Spendenaktion in Höhenberg/Vingst„Kinder, die sich bewegen, lernen auch gut“

Pfarrer Franz Meurer (r.) überreicht ein Rad an Flüchtling Chike Anyaegbunam (l.) und dessen Betreuer Albert Kratzheller.
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Höhenberg/Vingst – Das Fahrrad-Lager unter der Vingster Pfarrkirche St. Theodor sieht in diesen Tagen ziemlich geräumt aus, wie ein Wühltisch nach der ersten Schlussverkaufs-Woche. „In den Sommerferien haben wir viele Räder an Kinder aus der Höviland-Ferienaktion abgegeben, deren Familien sich einen Kauf nicht leisten können. Auch aus den Flüchtlingsunterkünften in der Umgebung kommen ständig Wünsche nach funktionierenden Fahrrädern“, sagt Pfarrer Franz Meurer. „Derzeit ist die Nachfrage halt größer als das Angebot. Wir haben eigentlich keine Räder mehr.“ Mehr als 700 Räder für Kinder und Erwachsene hat das Hövi-Team in diesem Jahr schon kostenlos weitergegeben. Die zumeist gebrauchten Vehikel werden inzwischen aus dem gesamten Stadtgebiet gespendet.
Meurer: „Manchmal ist aber auch ein ganz neues Rad dabei.“ So hatte die Filiale der Norma-Supermarkt-Kette an der Olpener Straße ein Zweirad zur Verfügung gestellt, das Meurer („Das ist doch ein Top-Rad“) sogleich an den aus Nigeria stammenden Flüchtling Chike Anyaegbunam (46) weitergab. Der lebt seit eineinhalb Jahren in Köln, hat inzwischen eine Stelle als Fernfahrer gefunden und war mit seinem Merheimer Betreuer Albert Kratzheller – der frühere Architekt des Kölner Erzbistums hatte einst mit seinem Kollegen Paul Böhm an den Plänen für die St. Theodor-Kirche gearbeitet – zur Fahrradausgabe nach Vingst gekommen. Kratzheller gab gleich eine weitere „Bestellung“ für die Merheimer Flüchtlingsunterkunft auf dem Klinik-Gelände an der Ostmerheimer Straße auf. „Vier, fünf Räder werden dort dringend gebraucht.“ Doch die müssen erst hergerichtet und verkehrssicher gemacht werden.
Und dafür ist in den Werkräumen unter der Kirche Mario Rosteck (50) zuständig. „Ich bin hier der Fahrrad-Mann“, sagt er und lacht. „Aber das habe ich ja auch gelernt.“ Rosteck hatte in der ehemaligen DDR in Ost-Berlin beim VEB Konsum eine Lehre als Teilefacharbeiter und Fahrradmechaniker absolviert. Als Ein-Euro-Jobber ist er über die Vermittlung des Arbeitsamtes vor zwei Jahren in sein ursprüngliches Berufsfeld zurückgekehrt. „Ich hatte vorher schon viel von Pfarrer Meurer gehört und bin nun froh, zu dessen Team zu gehören.“ In einem kleinen Werkstattraum ist Rosteck Herr über allerlei Werkzeug, Hunderte Ersatzteile und Tausende Schrauben und Muttern. Jedes gebrauchte Rad, das gespendet und teilweise von den Hövi-Leuten auch abgeholt wird, geht durch seine Hände und wird repariert und fahrbereit gemacht. Rosteck: „Nur wenn das gar nicht mehr geht, wird ein Rad ausgeschlachtet für die Ersatzteil-Abteilung.“ Mit diesen Tätigkeiten ist Rosteck von montags bis donnerstags beschäftigt. Freitags steht dann die Ausgabe der Räder an. „Ich kenne ja jedes Rad und kann dem neuen Besitzer ein paar Tipps geben.“ Dann stehen die Räder schön nebeneinander aufgereiht auf der Rampe neben der Kirche.
Die Ausgabe erfolgt im Zehn-Minuten-Rhythmus. Mit Hilfe von Nümmerchen, die sich die Interessenten montags abholen können. Doch derzeit müssen viele vertröstet werden. Auch wenn Meurer von seiner Hauptzielsetzung („Jedem Kind ein Fahrrad“) gegenwärtig ein ganzes Stück entfernt ist, will er daran festhalten. „Kinder, die sich bewegen, lernen auch gut.“
