Doppelte StaatsbürgerschaftHoffen auf das Wahlrecht

Vor dem Jahresfest lud die Bosnisch-Islamische Kulturgemeinschaft zum Gebet ein, mit dabei auch Mustafa Burnic (vorne links).
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Ehrenfeld – Das Lamm dreht sich im Grill, die Tische biegen sich unter den Kuchenplatten, die helle Moschee ist rappelvoll. Die Bosnisch-Islamische Kulturgemeinschaft hat zum Jahresfest auf ihr Gelände in Ehrenfeld geladen und mehrere hundert Muslime aus ganz Nordrhein-Westfalen sind gekommen. Joachim-Murat Jung, vor drei Jahren vom Katholizismus zum Islam konvertiert, ist seit 15 Jahren in der Gemeinde aktiv. „Hier gibt es kaum politische Diskussionen“, sagt der 60-Jährige. Sei mit dem zufrieden, was du hast – das sei ein fester Grundsatz im muslimischen Glauben.
Kölscher Bosnier
Gänzlich unpolitisch sind die Muslime aus Ehrenfeld natürlich nicht. Für Bosnier gilt die doppelte Staatsbürgerschaft nicht ausnahmslos, viele mussten sich entscheiden, ob sie den deutschen oder den bosnischen Pass behalten wollen. Konflikte sind da programmiert. Mensur Bacevac, stellvertretender Präsident der Gemeinde, bezeichnet sich als kölschen Bosnier. Ein Dilemma, wenn man sich für eine Staatsbürgerschaft entscheiden muss. Bacevac hat sich für die bosnische entschieden, genauso wie Vorstandsmitglied Mustafa Burnic. „Ich würde hier gern wählen, gebe meinen bosnischen Pass aber nicht ab“, sagt der 38-Jährige im Gespräch mit Joachim Frank, Chefkorrespondent des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Das liege auch am Bosnienkrieg in den 1990-er Jahren. Viele Bosnier seien seitdem patriotischer als vorher. „Die Daheimgebliebenen brauchen unsere Unterstützung“, sagt Burnic. Deshalb drehen sich politische Gespräche in der Gemeinde eher um die komplizierte Politik im Heimatland als um die deutsche Parteienlandschaft. Viele Gemeindemitglieder würden sich auch gern in Deutschland einmischen. „Ein zweiter Pass wäre sinnvoll, damit die Leute entscheiden können, was hier mit ihrem Geld passiert“, sagt Burnic. Viele Bosnier hätten gute Ausbildungen und gute Jobs, zahlten entsprechend Steuern. Dass sie nicht wählen dürfen, weil sie sich für den bosnischen Pass entschieden haben, sei ein „Witz“. Nur der doppelte Staatsbürgerschaft ist für Burnic die Lösung. „Ich würde mich ernster genommen fühlen, wenn ich einen deutschen Pass hätte“, sagt Mensur Bacevac: „Ich würde mich mehr engagieren.“
Edin Bajric hat den deutschen Pass. Der 21-Jährige geht wählen – „das kleinere Übel“, wie er sagt. Semir Kovasevic dürfte auch wählen. Doch der 25-Jährige sieht keinen Grund dazu. Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel – das waren die Regierungschefs seit er denken kann. Grund zur Klage hatte er nicht: „Für mich gab es keine Veränderung, ich bin zufrieden“, sagt der junge Mann, der gerade sein BWL-Studium abgeschlossen hat. Warum also wählen? Mustafa Burnic ist sich sicher, dass Semir Kovasevic seine Ansichten noch ändern wird. Spätestens, wenn er fest im Beruf steht und Steuern zahlt.
