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Kölner Schätze
Eindrucksvolles Zeugnis des Kölner Bürgerstolzes

7 min
Kölnisches Stadtmuseum, KSM, Typar des großen gotischen Stadtsiegels, InvNr. HM 1888/14a, 1268/1269, Siegelstempel, Messing, Durchmesser: 112 mm, Köln

Siegelstempel des großen gotischen Stadtsiegels mit Darstellung des Heiligen Petrus im Siegelbild

Die Geschichte Kölns in 11 Objekten: In unserer neuen Serie blicken wir auf spannende Schätze aus der Sammlung des Kölnischen Stadtmuseums.

Elf Objekte, die für die Stadtgeschichte stehen: Den Auftakt unserer neuen Serie macht ein Siegelstempel aus dem 13. Jahrhundert, der das wohl wertvollste Objekt in der Sammlung des Kölnischen Stadtmuseums ist

Warum ist der Siegelstempel des gotischen Stadtsiegels so besonders, wenn nicht sogar einzigartig?

Dieser Siegelstempel, man spricht auch von einem Typar, ist mit einer ganzen Reihe von Superlativen verbunden: Unter den Stadtsiegeln der deutschen Städte ist das Kölner Siegel eines der schönsten, prächtigsten und künstlerisch wertvollsten. Mit knapp 11 Zentimetern Durchmesser ist es zudem eines der größten. Seine Besonderheit liegt aber auch in seiner Funktion: Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit wurden mit Siegelstempeln Abdrücke angefertigt, indem man die Stempel meist in heißes Wachs, aber auch in Metall drückte. Das Prinzip ist noch heute bekannt. So erhalten zum Beispiel noch heute notariell beglaubigte Verträge ein Siegel. Erst hierdurch wird der Vertrag rechtsgültig. Gleiches galt auch für das Siegeln einer Urkunde im Mittelalter.

Kölnisches Stadtmuseum, KSM, Typar des großen gotischen Stadtsiegels, InvNr. HM 1888/14a, 1268/1269, Siegelstempel, Messing, Durchmesser: 112 mm, Köln

Messing, Durchmesser: 11,2cm, Tiefe: 2,5cm, Köln 1268/69: Der Siegelstempel des großen gotischen Stadtsiegels mit Darstellung des Heiligen Petrus im Siegelbild

Dieser Siegelstempel war also notwendig, um die politischen Entscheidungen, die die Stadt Köln traf, rechtsgültig, verbindlich und über jeden Zweifel erhaben zu machen. Der Siegelstempel war demnach ein zentrales, wenn nicht das zentrale Werkzeug der Politik und Diplomatie der Stadt Köln. Daher wundert es uns beim Betrachten des Stempels nicht, dass auch seine Ausgestaltung eine große Symbolkraft hat. Der Stempel zeigt im Zentrum einen thronenden Mann, den Heiligen Petrus. Er sitzt hinter einer mit Zinnen und fünf Stadttoren ausgestatteten Stadtmauer. Die Mauer könnte die zum Zeitpunkt der Entstehung des Siegelstempels noch recht neue mittelalterliche Kölner Stadtmauer oder das himmlische Jerusalem darstellen. In seiner linken Hand hält Petrus zwei Schlüssel, mit der Rechten ein Buch, das auf seinem Knie ruht. Eingerahmt wird die Gestalt von einer gotischen Kirchenarchitektur, die an den Chor des Doms erinnern mag. Umschlossen wird diese Darstellung von der lateinischen Umschrift „Sancta Colonia Dei Gracia Romane Ecclesie Fidelis Filia“, was übersetzt „Das Heilige Köln, von Gottes Gnade der römischen Kirche getreue Tochter“ bedeutet.

Da diejenige Person, Gruppe oder Institution, die dieses Siegel besaß, die politische Hoheit über die Stadt innehatte, liegt es in der Natur der Sache, dass Siegelstempel absolute Einzelanfertigungen waren. Daher ist dieses Objekt für Köln einzigartig. Man kann zudem mit Fug und Recht behaupten, dass es sich beim Siegelstempel des gotischen Stadtsiegels wohl um das kostbarste und wertvollste Objekt der gesamten Sammlung des Kölnischen Stadtmuseums handelt.

Wie ist es entstanden, wer hat es aus welchem Anlass angefertigt? Wie war die Situation in Köln zur Entstehungszeit?

Das Siegel aus dem Kölnischen Stadtmuseum ist nicht das erste, das die Stadt besessen hat. Ein Vorgängersiegel ist erstmals 1149 belegt und wird Anfang des 12. Jahrhunderts gefertigt worden sein. Damit gehörte es zu den frühesten Stadtsiegeln Europas. Erhaltene Siegelabdrücke zeigen uns, dass es ganz ähnlich aussah wie das erhaltene. Zu dieser Zeit führten nur hohe Amtswürden wie Könige, Bischöfe oder Herzöge Siegel. Dass sich die Stadt Köln so früh bereits ein Siegel zulegte und sich so mit diesen Würdenträgern auf eine Stufe stellte, zeigt den hohen, ja stolzen Anspruch, den die Kölner Bürgerschaft hatte.

Die Entstehung des hier vorliegenden (zweiten) Stadtsiegels ist hingegen eng mit der politischen Situation in Köln verbunden. Wir befinden uns in einer Zeit des ständigen Ringens um die Stadthoheit. Zu Reichtum gekommene Kölner Bürgerfamilien forderten gegenüber dem Erzbischof immer vehementer politische Mitbestimmung ein. Immer häufiger kam es zu Aufständen und Konflikten. Diese Konflikte spalteten auch die Kölner Bürgerschaft. 1267 kam es zur offenen Auseinandersetzung zweier einflussreicher Kölner Familien, den Overstolzen und der Familie von Mühlengasse, die auf der Seite des Erzbischofs standen. Im Zuge dieses Konfliktes wurde der Bürgermeister Ludwig von der Mühlengasse vom Rat aufgefordert, das Stadtsiegel auszuhändigen. Dieser aber konnte es verstecken und so vor dem Zugriff schützen, bevor er gefangen wurde. Kurze Zeit später konnte er sich aus der Gefangenschaft befreien. Plötzlich stand man ohne Siegel da und konnte keine Urkunden mehr beglaubigen und Geschäfte tätigen – ein neues Siegel musste schnellstmöglich her. Der Rat beauftragte also einen Goldschmied mit der Erarbeitung nach dem Vorbild des alten Siegels, aber auch mit erkennbaren Unterschieden zum Vorgänger. Das erste Stadtsiegel aber bleibt verschollen – bis zum heutigen Tage!

Aber wer war der Schöpfer dieses künstlerischen Meisterwerks? Bedauerlicherweise lässt sich das nicht sagen, da Goldschmiede für gewöhnlich ihre Namen nicht als Signaturen in das Siegelbild oder auf die Rückseite einarbeiteten. Daher wird der Schöpfer dieses herausragenden Werkes wohl auf ewig unbekannt bleiben. Es ist aber zu vermuten, dass es sich um einen Kölner Goldschmied gehandelt hat.

Welche Rolle spielt es in der Kölner Stadtgeschichte?

Das Stadtsiegel war zentral für die politischen und diplomatischen Geschäfte, die die Stadt tätigte. Die Rolle und die Bedeutung, die dieses Siegel für die Kölner Stadtgeschichte gehabt hat, lässt sich aber auch eindrucksvoll daran ablesen wie es nach einer Bestimmung von 1513, dem sogenannten Transfixbrief, aufbewahrt werden sollte. So bewahrte man den Stempel in einem Schrank, der mit 23 Schlössern abgeschlossen wurde. Jede der 22 Gaffeln erhielt einen Schlüssel, den 23. Schlüssel erhielt der Rat. Wurde das Siegel also benötigt, musste ein Mitglied von jeder Gaffel und des Rates mit dem jeweiligen Schlüssel herbeigerufen werden, um den Schrank zu öffnen. Einige dieser Schlüssel befinden sich ebenfalls im Bestand des Kölnischen Stadtmuseums.

Wie ist das Stadtsiegel in die Sammlung des Kölnischen Stadtmuseum gelangt?

Das gotische Stadtsiegel ist eines der ersten Objekte, das 1888 als Überweisung des Historischen Archivs der Stadt Köln in die Sammlung des neugegründeten Historischen Museums kam. Seit seiner ersten bekannten Benutzung am 23. Juni 1269 bis zum Einmarsch der Franzosen 1794 war es im Gebrauch und damit über ein halbes Jahrtausend das offizielle Werkzeug der städtischen Politik und Verwaltung. Dem glücklichen Umstand, dass der Siegelstempel auch während des 18. Jahrhunderts im städtischen Besitz blieb, ist es zu verdanken, dass es noch heute erhalten ist und sich im Bestand des Kölnischen Stadtmuseums befindet. Ein letztes Mal kam es am 22. Juni 1967 zum Einsatz, als man die Ehrenbürgerurkunde für Kardinal Josef Frings damit siegelte – fast 700 Jahre nach seiner Entstehung. In der neuen Dauerausstellung des Museums begrüßt es die Besucherinnen und Besucher gleich zu Beginn des Ausstellungsbesuches im „Raum der Stadtgeschichte“, der in chronologischer Art und Weise die Kölner Stadtgeschichte von den Römern bis in unsere Gegenwart erzählt. Hier ist es ein eindrucksvolles Zeugnis der politischen Emanzipation, Souveränität und des Bürgerstolzes der Kölner. Wer hat Köln um dieses Objekt beneidet? Direkte Neidbekundungen in Bezug auf dieses Stadtsiegel sind nicht bekannt, aber man kann die Tatsache, dass das Kölner Stadtsiegel – wie auch schon das erste Stadtsiegel – einer ganzen Reihe an rheinischen Städten als Vorbild für die Fertigung des eigenen Stadtsiegels diente, als eine indirekte Bekundung ihres Neides interpretieren – zumindest aber ist es ein Ausdruck der künstlerischen Wertschätzung.

Wie anspruchsvoll ist das Stadtsiegel? Braucht es ein besonderes Klima, Aufbewahrungsort, Beleuchtung etc.?

Das Siegel besteht aus Messing, ist also im Vergleich zu fragilen Objekten, die sich in der Sammlung des Museums befinden, relativ anspruchslos. Dennoch lag ein großes Augenmerk in der Vorbereitung der neuen Dauerausstellung des Kölnischen Stadtmuseums auf der konservatorischen Betreuung des Objektes, wie es auch für alle anderen Objekte der Fall war. Jede Vitrine der neuen Dauerausstellung ist so geplant und gebaut worden, dass sie mit einem eigenen Mikroklima ausgestattet ist. Modernste Beleuchtungstechnik sorgt für eine schonende, aber dennoch effektvolle Inszenierung. So auch beim Stadtsiegel, das sich bei stabilen 18 bis 22 Grad Raumtemperatur, einer relativen Luftfeuchte von weniger als 45 Prozent und einer Beleuchtung von maximal 200 Lux am wohlsten fühlt und so seine ganze Pracht entfalten kann.

Wer aus dem Museum kümmert sich besonders um das Objekt?

Die Aufgabe von Museen besteht neben dem Ausstellen und Sammeln zu einem großen Teil auch aus dem Bewahren. Der Anspruch eines Museums ist es, Objekte für die Ewigkeit zu erhalten. Diese Aufgabe fällt im Museumsalltag den Restauratorinnen und Restauratoren zu. Dass der Siegelstempel zu dieser Wirkung kommt und noch viele Generationen von Kölnerinnen und Kölnern in Staunen versetzen kann, ist im Kölnischen Stadtmuseum Aufgabe unseres Metallrestaurators Hendrik Strelow.