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Zwischen Strüßjer und bunten JeckenSo erwacht der Rosenmontag im Jubiläums-Jahr in Köln-Deutz

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Ehrenamtliche Helfer packen Strüßjer in ein Auto.

Ehrenamtliche Helfer packen die letzten Strüßjer ein.

Am Montagmorgen startet der Rosenmontagszug. Für Organisatoren, Ehrenamtliche, aber auch viele Jecken hieß das: Früh aufstehen.

Um 6:15 Uhr am Rosenmontag ist der Deutzer Bahnhof fast leer. Nur ein paar Absperrgitter an den Bahnaufgängen lassen erahnen, welche Menschenmassen in den nächsten Stunden hier erwartet werden. Kaum aus dem Bahnhof raus, trotzen bunte Banner an einer Tribüne der tristen Bahnhofsatmosphäre: „Kölner Karneval“ steht drauf.

Daneben befestigt Ralf Simon ein Büschel mit 15 Luftballons, gold, weiß, türkis, lila. Seit fünf Uhr sind er und seine Kollegen von der Firma Balloni auf dem Ottoplatz. „Auf dem kompletten Zugweg hängen wir 5000 bis 6000 Luftballons auf“, sagt Simon. Dass er das im Dunkeln macht, während viele Jecken noch ihren Kater von Sonntag ausschlafen, sei für ihn kein Problem. „Mir macht der Karneval einfach Spaß“, sagt er.

Karnevel-Fans aus ganz Deutschland beim Rosenmontagszug in Köln

Zum ersten Mal startet der Rosenmontagszug auf der Schäl Sick, der Jubiläumszug nach 200 Jahren Kölner Karneval soll um 10 Uhr vom Ottoplatz starten und danach auch über die Deutzer Brücke gehen.

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Und dieses Spektakel wollen viele Jecke natürlich nicht verpassen. Rund um den Ottoplatz läuft Stephanie Westphal in der Dämmerung hin und her. Das Bienen-Kostüm ist unter einer dicken Winterjacke versteckt. Die 43-Jährige steht zwar in der Kälte, ist dafür aber die allererste Zuschauerin des Rosenmontagzugs 2023.

Um viertel vor sechs sei sie in Deutz angekommen. „Ich möchte ganz vorne stehen“, sagt sie. Dafür ist sie am Freitag aus ihrer Heimat Flensburg angereist, aber „Köln ist mein Leben. Schon seit zwölf Jahren komme ich jedes Jahr zum Karneval, ich mag das Feiern, es macht Spaß, man lernt nette Leute kennen und es gibt ja auch viele Strüßjer“, sagt sie.

Dass der Zug in diesem Jahr aber in Deutz startet, gefalle ihr nicht so. „Ich persönlich mag es in der Südstadt lieber, der Start am Clodwigplatz gehört einfach zum Rosenmontagszug dazu, hier passt es irgendwie nicht rein“, sagt Westphal.

Zugleiter Holger Kirsch bereitet in der Messehalle die Wagen vor

Doch nicht nur die Jecken müssen sich auf den neuen Starrtpunkt einstellen, auch für das Kölner Festkomitee ist dieser neu, wenn auch nicht unbedingt schlechter. Denn anders als in den vergangenen Jahren mit Start in der Südstadt stehen die Persiflagewagen nur einige Meter entfernt vom Startpunkt und müssen nicht mehr quer durch die Stadt fahren. Für Zugleiter Holger Kirsch hieß das erst einmal: „Ich durfte in der Tat mal etwas länger schlafen, da wir den Zug schon vor einer Woche nach Deutz gebracht haben.“

Genauer: In die Messehalle neun, dort, wo sich die bunten Wagen gerade auf dem Weg zum Aufstellplatz rund um den Auenweg machen. Damit der Zug pünktlich um 10 Uhr starten kann „müssen wirklich alle Wagen in die Aufstellbereiche kommen und die Gesellschaften müssen zwei Stunden vor dem jeweiligen Durchgang an ihren Wagen sein“, sagt Holger Kirsch.

Auch Roland Blaum ist bereits seit den frühen Morgenstunden in Deutz, seit sechs Uhr steht er am Wegrand, passt auf 11.200 rote, gelbe und weiße Rosen für den Wagen der Grossen Braunsfelder Gruppe auf. „Das Werfen der Strüßjer gehört für mich zum Karneval einfach dazu“, sagt der 53-jährige Kölner. Dafür stehe er auch gerne mal um 4.15 Uhr auf.

Langsam füllt sich der Ottoplatz. Um kurz vor 8 Uhr hängen die Luftballons und auch Stephanie Westphal ist nicht mehr die einzige Jecke hier. Direkt am Zugrand stehen jetzt auch Michael Segref, seine Tochter Samantha, seine Schwiegermutter Daniele Köster und die guten Freunde Lea Trenkner mit ihrem Sohn Mian. Sie sind aus Dortmund nach Köln gekommen.

„Ich mag es, dass sich alle verkleiden und hoffe auf viele Süßigkeiten“, sagt die 8-jährige Samantha. Sie hat sich als ihr großes Vorbild Hermine aus Harry Potter verkleidet, vor ihr stehen drei große Tüten, bereit, mit Kamelle gefüllt zu werden.

Im gleichen Moment huscht Guido Cantz vor ihnen her. Er ist als WDR-Moderator vor Ort und in Hektik. „Ich muss noch in die Maske, schminke kann ich mich ja nicht selbst“, sagt er. In einer Stunde, um neun Uhr, fängt für ihn die Moderation an. „Aber das wird heute grandios, schaut euch mal das Wetter an“, sagt er noch und verschwindet wieder.

Holger Kirsch freut auf den Tag: „Ich bin nach zwei Jahren ohne richtigen Zug sehr euphorisch, dass wir den Karnevalisten, Ehrenamtlern und Bürgern der Stadt das schönste Geschenk überreichen können: Den Kölner Rosenmontagszug, und heute verbinden wir das rechtrheinische mit dem linkshreinischen und überqueren den Rhein.“

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