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Kölner Benefizgala für Seenotretter
„Jeder kann etwas ändern“

Südstadt-Pfarrer Hans Mörtter

Südstadt-Pfarrer Hans Mörtter

Köln – Der Bonner Kapitänin Pia Klemp soll in Italien der Prozess gemacht werden. Ihr Verbrechen: Sie hat Geflüchteten im Mittelmeer mit ihrem Rettungsschiff das Leben gerettet. Die italienische Justiz versucht nachzuweisen, dass Klemp und ihre Crew als Schleuser fungiert hätten. Südstadtpfarrer Hans Mörtter, der ehemalige BAP-Bassist Stefan Kriegeskorte, der Geiger Christoph Broll und Jörg Krauthäuser von der Agentur „facts and ficton“ stellen Klemp in den Mittelpunkt einer Solidaritätsveranstaltung am Donnerstag, 3. Oktober, in der Philharmonie. Im Interview ruft Mörtter die Kölner dazu auf, „gemeinsam dagegen zu demonstrieren, dass unsere abendländischen Werte im Mittelmeer ertrinken.

Herr Mörtter, eine Solidaritätsveranstaltung für eine Kapitänin in der Philharmonie, das ist ein großer Aufschlag. Wie kam es zu der Idee?

Es geht darum, zu zeigen, dass die Kölner an der Seite einer Frau stehen, die von der italienischen Justiz kriminalisiert wird. Dazu soll willkürlich ausgesucht neun Crewmitgliedern der Prozess gemacht werden. Perfider geht es nicht. Da wird ein Exempel statuiert, das Menschen davon abhalten soll, andere Menschen zu retten. Hier geht es darum, was es heißt, Mensch zu sein. Also rufen wir die Kölner dazu auf, nicht zu schweigen, sondern zu zeigen: Wir stehen an Eurer Seite! Dafür muss die Philharmonie rappelvoll werden! Pia Klemp soll erleben und sehen, dass wir Kölner und Kölnerinnen an ihrer Seite stehen.

„SOS - Save Our Souls“

Die Veranstaltung „SOS - Save Our Souls“ beginnt am 3. Oktober um 20 Uhr in der Philharmonie und wird von Shary Reeves und Hans Mörtter moderiert. Die Kapitänin Pia Klemp wird eine Rede halten, zahlreiche Musiker und Intellektuelle treten auf Karten kosten 15 Euro, ermäßigt fünf Euro, zuzüglich 3,50 Euro Gebühren. Alle Mitwirkenden verzichten auf Honorar. Der Erlös kommt der Seenotrettung von Geflüchteten zugute.

Das Thema Migration und Flüchtlinge ist manchmal schwer vermittelbar. Warum braucht es „Heldinnen“ wie Greta Thunberg, Carola Rackete oder Pia Klemp, um Aufmerksamkeit für Katastrophen zu schaffen?

Die Menschen haben schon immer Geschichten gebraucht, um sich zu verstehen. Wir leben in einer flüchtigen Zeit, in der Empathie und Menschlichkeit oft auf der Strecke bleiben. Wenn Menschen aber andere Menschen kennenlernen und erleben, schafft das Nähe und Solidarität. Die brauchen wir jetzt ganz dringend.

Pia Klemp hat gesagt, mit Barmherzigkeit wolle sie nichts zu tun haben, es gehe ihr nur um Solidarität …

Das kann ich verstehen: Barmherzigkeit, das kommt so von oben herab, wenn es um Menschen geht, die ertrinken. Es geht nicht darum, die Lebensrettung zu erhöhen: Es geht darum, dass das ganz normal ist, und dass das jeder kapieren muss.

Wie versuchen Sie in der Gemeinde, den Solidaritätsgedanken zu verbreiten?

Wir haben schon 2007 Elias Bierdel, den ehemaligen Chef der Cap Anamur, jetzt borderline-europe, eingeladen, um über Seenotrettung zu sprechen. Wir haben mit Cornel Wachter einen Handspiegel mit blauem Meer und Flüchtlingsboot verschenkt, Lesungen gemacht, nehmen immer wieder Geflüchtete ins Kirchenasyl auf – im Moment sind es sechs Personen mit zum Teil schwersten Traumata. Diese Geschichten müssen wir erzählen.

Ein Flüchtlingsboot in Seenot im Mittelmeer

Ein Flüchtlingsboot in Seenot im Mittelmeer

Reicht das, um Solidarität zu schaffen, oder hören viele von uns lieber weg?

In Deutschland dümpeln wir gern mit dem Gedanken herum, dass wir eh nichts machen könnten. Eine Form von Ohnmacht, sich nichts zutrauen. Die christlichen Kirchen haben diesen Gedanken befeuert: Du bist sündig, Gott erlöst dich. Ich mache das Gegenteil: Ich sage: Du hast Talente, setze die doch an der richtigen Stelle ein! Jeder kann mitfühlen, jeder kann Solidarität zeigen, jeder kann etwas verändern.

Wir haben das in der Südstadt mit unseren Willkommensinitiativen eindrucksvoll gezeigt: Da hat sich jeder mit seinen Kompetenzen eingebracht, um zu helfen. Ärzte, Psychologen, Handwerker, Sprachlehrer, Verwaltungsangestellte, Sozialarbeiter. Es gab Sprachkurse und Flirtkurse für junge Männer, die es nicht nachvollziehbar fanden, wenn sie junge Frauen im Schwimmbad im Bikini gesehen haben. Die Gesellschaft hat da gezeigt, was für eine Integrationskraft sie hat.

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Der Klimawandel wird die Migrationsbewegungen vermutlich extrem verstärken. Kann das eine Chance für die Kirche sein, sich klar zu bekennen und Vertrauen zurückzugewinnen?

Wenn es darum geht, für Menschlichkeit einzustehen, die eigentlich selbstverständlich sein sollte: Ja, bestimmt. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich entschieden, zusammen mit Sea Watch ein Rettungsschiff ins Mittelmeer zu entsenden. Ich finde, das ist ein ganz wichtiges Signal. Ich hoffe, dass ich zusammen mit Pia Klemp bald einmal an Bord eines Rettungsschiffs im Mittelmeer sein kann.

Was erwartet die Menschen, die am 3. Oktober in die Philharmonie kommen?

Pia Klemp wird von ihrem Erleben erzählen, dazu gibt es eine Lesung aus ihrem Buch „Lass uns mit den Toten tanzen“. Musikalisch gibt es ein riesiges Spektrum von einem 90-köpfigen Chor über Klassik, Richard Bargel bis zu Peter Licht und Markus Stockhausen – eine neue Version vom Kölschen Stammbaum gibt es auch. Dazu eine Ansage von Navid Kermani. Besonders ist nur die Kapitänin, die sagt: Ich bin nichts Besonderes. Ich mache nur meinen Job.

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