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Wikipedia-Community in KölnEin realer Raum für virtuelle Welten

Lesezeit 4 Minuten
Geolina, Raimond Spekking und Elke Wetzig (v. l.) im Lokal K

Geolina, Raimond Spekking und Elke Wetzig (v. l.) im Lokal K

Ehrenfeld – Ist es Zufall, dass die Straße Hackländer Straße heißt? So ein Name muss Internet-Assoziationen wecken. Genau wie das helle Ladenlokal selbst an der Straßenecke in Köln-Ehrenfeld, außen beklebt mit dem Wikipedia-Logo, einer Weltkugel, die sich aus Puzzleteilen mit Schriftzeichen, Zahlen und Formeln zusammenfügt. Drinnen, auf zusammengewürfelten Sofas und Sesseln, trifft sich die Welt des virtuellen Wissens. Oder doch zumindest ein Teil davon. „Lokal K“ heißt der neue Treffpunkt der Kölner Wikipedia-Community. Es ist das einzige dieser Art weltweit.

Ist es ein Widerspruch, dass Wikipedia, das am 15. Januar 2001 gegründete „Projekt zur Erstellung eines freien Onlinelexikons“ (Wikipedia über Wikipedia), einen Raum braucht, abseits der virtuellen Welt des Internets? Schließlich findet die Kommunikation zwischen den mehreren Tausend regelmäßig aktiven Wikipedia-Autoren in Deutschland und den mehr als 1,7 Millionen angemeldeten Nutzern weltweit hauptsächlich über die Online-Plattform statt. Das wird auch weiterhin so bleiben.

Und doch gibt es Momente, in denen der Online-Austausch nicht ausreicht. „Manche Dinge kann man nur von Angesicht zu Angesicht besprechen“, sagt Elke Wetzig. Die 47-Jährige gehört zum Kernteam der Kölner Wikipedia-Community, das das Lokal K ins Leben gerufen hat. Die Frage, warum eine Internet-Community einen Ort in der realen Welt braucht, überrascht Wetzig. „Wikipedia ist doch nichts abstraktes, dahinter stecken Menschen“, sagt sie.

Alles zum Thema Bars und Kneipen

In andere Welten eintauchen

Von Beruf ist Wetzig Projektmanagerin. Für Wikipedia schreibt sie über Kultur-Themen, zuletzt über Kölner Sakralkunst. Raimond Spekking ist Software-Berater und freier Fotograf . Genau wie Wetzig und die anderen seiner Wikipedia-Kollegen, die für die Organisation von Lokal K zuständig sind, genießt er sein Doppelleben. „Das Tolle an Wikipedia ist, dass man in andere Welten eintauchen kann. Würden wir uns hier mit den gleichen Dingen beschäftigen wie in unserem Beruf, dann wäre es ja Arbeit.“

Wie alle anderen Autoren widmen sich die Betreiber des Lokals den Wikipedia-Artikeln in ihrer Freizeit. Für ihren Einsatz haben sie individuelle Gründe. Geolina möchte ihr eigenes Wissen weitergeben. „Das Spannendste sind aber die Leute, die ich bei Wikipedia kennenlerne“, sagt die 50-Jährige, die nur unter ihrem Online-Namen genannt werden möchte. „Menschen von 18 bis 80 Jahren treffen sich und tauschen sich über Wissensthemen aus, ohne dass ihr Alter eine Rolle spielt.“

Raimond Spekking treibt die Idee der „Freiheit des Wissens“ an. „Für einige Menschen liegt das Wissen einfach da, es ist ihnen zugänglich. Sie müssen es nur aufnehmen. Aber das gilt längst nicht für alle auf der Welt.“

Betrieben wird Wikipedia von der Wikimedia-Foundation, einer nichtstaatlichen gemeinnützigen Organisation mit Sitz in San Francisco. 2004 wurde Wikimedia Deutschland in Berlin gegründet. Auch das Lokal K wird von dem Verein – und damit durch Spenden – finanziert.

WikiCon am Wochenende

Von hier aus können Veranstaltungen organisiert werden, wie die WikiCon, das Treffen der deutschsprachigen Wikipedia-Community, das vom 3. bis 5. Oktober im Kölner Mediapark stattfindet. Die verschiedenen Wikipedia-Redaktionen können im Lokal K zusammenkommen, die Menschen hinter der Internet-Enzyklopädie können diskutieren, gemeinsam an Artikeln schreiben, sich austauschen – oder einfach mal zusammen feiern.

„Es ist etwas anderes, ob man mit jemandem chattet oder ob man mit ihm im gleichen Raum sitzt und sich unterhält“, sagt Geolina. Das gelte besonders bei Konflikten. „Humor und Ironie sind auch schwierig im Internet. Manchmal muss man sich einfach in die Augen sehen können.“ Geolina und die anderen im Kölner Kernteam wollen Wikipedia ein Gesicht geben, nicht verschwinden hinter dem Logo wie eine Masse von Rechercherobotern.

Natürlich sind sich die Wikipedia-Autoren auch schon begegnet, bevor das Lokal K im April entstand. In fast jeder größeren Stadt gibt es Stammtische der Community, die meisten finden einmal im Monat in einer Kneipe statt. „Aber das ist etwas anderes, da sitzt man zusammen und unterhält sich, aber man arbeitet nicht direkt an den Projekten.“ Elke Wetzig lächelt verschmitzt. „Und außerdem gibt es in den Kneipen oft kein W-Lan.“

Pilotprojekt für ein Jahr

Dass der erste reale Wikipedia-Treffpunkt nun ausgerechnet in Köln gegründet wurde, ist Zufall – und eigentlich doch wieder nicht. „Die Kölner Community war schon immer besonders aktiv“, sagt Spekking. „Wir haben irgendwann entschlossen, es anzugehen.“ Dass das Lokal linksrheinisch, im quirligen Ehrenfeld eröffnet wurde, sei aber wirklich Zufall gewesen, beteuert er.

Jeden Donnerstag ab 14 Uhr wird der Treffpunkt von den Wikipedianern offengehalten, grundsätzlich aber darf jeder das Lokal nutzen, der sich für freies Wissen einsetzt und mit seinem Projekt keinen vorrangig finanziellen Nutzen anstrebt. Vor kurzem trafen sich Programmierer im Lokal K, um an einer App zu tüfteln, die den nächstgelegenen Defibrillator ermittelt. Letzte Woche fand hier ein Workshop der Digital-Media-Women statt. Wer die Räume nutzen will, kann sich melden – auf der Wikipedia-Seite des Lokals oder über Facebook.

Lokal K ist ein Pilotprojekt und zunächst auf ein Jahr angelegt. „Wir hoffen natürlich, dass es danach weitergeht“, sagt Spekking. Wenn es gut läuft, sollen auch andernorts Community-Lokale entstehen. Die Chancen stehen nicht schlecht: „Eigentlich“, sagt Elke Wetzig, „sind wir Nerds viel sozialere Wesen, als man denkt.“

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