Wald

Die Wein-Kolumne von Ramona Echensperger
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Auch in der Weinwelt gilt der Spruch: „Man lernt nie aus.“ Denn selbst dem erfahrenen Weingenießer wird immer wieder etwas Unbekanntes ins Glas geschenkt, das einen in Staunen versetzt. Zu diesen weniger prominenten Tropfen gehören die Weine aus der weißen Rebsorte Rotgipfler, einer autochthonen Sorte aus Österreich, die in der Thermenregion nahe Wien zu Hause ist. Autochthon bedeutet so viel wie „eingeboren“, untrennbar zum Gebiet gehörend.
2011 Rotgipfler
Weingut Heinrich Hartl
Thermenregion – Österreich
11,95 Euro
Der von Mundart geprägte Name „Rotgipfler“ rührt von den roten Blattspitzen und Adern her, die die Reben bis zur Erntezeit entwickeln. Gerade einmal 0,2 Prozent der österreichischen Rebflächen sind mit dieser Rarität be-stockt. Doch scheint der Geheimtipp seine Kreise zu ziehen und damit auch das Interesse der Winzer zu wecken. Mit besonderer Passion widmet sich Heinrich Hartl dieser Rebsorte und erklärt selbstbewusst: „Ich möchte den Rotgipfler zurück auf die Weltbühne bringen, er ist ein einzigartiger Schatz der Thermenregion.“ Speziell machen den Rotgipfler seine genetischen Eltern. Denn er ist eine natürliche Kreuzung aus dem Roten Veltliner und dem besonders aromatischen Traminer. Letzterer zählt zu den ältesten bekannten Rebsortenfamilien.
Heiße Sommer und trockene Herbste
Es ist nicht verwunderlich, dass es so viele Spielarten gibt, bei denen der Traminer eine wichtige Rolle einnimmt. Hartls Rotgipfler wächst rund um die Gemeinde Gumpoldskirchen, das Herz der Thermenregion. Es ist das Weinbaugebiet, das sich vom Stadtrand Wiens entlang einer Hügelkette an die Abhänge des Wienerwaldes lehnt. Die Weinreben profitieren von den aus der ungarischen Tiefebene kommenden Wettereinflüssen, dem sogenannten pannonischen Klima. Dies sorgt für heiße Sommer, trockene Herbste sowie sehr viel Sonnenschein. Zusammen mit den kräftigen und schweren Lehmböden schafft das die Bedingungen, um Rotweine perfekt zur Reife zu bringen. Zudem bietet es der anspruchsvollen weißen Sorte Rotgipfler die perfekte Heimat. Denn hier kann das Mitglied der Traminerfamilie die volle Aromenpracht entwickeln und entfalten.
Die goldgelbe Farbe sowie die leicht erhöhte Viskosität zeigen dem Auge schon, dass dieser Wein gehaltvoll ist. Ein duftiges Bukett mit Aromen von reifer Birne, Mirabellen, exotischen Gewürzen, Rosenblättern und Honig umspielt die Nase. Am Gaumen verrät er mit seiner dezent cremig-öligen Textur und seinem angenehm pfeffrigen Geschmack den Traminer als Elternteil. Hinzu kommen Noten von Zitrusfrüchten und Ingwer, was dem doch kräftigen Wein einen frischen Lift im Abgang beschert. Dieser Wein ist ein gestandener Essensbegleiter, der zu beliebten österreichischen Gerichten wie Backhendl mit Kartoffelsalat oder Tafelspitz mit Meerrettich eine sehr gute Figur macht.
