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„Das finde ich besorgniserregend“Immer mehr Kölner Erstklässler müssen wiederholen

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Dirk Külker ist Schulleiter der Gemeinschaftsgrundschule Merianstraße in Chorweiler.

Dirk Külker ist Schulleiter der Gemeinschaftsgrundschule Merianstraße in Chorweiler. 

Sprachdefizite, fehlende Kita-Plätze und mangelnde Vorbereitung: In Köln bleibt inzwischen jedes 13. Kind in der ersten Klasse sitzen. 

Ein guter Teil der Kinder in den ersten Klassen der Chorweiler Grundschule Merianstraße hat das Klassenziel für das Schuljahr eigentlich schon am ersten Tag verfehlt. 20 der 120 Kinder werden in diesem Jahr die Klasse vermutlich wiederholen müssen, sagt Schulleiter Dirk Külker. „95 Prozent unserer Kinder haben einen Migrationshintergrund, die sprachlichen Voraussetzungen sind mitunter eingeschränkt“, sagt er.

„Wenn ich den Kindern mit der Anlauttabelle die Buchstaben A wie Apfel und B wie Baum vermitteln will, funktioniert das für viele Kinder nicht. Sie wissen nämlich nicht, was ein Apfel ist, weil sie das Wort nicht kennen“, sagt er.

Aber auch über die sprachlichen Defizite hinaus, von denen auch Kinder ohne Migrationshintergrund betroffen seien, gebe es zahlreiche Probleme: Die Kinder brächten viele Basiskompetenzen wie Konzentration, Ausdauer oder feinmotorische Fähigkeiten nicht mit, um die erste Klasse erfolgreich zu bestehen, sagt Külker.

Da gebe es Jungs, die keinem mittellangen Gespräch folgen könnten, und Mädchen, die keine ganzen Sätze sprächen. Andere könnten sich nicht organisieren, etwa Mäppchen und Arbeitsblätter zurechtlegen. „Wenn man vieles von dem nicht mitbringt, ist es nicht sinnvoll, in die zweite Klasse zu gehen“, so Külker.

Vielen Kindern fehlen Basiskompetenzen

Die Chorweiler Kinder sind keine Ausnahme. Die Zahl der Kinder, die die erste Klasse wiederholen müssen, verharrt auf einem Rekordhoch. Im laufenden Schuljahr werden mit Stand Mitte März 758 Mädchen und Jungen im ersten Schuljahr verbleiben – gut acht Prozent aller Kinder. Das sind jetzt schon etwas mehr als im vergangenen Schuljahr, als dies 753 Kinder betraf. Im Vergleich zum Schuljahr 2023/2024 (590 Kinder) hat sich der Anteil der Wiederholer um knapp 28 Prozent erhöht.

Laut Zahlen des Landes NRW müssen 1496 Kölner Kinder eines der ersten beiden Schuljahre wiederholen. Köln liegt im Vergleich zu anderen kreisfreien Städten mit einem Anteil der Wiederholer an allen Kindern von 7,6 Prozent im oberen Bereich.

Nicht versetzte Kinder im ersten und zweiten Schuljahr

Zum Vergleich: In Düsseldorf beträgt die Rate 5,4 Prozent, in Bonn 6,0 Prozent. Überdurchschnittlich betroffen sind Städte wie Duisburg (7,3 Prozent) und Dortmund (9,6 Prozent). Der Landesschnitt beträgt 6,5 Prozent.

Wenig überraschend steigt der Anteil der Kinder, die nicht versetzt werden, in armen Stadtteilen. In Einrichtungen wie der Grundschule Merianstraße, die dem höchsten Sozialindex (Stufe 9) zugeordnet werden, liegt die Rate landesweit bei 14,3 Prozent. Laut Daten des Landesgesundheitsamts wies 2024 ein Drittel der Kinder Auffälligkeiten bei der Sprache auf. In Köln waren es 31,58 Prozent.

Schulleiterin sieht Handys als einen Faktor

Auch in der James-Krüss-Schule in Ostheim gebe es „signifikant viele“ Kinder, die das erste oder zweite Schuljahr wiederholen müssten. „Viele kommen mit starken Entwicklungsverzögerungen“, sagt Schulleiterin Christiane Hartmann. Sie sieht Kinder, die keinen Reißverschluss zuziehen oder ihren Ranzen allein packen können.

Einige könnten nicht bis zehn zählen, andere keine Mengen bestimmen oder Dinge vergleichen. Auch beim Spracherwerb hapere es mitunter: So glaubten manche Kinder, dass das Wort Zug mehr Buchstaben habe als Schmetterling – einfach, weil ein Zug viel größer ist. „Es gibt immer mehr Kinder, die mit weniger Grundfähigkeiten kommen. Das finde ich besorgniserregend.“

Christiane Hartmann ist Schulleiterin der James-Krüss-Schule in Ostheim.

Christiane Hartmann ist Schulleiterin der James-Krüss-Schule in Ostheim.

Hartmann glaubt, dass in den Familien nicht mehr so viel mit den Kindern gesprochen werde wie noch vor zehn oder 20 Jahren. Betroffen seien in erster Linie bildungsferne Haushalte, aber auch in gut bürgerlichen Familien nehme die vermehrte Sprachlosigkeit zu. Schuld seien auch Handys und Social Media: „Für manche Eltern ist es eine Herausforderung, beim Essen das Handy wegzulegen.“

Der Schulleiterin ist es wichtig zu betonen, dass die Probleme nicht ausschließlich Kinder mit Migrationshintergrund beträfen. Denn: Wer die Muttersprache gut beherrsche, lerne in der Regel auch schneller eine Zweitsprache. Entscheidend sei, ob die Eltern sich im System Schule zurechtfänden.

Kitaplatz-Vergabe: Jedes siebte Kind geht leer aus

Die James-Krüss-Schule biete jetzt schon eine Reihe von Hilfen an, die „Brücken ins System“ bauen wollten. So habe die Einrichtung ein Familiengrundschulzentrum, in denen die Eltern etwa an Spielnachmittagen, Sprachkursen oder an Frauenfrühstücken teilnehmen können. Werden die Eltern an der Schule gut beraten, nutze das auch den Kindern, so Hartmann. Und tauchen Probleme auf, könnten diese schnell im Zentrum besprochen und ausgeräumt werden.

Dennoch: Der Spracherwerb gehört zu den zentralen Herausforderungen, die Familien, Kinder, Schule und Stadt bewältigen müssen. Ein guter Ort, um mangelnde Kenntnisse aufzuholen, wären eigentlich die Kitas.

Nicht alle Familien machen aber von dem Angebot Gebrauch, besonders viele Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund besuchten keine der Einrichtungen. Während bundesweit 76,8 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen und nur 22,3 Prozent der unter Dreijährigen mit Migrationshintergrund eine Kita besuchen, liegt der Anteil bei Kindern ohne Migrationshintergrund bei 99,3 Prozent und 44,5 Prozent, hat das Institut der deutschen Wirtschaft errechnet.

Bundesweit fehlten zuletzt fast 300.000 Plätze für Kinder unter drei Jahre
Institut der deutschen Wirtschaft zu fehlenden Kita-Plätzen

Oft sind die Familien aber gar nicht verantwortlich: „Bundesweit fehlten zuletzt fast 300.000 Plätze für Kinder unter drei Jahre“, so das Institut. „Jedes siebte Kind geht leer aus. Oft sind es Kinder ausländischer Familien, die bei der Vergabe zurückstecken müssen.“

In Köln besuchen laut Angaben der Stadt derzeit 558 Kinder keine Kita. 387 Kinder wurden im Rahmen der Sprachstandsermittlung getestet, davon wiesen 291 Mädchen und Jungen sprachliche Defizite auf. 152 Kinder und deren Eltern kamen allerdings nicht zu einem festgelegten Termin.

Für 186 Kinder mit Sprachförderbedarf konnte das Jugendamt Kita-Plätze bereitstellen, schreibt die Stadt auf Anfrage. Andere sollen Sprachförderkurse besuchen. Allerdings seien auch einige Kinder nicht zu den Kursen erschienen.

ABC-Klassen werden Pflicht – aber Schulen kämpfen mit Personalmangel

Damit mehr Kinder schon vor der Schule sprachlich gefördert werden, sollen die Kinder künftig ABC-Klassen besuchen. Wer Mängel bei der Sprachstanderhebung aufweise, soll ab 2028/2029 verpflichtend eine ABC-Klasse besuchen. „Dort werden insbesondere sprachliche und kommunikative, aber auch motorische und sozial-emotionale Vorläuferkompetenzen systematisch gestärkt“, schreibt das Schulministerium NRW.

Die ABC-Klassen können an öffentlichen Schulen, in Kindertageseinrichtungen oder an anderen geeigneten Orten stattfinden. Die Verpflichtung zur Teilnahme gilt erstmals für Kinder, die ab dem 1. August 2029 schulpflichtig werden.

Mehr als 1600 Stellen für Lehrkräfte sollen geschaffen werden, das Land rechnet allein hier mit Kosten von 115 Millionen Euro pro Jahr. Hinzu kommen Kosten für den Transport der Kinder, Lehrmittel und um fehlende Räume zu schaffen. Alle Kosten will das Land übernehmen.

„Der Gedanke ist gut, an der praktischen Umsetzung hapert es aber“, sagt der Chorweiler Grundschulleiter Külker. Fraglich sei, woher die Schulen die entsprechenden Räume und angesichts des leer gefegten Fachkräftemarktes das Personal hernehmen sollen. Schon derzeit fehlen mehr als 8000 Lehrkräfte, räumt das Land ein. Der Städtetag NRW und mit ihm die Stadt Köln weisen zusätzlich auf Probleme beim Transport hin.