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Kölner Arzt des Schweizer Brandopfers„Bei einer echten Megakatastrophe wäre auch Deutschland überfordert“

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Im Krankenhaus Merheim wird ein Opfer der Schweizer Brandtragödie behandelt (Archivfoto).

Im Krankenhaus Merheim wird ein Opfer der Schweizer Brandtragödie behandelt (Archivfoto).

Das Klinikum in Merheim gehört zu den größten Zentren für Brandverletzte Deutschlands. Prof. Dr. Paul Fuchs über die besonderen Herausforderungen bei der Versorgung.

Herr Fuchs, was geht Ihnen als Verbrennungschirurg durch den Kopf, wenn Sie von einer Tragödie wie der in Crans-Montana hören?

Zunächst einmal dasselbe wie vermutlich allen: Entsetzen. Da geraten – völlig sinnlos – junge Menschen in eine Katastrophe. Auch wenn man diesen Beruf schon lange macht, lässt einen das nicht kalt. Erst danach schaltet man in den professionellen Modus. Wenn man hört, dass es über hundert Brandverletzte sind, weiß man sofort: Das ist ein Ereignis europäischer Tragweite.  

Auch in Merheim wird ein Opfer behandelt. Das Klinikum gehört zu den größten Zentren für Schwerbrandverletzte in Deutschland – auch wegen der Chemieindustrie im Großraum Köln. Warum müssen Brandverletzte nach solchen Unglücken in ganz Europa verteilt werden?

Schwerbrandverletzte brauchen hochspezialisierte Versorgungsstrukturen. Das beginnt beim Personal: speziell ausgebildete Pflegekräfte, Intensivmediziner und Chirurgen. Dazu kommen besondere räumliche Voraussetzungen. Wir haben hier in Merheim – wie andere große Zentren – Einzelzimmer mit eigener Klimatisierung. Die Räume werden auf über 30 Grad geheizt, weil Brandverletzte durch den Verlust der Haut massiv auskühlen. Gleichzeitig verlieren die Patienten viel Flüssigkeit und sind extrem infektanfällig, weil die natürliche Schutzbarriere fehlt. Deshalb muss unter nahezu sterilen Bedingungen gearbeitet werden. Es ist also eine Kombination aus Expertise, Erfahrung und Infrastruktur.

Prof. Dr. Paul Fuchs, Chefarzt der Plastischen Chirurgie/Verbrennungsmedizin im Krankenhaus Merheim der Kliniken der Stadt Köln

Prof. Dr. Paul Fuchs, Chefarzt der Plastischen Chirurgie/Verbrennungsmedizin im Krankenhaus Merheim der Kliniken der Stadt Köln

Wie läuft die Behandlung ab, wenn ein Schwerbrandverletzter nach Merheim kommt?

Wenn Patienten direkt vom Unfallort zu uns kommen, erfolgt zunächst das klassische Traumamanagement im Schockraum: Gibt es Sturzverletzungen, Knochenbrüche, andere innere Verletzungen? Erst wenn das abgeklärt ist, geht es auf die Verbrennungsintensivstation. Dort beginnt das eigentliche Wundmanagement: Entfernen von Hautblasen, verbrannten Kleidungsresten, Rasur zur Reduktion von Keimen. Parallel läuft die intensivmedizinische Betreuung. In den ersten 48 Stunden geht es um den sogenannten Verbrennungsschock. Die Patienten verlieren enorme Mengen Flüssigkeit, die Verletzung betrifft letztlich alle Organsysteme. Um den Kreislauf stabil zu halten, müssen wir in den ersten 24 Stunden teilweise zehn bis zwanzig Liter Flüssigkeit geben. Gleichzeitig müssen Wärme- und Flüssigkeitshaushalt kontrolliert werden.  

Wie geht es dann weiter?

Ab etwa dem zweiten Tag beginnt die operative Phase. Dann wird verbrannte Haut schrittweise entfernt und durch Hauttransplantate oder Hautersatzmaterialien ersetzt. Dieser Prozess kann sich über Wochen, manchmal über zwei bis drei Monate hinziehen. Die Behandlung Schwerbrandverletzter ist extremes Teamplay. Ein Verbandswechsel kann vier Stunden dauern – bei 30 Grad Raumtemperatur. Das erfordert eine enorme körperliche und mentale Belastbarkeit.  

Ist Deutschland auf solche Szenarien wie wir sie in der Schweiz gesehen haben, vorbereitet?

In NRW haben wir eine sehr hohe Dichte an Verbrennungszentren. Allein hier in Merheim haben wir sechs – im Katastrophenfall zehn – Betten für Schwerbrandverletzte. Deutschlandweit haben wir rund 200 Verbrennungsbetten. Aber bei einer echten Megakatastrophe mit 300 oder 400 Brandverletzten wäre auch Deutschland überfordert – das muss man klar sagen.