Macher und MärkteParty mit Patina

.„Bierpogopop und Pathos“: Manuel Preuten (2.v. l.) und Patrick Essex mit Agnes Quirnbach
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Ehrenfeld – Samstagnacht, halb zwölf in der Kneipe Bergkrug in Ehrenfeld. Die Tanzfläche ist voller junger Menschen, Gedränge am Tresen, mittendrin tanzt die Wirtin Agnes „Aggi“ Quirnbach mit geschlossenen Augen zum 80er-Jahre-Hit „Maria Magdalena“. Draußen redet eine Gruppe auf den Türsteher ein. Der bleibt hart. „Hier is’ voll“, sagt er. „Vielleicht kommt ihr in einer Stunde wieder.“ Die Kneipe hat eigentlich keinen Türsteher, keinen DJ und auch keine Tanzfläche. Und Schlange stehen müssen die Gäste hier allenfalls an Weiberfastnacht.
Der Fotograf Patrick Essex (43) und der Journalist Manuel Preuten (33) hatten die Idee zur Partyreihe „Wilde Uschi“. Jeden Monat ziehen sie mit unterschiedlichen DJs für einen Abend in eine andere Eckkneipe ein. Bergkrug, Ihrefelder Eck, Gumprecht Eck – das sind die bisherigen Stationen der Wilden Uschi.
Wunderbare Szenen in Schwarz-Weiß
Neuerdings wird also wieder in der Kneipe getanzt statt in Clubs und zugigen Fabrikhallen. „Die Kneipen haben Atmosphäre und Patina“, sagt Patrick Essex. Er muss es wissen. Mit Manuel Preuten hat er im vergangenen Jahr fast 90 Kneipen besucht. Nächtelang haben sie mit Wirten und Stammgästen geredet, getrunken und deren Geschichten aufgeschrieben. In dem Buch „Bei „Uschi’s Eck. Die Kneipe und ihre Bewohner“ erzählen sie diese oft tragisch-schönen Geschichten. Essex’ Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen wunderbare Szenen aus den Kneipen, vom Leben gezeichnete Gesichter, strahlende Augen. „Die Eckkneipen sind uns ans Herz gewachsen“, sagt Preuten. Die Partyreihe „Wilde Uschi“ soll die alten, von vielen vergessenen Läden zurück ins Rampenlicht bringen.
Im Bergkrug baumeln Karnevalsorden von der Lampe, auf den wuchtigen Holztischen stehen Osterglocken in weißen Vasen. Urlaubsgrüße der Stammgäste hängen am Schrank – Postkarten aus Paris, Mallorca und dem Schwarzwald. Ein paar Tische und Stühle mussten der improvisierten Tanzfläche weichen. Ansonsten bleibt alles, wie es schon immer war. „Das ist das Konzept“, sagt Preuten. „Wir wollen die Kneipen nicht verändern.“ Das zeigt auch die Getränkekarte. Szenegetränke sucht man hier vergebens. Zum Kölsch kommen Eigenkreationen wie „Kornpirinha“ und „Wacholder Tonic mit Gurke“. Und als die Gäste gegen Mitternacht hungrig werden, bringt Aggi Quirnbach Frikadellen und eine Tube Senf. Die Wirtin und einige Stammgäste feiern mit. „Ich finde es herrlich, dass die jungen Leute hier sind“, sagt die 56-Jährige. „Da sind so viele Nette dabei, man kann nicht immer alle über einen Kamm scheren.“ Dass die Partys so gut ankommen, liegt auch an der Musik, die die Veranstalter als „Bierpogopop und Pathos“ bezeichnen und die „irgendwo zwischen der Powerballade der 80er Jahre und Punkrock“ liegt, wie Essex sagt. „Wichtig ist, es muss in die Kneipe passen.“ In den Bergkrug passt Nino de Angelo genauso gut wie New Order. Aggi Quirnbach tanzt immer weiter, bis ihre Tochter Jessica hinter dem Tresen schreit: „Wir haben keine Kölschgläser mehr!“ Also geht Aggi spülen und lächelt. Es ist schon eine ganze Weile her, dass im Bergkrug die Gläser knapp wurden.
Die nächste „Wilde Uschi“-Party ist am 30. April im Ehrenfelder Brauhaus, Venloer Straße 403.
