WissenschaftskolumneDarum ist bei Wein hoher Alkohol nicht gleich hoher Genuss

Viel oder wenig Alkohol? Beim Wein scheiden sich in dem Punkt die Geister.
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Berlin – Die meisten Genießer kennen den Trend: Die Weine werden weltweit immer alkoholreicher. Man könnte auch sagen: fetter, muskulöser, marmeladiger, geschmacksdichter. Seit Beginn der 1990er Jahre sind der Zuckergehalt der geernteten Trauben und damit die Alkoholausbeute der Weine um rund 0,2 Prozent pro Jahr gestiegen. Die Ursachen: der Klimawandel, aber auch die spätere Lese und niedrigere Erträge im Weinberg. Viele Winzer sind überzeugt, dass der Trend zu mehr Alkohol auch zu besseren Weinen geführt hat, die dem Verbraucher behagen. Doch eine wissenschaftliche Studie meldet jetzt Widerspruch an.
21 Weinfreunde verkosteten für ein internationales Forscherteam, angeführt von Psychologen der Hebrew University in Jerusalem, spanische Rotweine – einmal mit niedrigem und einmal mit hohem Alkoholgehalt. Dann schauten die Forscher mit Hilfe moderner bildgebender Verfahren ins Hirn der Probanden und ermittelten die Aktivität in den für Aromen- und Geschmackswahrnehmung zuständigen Arealen. Das erstaunliche Ergebnis: Die Weine mit geringerem Alkoholgehalt (Säure, Süße, Gerbstoffgehalt und Rebsorten waren weitgehend gleich) lösten eine stärkere Hirnaktivität aus – es passierte mehr zwischen den Ohren. Die Wissenschaftler hatten eher das Gegenteil erwartet. Doch die Tropfen mit 14 oder 14,5 Volumenprozent Alkohol ließen die zuständigen Hirnregionen vergleichsweise kalt.
Wenn das Gehirn vor Freude hüpft
Wie lässt sich das nun erklären? Die Studie, an der auch Dana Small, eine Gastprofessorin aus Köln, beteiligt war, stärkt jenen kritischen Winzern den Rücken, die schon seit Jahren beklagen, dass Eleganz und Finesse von zu viel Alkohol überdeckt werden. Alkoholärmere Weine würden oft raffinierter und interessanter schmecken, sagen sie. Ist unser Hirn tatsächlich zu solch feinsinnigen Unterscheidungen in der Lage? Ist es womöglich von zu viel Alkohol genervt?
Jetzt muss die Studie nur noch jenen Weinliebhabern zugänglich gemacht werden, die von einem Wein vor allem viel Kraft, viel Körper und Geschmack erwarten, also auch viel Alkohol. In ihrem Wertesystem ist derjenige Wein der beste, der bei einem Probeschluck auf der Zunge am lautesten „Bumm“ macht, worunter vor allem die Süffigkeit leidet. Die alkoholreichen Tropfen, häufig die Gewinner bei Blindtests, machen schnell satt und müde, sagen die Kritiker der Kraftmeierei. Jetzt gibt ihnen also auch die Wissenschaft Recht.
Darauf ein Glas Superleichten von der Mosel. Da hüpft das Gehirn vor Freude. Und am nächsten Tag braucht’s weniger Aspirin.
