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WeinkolumnePerfekter Wein zur Marone

3 min

Sommelière Romana Echensperger

Südtirol ist ein Land „dazwischen“: Zwischen Alpen und Dolomiten, kurz hinter Österreich im Etschtal im Norden Italiens und damit auch zwischen Nord- und Südeuropa. Von dieser besonderen Geografie ist auch die Lebensart geprägt: Die Menschen haben sich das Beste aus beiden Kulturkreisen ausgesucht. Lateinisches Savoir-vivre und germanische Gründlichkeit verbinden sich hier zu einer sympathischen Melange. Auch aus meteorologischer Sicht hat Südtirol mit 300 Sonnentagen im Jahr einen fast mediterranen Einschlag. Wäre da nicht die kühle Bergluft, die nachts das Meer der Apfelbäume in den Tälern und die Weinreben an den Hängen kühlt. Diese klimatische Gemengelage sorgt für die typisch klar ausgeprägte Rebsortenromatik, die allen Weinen aus dem Alto Adige gemein ist.

2011 Römigberg Kalterer See ClassicoAlois Lageder, SüdtirolPreis: 10,50 Eurowww.koelner-weinkeller.de

Auch weinbaulich ist Südtirol ein sehr eigenständiges Anbaugebiet. Hier ist die Reberziehung der Pergola (an einem Säulen- oder Pfeilergang) noch weit verbreitet und lässt die Landschaft oft aussehen wie im 19. Jahrhundert. Diese Form der Bewirtschaftung ist wie geschaffen für die meistangebaute Rebsorte Südtirols, den Vernatsch, der in Deutschland als Trollinger bekannt ist. Im benachbarten Trentin wird die Rebsorte „Schiava“ genannt, ein Name, der sich vom italienischen Wort „schiavo“ ableitet, was so viel wie „Sklave“ bedeutet. Die italienische Namensgebung deutet schon darauf hin, dass die Rebsorte mit ihrer natürlichen hohen Wüchsigkeit das „Arbeitspferd“ der Region ist. In Pergolaform erzogen, kann diese Eigenschaft auch richtig genutzt werden und die Rebsorte viel – in der Vergangenheit oft zu viel – Ertrag liefern. Wer allerdings wie Alois Lageder die Erträge reduziert, profitiert von der schattigen Laubwand, die eine Pergola den Trauben bietet und damit besonders die feinen, zurückhaltenden Aromen des Vernatsch schützt. Was in der Spitzenlage Römigberg, die am Kalterer See liegt, auch vonnöten ist. Denn der Weinberg in diesem Talkessel ist direkt nach Süden ausgerichtet und fängt damit jeden Sonnenstrahl sowie die Stauhitze ein.

Dass ein guter Vernatsch ein ganz und gar hedonistischer Weingenuss sein kann, beweist der Römigberg von Lageder. Es ist kein Wein, der lange liegen sollte, den man für ganz besondere Gelegenheiten aufbewahren müsste oder für den man ein extravagantes Gericht kreieren sollte. Es ist ein Wein mit Trinkfluss und Anspruch. Die brillante Farbe leuchtet hell und granatrot im Glas, das Bukett ist duftig und verströmt die typischen Vernatscharomen von Mandel und Sauerkirsche. Am Gaumen ist der Wein saftig, angenehm frisch und mit kaum Gerbstoff einfach süffig und gut. Ein Wein, den man leicht gekühlt trinken sollte und der in Südtirol zum „Törggelen“ zusammen mit Speck und Kaminwurzen gereicht wird. Diese Genusszeit beginnt, wenn die Esskastanien reif und die Weinernte eingebracht ist. In den mittleren Lagen, wo Weinbau gedeiht, fühlt sich nämlich auch der Kastanienbaum wohl. Das stabile, witterungsresistente Holz wird dabei gerne für den Bau der Pergola genutzt. Dass die gerösteten Maronen dabei besonders gut zum Wein passen, ist ein schöner Zufall.