Kindheit im Zweiten WeltkriegDer lange Weg zurück nach Köln

Helmut Claren lebt heute in Pulheim.
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Von manchen Erlebnissen kann Helmut Claren aus Pulheim bis heute kaum erzählen, ohne dass seine Stimme bricht. „Die muss ich sofort wegdenken“, sagt der 82-Jährige. „Wenn mir diese Bilder vor die Augen rutschen…“. Zu den verbotenen Gedanken gehört beispielsweise die Erinnerung an Männer in braunen Uniformen, aufgehängt an Laternenpfählen. An Generäle der deutschen Wehrmacht, die sich mit ihrem Jeep vor seinen Augen in die Luft sprengen. Und an Soldaten mit weißen Fahnen, die unter dem Beschuss amerikanischer Tiefflieger zu Dutzenden auf einer zerschossenen Landstraße sterben.
Helmut Arnold Claren, im Oktober 1932 in Köln geboren, verheiratet und Vater zweier Söhne, ist zwölf Jahre und sechs Monate alt, als er sich im April 1945, zusammen mit seinem Freund Jakob, im „Protektorat Böhmen und Mähren“ auf den Weg in seine Heimatstadt Köln macht. Er trägt schwere Filzstiefel, die seine Schienbeine blutig scheuern, und eine schmutzige „Pimpf“-Uniform. Die Erinnerungen an diese „Reise“ sollen ihn ein Leben lang nicht loslassen.
Zwei Jahre zuvor ist der früh verwaiste Junge im Rahmen der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ (KLV) aus dem Rheinland in den Osten verfrachtet und in den Wirren der letzten Kriegsmonate weitgehend sich selber überlassen worden – ein Kriegskind von zwölf Jahren, für das sich niemand verantwortlich fühlt. Er gehört damit zu Zigtausenden Kindern in ganz Europa, die sich am Ende des Zweiten Weltkriegs plötzlich auf sich selbst gestellt sehen und um ihr Überleben kämpfen müssen.
Das Leben des Helmut Claren ist schon früh geprägt von Schmerz, Verlust und Tod. Der Vater stirbt, als der Sohn zwei Jahre alt ist. Emma Claren, mit Anfang 30 bereits Witwe, kümmert sich allein um Tochter Josefine und den ein Jahr jüngeren Helmut. Der erinnert sich trotz allem an eine „schöne Kindheit“ in Köln-Deutz. An Schlittenfahrten auf dem Grünstreifen an der Hohenzollernbrücke und eine erste Zigarette mit acht, die ihm schweres Bauchgrimmen und Schelte von der entsetzten Mutter einbringt. An Klassenlehrer Runkel, der im Ersten Weltkrieg ein Bein verlor und trotzdem weiter Sport unterrichtet.
Er erinnert sich auch an „Gefangene in gestreifter Kleidung“, die am Bahnhof Deutz ankommen und in Polizeifahrzeugen abtransportiert werden. An die ersten französischen Kriegsgefangenen in Köln und an die lichterloh brennenden Häuser der Altstadt nach einem nächtlichen Fliegerangriff.
Im Juni 1942 stirbt auch Emma Claren. Die 38-Jährige hat Darmkrebs, Helmut und Josefine werden zu Vollwaisen. Verwandte bringen die verstörten Geschwister zunächst im Kinderheim in Köln-Sülz unter. Das Waisenhaus am Sülzgürtel 47 wird von den „Schwestern vom armen Kinde Jesu“ geleitet. Es untersteht Friedrich Tillmann, dem Direktor der „Wohlfahrtswaisenpflege der Stadt Köln“. Tillmann, ein gläubiger Katholik und überzeugter Nationalsozialist, ist außerdem Leiter der Büroabteilung der „Zentraldienststelle T4“ in Berlin, die mit der Durchführung des Euthanasie-Programms des NS-Regimes beauftragt ist.
Kinderlandverschickung (KLV) war schon vor 1933 die Bezeichnung für gesundheitlich begründete Ferienreisen von Stadtkindern in ländliche Gebiete. Die Maßnahme wurde auch nach der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers im Januar 1933 weitergeführt und von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und kirchlichen Trägern organisiert.
Die erweiterte Kinderlandverschickung wurde auf Weisung von Adolf Hitler seit September 1940 von Reichsjugendführer Baldur von Schirach organisiert und geleitet. Die Hitlerjugend führte die Maßnahmen in Zusammenarbeit mit der NSV und den Schulen durch. Die erweiterte KLV hatte zwei Ziele: Die Kinder aus „luftgefährdeten Gebieten“ wie Hamburg, Köln, Dortmund oder Berlin in sichere Regionen zu bringen und so zu schützen. Und: Sie politisch zu beeinflussen und paramilitärisch auszubilden.
Schätzungsweise fünf Millionen Kinder und Jugendliche wurden zwischen 1940 und 1944 im Rahmen der KLV evakuiert. Sie lebten mitunter jahrelang in Pflegefamilien oder in einem der 5000 KLV-Lager. Mitte 1944 begann man mit der Rückführung der Kinder. Viele von ihnen mussten sich nach der Flucht des Betreuungspersonals allein nach Hause durchschlagen. Die Geschichte von Helmut Claren ist nur eine von vielen. (P.P.)
1960 wird er angeklagt, die „Tötung von etwa 70 000 erwachsenen Insassen von Heil- und Pflegeanstalten gefördert zu haben“. Im Februar 1964, eine Woche vor der Eröffnung der Hauptverhandlung, begeht er Selbstmord.
Die rund 300 Kinder aus dem Heim am Sülzgürtel sind schon 1941 in das Kloster Steinfeld in der Eifel evakuiert worden, und auch Helmut und Josefine werden nach wenigen Tagen in dem weitläufigen Klosterkomplex untergebracht. „Es war ein Traum“, sagt Claren. „Wir hatten alle Freiheiten.“ Trotz seiner Trauer um die Mutter ist der schmale Junge froh, den Bombennächten in Köln entkommen zu sein. Er leidet unter Klaustrophobie, und die drangvolle Enge in dem überfüllten Luftschutzkeller in Köln-Deutz hatte ihn regelmäßig in Panik versetzt.
Schon ein knappes Jahr später muss Helmut das Kloster zu seinem Leidwesen wieder verlassen: Er und fünf weitere Kinder aus Steinfeld sollen an einer Maßnahme der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ teilnehmen. „Keiner von uns konnte damals etwas mit dem Begriff »Kinderlandverschickung« anfangen, und keiner wusste, wo es hingehen sollte“, erinnert sich Claren. Am 14. März 1943 steht der Zehnjährige in einer nagelneuen „Pimpf“-Uniform frierend auf dem Kölner Hauptbahnhof. Großmutter Sybille und Tante Martha sind gekommen, um ihn zu verabschieden. Schulrektor Paul Hermesdorf hat ihm und einigen anderen beim Abschiedsessen im Haus am Sülzgürtel noch ein Taschenmesser zugesteckt. Insgesamt nehmen rund 75 Kinder aus Heimen in Köln, Bonn und Aachen an der Maßnahme teil.
Endlich, gegen 21 Uhr, setzt sich die schwere Lok in Bewegung. Es geht über Nürnberg und Prag, durch verdunkelte Städte und Dörfer. Ziel ist Bad Podiebrad im „Protektorat Böhmen und Mähren“, dem heutigen Tschechien. Ebenfalls im Zug: Lagerleiter Rolf Quirbach, „ein alter Knochen, der Tag und Nacht nicht aus seiner SA-Uniform herauskam“. Und Lagermannschaftsführer Hanns Schaefer, der spätere Vorsitzende des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins. Der 19-jährige Fähnleinführer soll sich in Bad Podiebrad um die sportliche Erziehung der Kinder kümmern. Claren kann sich an eine harte „fast militärische Ausbildung“ erinnern. Lagerleiter Quirbach „tischte uns Kindern diese nationalsozialistischen Klamotten auf“. Auch ein Besuch von Karl Hermann Frank ist Claren im Gedächtnis geblieben.
Der „deutsche Staatsminister im Protektorat Böhmen und Mähren“ ist verantwortlich für die Massaker von Lidice und Ležáky, mit denen 1942 die Ermordung des SS-Führers und obersten Polizeichefs Reinhard Heydrich „gesühnt“ worden war. „Wir mussten ihm die Hand geben. Ich darf gar nicht daran denken. Wenn man weiß, was diese Leute getan haben, kann einem heute noch schlecht werden.“
Bereits ein halbes Jahr später wird das Lager in Bad Podiebrad aufgelöst. Die Kinder werden über das gesamte Protektorat verteilt. Helmut und sein Freund Jakob landen in einem Kinderheim in Nachod nahe der Grenze zu Schlesien. „Kein Mensch wusste, wo wir waren“, sagt Claren. Noch heute steigt Wut in ihm hoch, wenn er daran denkt, „wie man uns Kinder im Stich gelassen hat. Irgendwann haben wir einen Brief an die Heimleitung nach Köln geschrieben und um unsere Kleiderkarten gebeten. Erst dadurch hat Tillmann überhaupt erfahren, dass wir nicht mehr in Bad Podiebrad waren.“
Die Front rückt näher und näher. „Im Herbst 1944 zogen die ersten Schlesier auf der Flucht vor den Russen mit ihren Pferdewagen durch unseren Ort“, erzählt Claren. „Irgendwann konnten wir schon das Bollern und Jaulen der »Stalinorgel« hören.“ Im April 1945 machen sich schließlich auch Jakob und Helmut „auf die Socken“. Es ist der Beginn einer langen Odyssee. In Prag geraten die beiden Jungen eher zufällig in einen Zug Richtung Westen, in dem bereits 400 Kinder sitzen. „Am 20.April sind wir abgegondelt. Unterwegs gab es immer wieder Tieffliegeralarm. Raus, in Deckung gehen, wieder rein. Die Lokomotive haben uns die Amis hinter Pilsen kaputt geschossen, und wir sind zu Fuß weiter.“ Immer häufiger sieht der Zwölfjährige Dinge, die er noch 70 Jahre später „ganz schnell wegdenken“ muss.
In Cham in Bayern stranden die 400 Kinder endgültig. „Die Amis wollten uns nicht weiterlaufen lassen“, erinnert sich Claren. „Wir waren in einer Scheune untergebracht und hatten kaum etwas zu essen. Nach ein paar Tagen sind Jakob und ich und vier Jungs dann alleine weiter. Wir wollten unbedingt nach Hause und sind getigert, Fußweg. Egal, wie kalt es war. Manchmal haben wir draußen geschlafen. Und wenn wir was brauchten, haben wir uns halt zwangsweise irgendwo bedient.“ Im Juni 1945 erreicht Helmut schließlich Nesselröden in Niedersachsen. Einige Heimkinder aus Köln waren in den letzten Kriegsjahren hierhin evakuiert worden, darunter auch Helmuts Schwester Josefine. Die 13-Jährige lebt bei einer Bauernfamilie, die auch den abgerissenen Jungen in der „Pimpf“-Uniform herzlich willkommen heißt. Helmut bekommt „ein eigenes Zimmer und ein herrliches Bett mit einem schönen weißen Federbett“. Im Pfarrhaus werden seine blutig gescheuerten Schienbeine verarztet.
Im Herbst 1945 nutzt er die erste Gelegenheit zur Rückkehr nach Köln. Die Leitung des Kinderheims in Köln hat einen Bus organisiert für die evakuierten Kinder. Bis 1947 lebt Helmut wieder im Kloster Steinfeld. Dann beginnt er eine kaufmännische Lehre. Heiratet. Gründet eine Familie. Die Erinnerungen an seine Kindheit im Krieg wird er dennoch nicht los.
„Was hat man uns Kindern bloß angetan“, sagt der 82-Jährige. „Kein Mensch hat sich um unser Schicksal geschert.“ Bis heute fragt er sich, was aus den Kindern geworden ist, die mit ihm nach Bad Podiebrad geschickt wurden. Nach dem Krieg hat er nur wenige wiedergetroffen. Und noch immer erfüllt ihn „eine große Wut“ auf all jene, die sich in der Nachkriegszeit mit den Tätern von damals, mit Männern wie Friedrich Tillmann arrangiert haben.
