„Das ganze Leben ist kaputt“Stammgäste nehmen schmerzvoll Abschied von Kölner Kneipe

Lesezeit 3 Minuten
Inge und Carmelo Constanza stehen hinter der Theke.

Inge und Carmelo Constanza, besser bekannt als Carmen und Mello, hinter der Theke.

Nach 30 Jahren muss eine beliebte Kölner Veedels-Kneipe schließen. Ein schmerzhafter Abschied – für die Inhaber und Stammgäste.

„Guck mal, der hier kommt aus Griechenland“, sagt Turgay Akdeniz und deutet auf einen Bekannten. „Und der hier aus Jugoslawien. Und ich bin aus der Türkei“, sagt er. Es scheint, als hätten die Fööss ihren „Stammbaum“ über die Stammgäste der Kneipe „Bei Mello“ an der Esserstraße in Humboldt-Gremberg geschrieben.

An dem Abend, an dem das Lokal zum letzten Mal geöffnet hat, ist Akdeniz nicht etwa im Stadion zu finden, sondern hier. Und das, ob wohl der türkische Imi eine FC-Kappe trägt, ein Poloshirt vom FC, eine Jacke vom FC und stolz seine beiden Sondermünzen aus dem Portemonnaie holt, auf denen das Vereinslogo und der Dom eingraviert sind.

Kölner Stammgäste in Kalk: „Bei Mello“ ist wichtiger als der FC

Nein, „Bei Mello“ ist wichtiger als der FC. Denn „Bei Mello“ wird nie wieder öffnen. Die Kneipe soll zu einer Wohnung umgebaut werden. Was Gentrifizierung bedeutet, drücken die Gäste, die noch ein letztes Mal gekommen sind, zum Zapfenstreich quasi, so aus: „Die kölsche Kultur schafft sich ab.“ So sieht es Sabrina Wieting und so sieht es Turgay Akdeniz, der bei ihr am Tisch steht.

Alles zum Thema Bars & Kneipen

Das Kölsch kostet heute nur einen Euro, es gibt Ääzezupp. „Wenn die Kneipe erstmal zu ist, wird meine Mama weinen“, sagt Wieting und meint das doppeldeutig. „Hier habe ich meine Kommunion gefeiert – und meine Eltern Silberhochzeit“, sagt Mutter Angelika.

Wenn die Musik dröhnt, hängen bei mir die Bilder an der Wand schief. Aber wenn hier zu ist, die Stille, die Stille ertrage ich nicht.
Angelika Wieting, Stammgast

„Ich wohne über der Kneipe. Über dem Bereich dort hinten liegt meine Küche. Wenn die Musik dröhnt, hängen bei mir die Bilder an der Wand schief. Aber wenn hier zu ist, die Stille, die Stille ertrage ich nicht“, sagt Mutter Angelika. „Das ganze Leben ist kaputt.“

Der DJ spielt Schlager von Michelle, allerdings zu leise. Noch einmal etwas übersprudelnd Lebensbejahendes, aber nicht zu optimistisch. „Komm wir drehen die Zeit zurück, nur einen Augenblick.“

Menschen sitzen in einer Kneipe.

Viele Stammgäste fanden sich zum Abschiedskölsch ein.

An der Wand, direkt am Büffet, hängen Bilder von Mello und Carmen, dem Inhaber-Ehepaar. Hochzeitsbilder. Mello heißt eigentlich Carmelo Constanza, nur nennt ihn keiner so. Der Sizilianer zapft das Kölsch mit geübter Hand und reicht es mit kölschem Singsang, als hätte er nie etwas anderes gesprochen.

Carmen, seine Frau, heißt eigentlich Inge. „Aber das steht nur im Ausweis – so nennt mich hier keiner. Bei der Geburt hatte ich braune Locken, wie eine Spanierin, meinte die Hebamme. Seitdem bin ich Carmen“, sagt sie.

Nur noch zwei kölsche Kneipen im Kölner Veedel Humboldt-Gremberg

Als die beiden die Kneipe übernahmen, vor 30 Jahren, da gab es in Humboldt-Gremberg noch „17 bis 18“ Kneipen“, sagt sie. Zum Monatsende müssen auch sie raus. Und wenn „Bei Mello“ zumacht, werden nur noch zwei übrig sein in der Kolonie, der Taunushof und Haus Bayer, das sie hier alle Bayers Eck nennen.

„Wir haben jetzt in der Humboldt-Kolonie kein Lokal mehr, wo wir hingehen können“, sagt Matthias Langen. Gut, da gebe es diese Kneipe, die gerade erst aufgemacht habe. Aber die sei ja keine kölsche Kneipe. „Jedenfalls ist das nicht dieselbe Atmosphäre wie hier“, meint der 83-Jährige. „War immer gemütlich hier. Egal, ob wir morgens oder abends hier waren. Dä Mello un et Carmen – super.“

Nachtmodus
KStA abonnieren