Köln – Kennen Sie das Gefühl? Sie haben gerade im Radio einen Song gehört – und irgendwie will er aus dem Kopf partout nicht mehr heraus? Studien des finnischen Kognitionsforschers Lassi Liikkanen haben schon 2011 ergeben, dass mehr als 90 Prozent der Befragten mindestens einmal pro Woche von einem Ohrwurm heimgesucht werden, der in den unpassendsten Momenten aktiv wird und einfach nicht aufhört. Vergleichbare Ergebnisse kommen aus Großbritannien.
Vor allem Menschen, die sich viel mit Musik beschäftigen oder selbst Musik machen, seien anfällig für Dauer-Musikschleifen, sagt Jan Hemming, Musikwissenschaftler an der Universität Kassel. Auch Persönlichkeitsmerkmale spielen eine Rolle: Ohrwürmer befallen eher Sensible mit niedrigen Reizschwellen. Einig sind sich die Wissenschaftler, dass ein Ohrwurm auf einer Gedächtnisleistung basiert. „Eine Melodie gelangt über die Hörorgane ins Gehirn und wird im Langzeitgedächtnis eingespeichert“, erklärt Hemming. Wo genau das passiert, ist noch nicht erforscht. Ohrwürmer lassen sich nicht gezielt erzeugen – und damit auch nicht mittels EEG in Aktion beobachten.
Zum Loswerden gibt es verschiedene Techniken. Einige Forscher raten, das ganze Ohrwurmlied zu hören, um das Gehirn von der Fetzen-Wiederholung zu erlösen. Michael Deeg vom Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte empfiehlt, gezielt auf eine andere Melodie zu setzen: „Das Gehirn kann nicht gleichzeitig den Ohrwurm wiedergeben und neue akustische Signale verarbeiten.“
Mancher Betroffener versucht auch, die Dauerschleife durch andere, den Geist fordernde Tätigkeiten zu beenden. Intensive Gespräche, Schachpartien oder Sudokus etwa seien prima Ablenkungsmanöver für die grauen Zellen, sagt Hemming.
Der offizielle Ohrwurm des Sommers
Mit „Prayer in C (Robin Schulz Remix)“ hat das französische Duo Lilly Wood & The Prick einen Überraschungserfolg erzielt. Ab Ende Juni hielt sich der Song fünf Wochen auf Platz 1 der offiziellen deutschen Single-Charts. Anfang August nun kürte das Marktforschungsunternehmen GfK Entertainment „Prayer in C“ offiziell zum Sommerhit 2014 – nicht zuletzt, weil der Remix des aus Osnabrück stammenden Produzenten Robin Schulz auch international erfolgreich ist. Der Ohrwurm landete in über 20 Ländern auf Rang 1 der iTunes-Charts und führt in der Schweiz seit neun Wochen die offizielle Singles-Hitliste an.
Die größten Konkurrenten von Prayer in C waren „Summer“ von Calvin Harris, „Auf uns“ von Andreas Bourani, „Traum“ von Cro und „Wicked Wonderland“ von Martin Tungevaag. (mit dpa)
Unsere ganz persönlichen Ohrwürmer
Cherry ohDJ Razoof (Uwe Lehr): Mein Ohrwurm des Sommers ist „Cherry oh“ von Seeed. Ich mochte schon das Original von Eric Donaldson aus den 70ern, und auch die Coverversion von UB 40 aus den 80ern gehört zu meinen Sommerhit-Klassikern. Seeed präsentieren den Song im modernen Soundgewand , die elf Berliner haben sogar noch zwei deutsche Strophen dazu gedichtet. Prima Sommerhit, wobei speziell die Orgel-Melodie nicht mehr aus dem Kopf geht. In Formentera, wo ich gerade aufgelegt habe, stand aber „Bailando“ von Enrique Iglesias ganz oben auf der Wunschliste.
Auf uns Tanja Wessendorf: Das Lied von Andreas Bourani hat mich wegen seiner Permanenz irgendwann gestört. Weil es aber auf so unglaubliche Weise die Euphorie des WM-Sommers wieder zum Leben erweckt und weil mein Sohn es genau deshalb immer wieder hören will und mitsingen kann, bin ich mittlerweile gerührt, wenn ich es höre.
AtemlosRainer Nolte: Ich kann es nicht leugnen, Helene Fischers „Atemlos“ verfolgt mich positiv: Ich verbinde den Glücksmoment „WM-Titel“ damit. Erst recht, weil mein Sohn (3) so enthusiastisch die Zeile „Spür, was der Fußball mit uns macht“ singt.
Mambo No. 5Ina Sperl: Im Erscheinungsjahr von Lou Begas „Mambo No. 5“, also 1999, war der Sommerhit irgendwie an mir vorbeigegangen, dafür trifft er mich jetzt umso heftiger. Er ist auf einer CD, die meine Tochter jeden Tag rauf und runter hört. Gar nicht so schlimm, denn trotz seines gelinde gesagt dämlichen Textes verbreitet der Song gute Laune.
Summertime SadnessLioba Lepping: Lana del Reys „Summertime Sadness“ ist ein schöner Seufzer-Song, der von der sommertypischen Verpflichtung zum Dauer-Glücklichsein bei Sonnenschein befreit. Für Nostalgiker und Herbst-Fans!
Im Garten von GettisTanja Brandes: „Im Garten von Gettis“ von Philipp Poisel ist mein ganz persönlicher Sommerhit. Der Song ist von 2011, ich bin aber erst dieses Jahr darauf aufmerksam geworden. Ich mag das Lied, weil es eben kein typischer Sommer-Sonne-Cocktail-Ohrwurm ist, sondern eine leicht melancholische und auch irgendwie naive Strand-Vision, und weil man sich beim Lauschen davonträumen kann. Ins Sommerparadies.
Mertesacker EmptinessMarkus Düppengießer: „Mertesacker Emptiness“, die Coverversion eines alten Manic-Street-Preachers-Hits. Der Originaltext von „Motorcycle Emptiness“ wurde Wort für Wort ersetzt durch die Namen deutscher Fußballspieler – von Kuranyi bis Hölzenbein; das Youtube-Video dazu zeigt alle Spieler im Bild. Auch nach der WM krieg ich den Song mit dem geleierten Gesang einfach nicht aus dem Kopf.
BudapestSilke Offergeld: George Ezra singt davon, für seine Liebste alles aufzugeben, dort in Budapest, zu einer Melodie, leicht wie sommerlicher Überschwang. Und wann fällt Aufbrechen – und Verlieben – schon so leicht wie im Sommer?
