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WeinkolumneRestsüßer Außenseiter ist zurück

2 min

Magazin-Sommelière Romana Echensperger

Köln – Wenn ein Winzer vor 100 Jahren einen Süßwein erzeugen wollte, musste er die Trauben so vollreif und mit hohem Zuckergehalt ernten, dass die Hefen bei der Vergärung von selber aufhörten, ihre Arbeit zu verrichten. Dabei verblieb eine gewisse Restsüße im Wein. Die seltenen Spätlesen oder Auslesen waren das Aushängeschild des deutschen Weines und erzielten Höchstpreise auf dem internationalen Weinmarkt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt die Elektrizität Einzug in den Weinkeller und mit ihr Kühltechnik und Sterilfiltration. Vergärende Moste können seitdem bequem gekühlt werden, die Hefe stoppt dann auch die Vergärung und wird anschließend durch Sterilfiltration entfernt. Seitdem kann man Spätlesen auch ganz einfach erzeugen.

Doch damit nicht genug. Züchter brachten Rebsorten wie Bacchus und Huxelrebe auf den Markt, die im kühlen deutschen Klima selbst bei hohen Erträgen schnell Zucker einlagern. Diese Neuzüchtungen verbreiteten sich stark in den 1970er Jahren und bald gab es die einst so raren Spätlesen für zwei Mark im untersten Supermarktregal. Seitdem wird das damalige Image „süß und billig“ auch diesen Neuzüchtungen zugeschrieben.

Sebastian und Marcel Class fanden das unfair. Als „Restsüße-Missverständnisse aus Großvaters Zeiten“ beschreiben die Jungwinzer die damaligen Geschmacksverirrungen und machten es sich zur Aufgabe, den verpönten Außenseitern zu neuem Glanz zu verhelfen. Gekonnt bauen sie ihre Cuvée aus Scheurebe, Bacchus, Gewürztraminer und Huxelrebe knochentrocken aus. Zusammen mit pfiffigem Etikett und Namen ist den beiden ein richtiger Wurf gelungen.

Der hellgelbe Weißwein verströmt eine enorme Fruchtigkeit mit Aromen von Grapefruit, Jasmin, Pfeffer und noch vielem mehr. Am Gaumen zeigt der Bacchus seine voluminöse Würze und der Traminer seine ölige Textur. Der Wein ist angenehm trocken, mundfüllend saftig und verfügt über eine milde Säure. Mit seiner fruchtig-würzigen Art passt er gut zu Sashimi vom Lachs mit Sesam und Teriyaki-Sauce sowie rotem oder grünem Thaicurry. Die beiden nennen den Wein „Good Old Times“ – und eine gute Zeit dürfte für die Huxelreben des Landes nun endlich anbrechen.

2013 Good Old Times / Weissweincuvée trocken / Weingut Neverland / Rheinhessen / 9,90 Eurowww.neverland-wein.de