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LehrgartenApfelsaft aus einem Kölner Paradies

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Kleingartenpächter können am Marathonweg in Müngersdorf über den Umgang mit der Natur dazulernen.

Müngersdorf – Schon früh am Morgen schleppen Gerda und Heinrich Gattner schwere Körbe auf das Lehrgartengelände des Kreisverbands der Kölner Gartenfreunde. Insgesamt 90 Kilo Äpfel haben sie am Tag zuvor in ihrem Kleingarten in Klettenberg geerntet. „Soviel hatten wir noch nie. Und das von nur einem Baum“, sagt Heinrich Gattner, der immer noch etwas erstaunt wirkt. Schließlich ist er seit mehr als 20 Jahren Kleingartenpächter. Doch Georg Lampe, Gärtner des Lehrgartens und dort Herr über knapp hundert Apfelbäume, nickt und bestätigt: „Wir erleben gerade eine sehr gute Apfelernte.“ Deshalb kommt an diesem Tag zum ersten Mal eine mobile Saftpresse im Lehrgarten zum Einsatz. Und alle helfen mit.

Seit 1951 gibt es den 18. 000 Quadratmeter großen Lehrgarten des Kreisverbands der Kölner Gartenfreunde am Marathonweg in Müngersdorf. Hinter dem großen Tor befinden sich insgesamt 27 Kleingärten und ein Seminargebäude, wo regelmäßig Kurse beispielsweise zum Obstbaumschnitt, zum ökologischen Anbau und zum Artenschutz stattfinden. Teilnehmen können alle dem Kreisverband angeschlossenen Kleingartenpächter. Ein 400 Quadratmeter großer Schulgarten, fünf Sondergärten für die bewährten Obst-, Gemüse- und Staudensorten sowie zwei Streuobstwiesen gehören ebenfalls zum Gartenparadies.

Mobile Mosterei

Jetzt presst Ulrike Pomplun hier den Apfelsaft. Sie ist im Stadtteil Weiden zu Hause und betreibt seit Kurzem eine mobile Mosterei. „Mein Vater war Süßmoster. Als ich im vergangenen Jahr eine Schulung zum Obstbaumwart besuchte, sprach man dort viel über Streuobstwiesen und darüber, dass man sie auf lange Jahre nur dann gut erhalten kann, wenn man sie pflegt und bewirtschaftet.“ Dazu gehört auch, eine überreiche Ernte teilweise zu mosten.

Und weil die Mutter eines Sohnes auf der Suche nach einem zweiten Standbein war, investierte sie in das Gerät. Seitdem kann sie sich vor Aufträgen kaum retten. Die Gattners und viele andere, die Äpfel aus ihren Haus oder Schrebergärten gebracht haben, sind dankbar, dass sie im Lehrgarten die Mosterei nutzen können. „Eine wirklich gute Idee.

Wir hätten nicht gewusst, wohin mit all den Früchten. Soviel Kompott und Kuchen kann ich ja gar nicht machen“, sagt Gerda Gattner. Schon beginnt der erste Saft köstlich duftend in den lebensmittelechten Kanister zu rinnen. Jetzt wollen alle probieren. Ulrike Pomplun gibt Becher aus, und für die nächsten Minuten ist außer der Saftpresse und den Wespen, die natürlich auch um die Äpfel schwirren, nur „Mmh, wie lecker“ zu hören.

Hilfe von den Kleinen

Auch Schüler zweier Klassen der Förderschule für geistige Entwicklung an der Redwitzstraße in Sülz sind mit von der Partie. Die Schule betreut einen der Gärten auf dem Gelände seit vielen Jahren. Die Kinder und Jugendlichen sind mit Feuereifer dabei, als sie die Äpfel waschen, die sie vorher mit ihren Lehrerinnen von der Wiese gesammelt haben. Danach müssen stärkere Arme ran. Lampe und tatkräftige Helfer aus einem der umliegenden Gärten schütten die Äpfel in das Schnitzwerk der Mostanlage. Der am Ende gewonnene Saft wird bei 70 Grad Celsius pasteurisiert und dann in die Beutel des „Bag in Box-Systems“ abgefüllt. Darin ist der Saft wenigstens ein Jahr haltbar. „Und nach Anbruch eines Beutels ebenfalls mehre Wochen schmackhaft, dank eines Zapfhahns, durch den keine Luft in den Beutel gelangt“, erläutert Lampe.

Am Abend ziehen die fleißigen Gärtner Bilanz. Zwischen 350 und 400 Liter Saft haben sie gewonnen. Die mitgebrachten Ernten tragen sie in nun flüssiger Form zu ihren Autos, wo sie in den Kofferräumen verschwinden. Gerda Gattner kennt so einige mobile Mostereien, zum Beispiel im Bergischen Land. „Aber da gibt man seine Äpfel zu allen anderen, wie bei einer Genossenschaft. Hier kann man seinen Saft aus den eigenen Äpfeln pressen lassen. Das ist noch viel schöner.“

Der Geschmack der Natur

Den Saft der Äpfel von den Lehrgartenstreuobstwiesen gibt der Lehrgarten an interessierte Bürger zum Selbstkostenpreis von einem Euro pro Liter ab. „Wir wollen damit kein Geschäft machen, sondern Menschen auf den Geschmack von Natur bringen“, sagt der Lehrgärtner augenzwinkernd. Er versichert, dass die Apfelbäume im Lehrgarten weder gespritzt noch kunstgedüngt werden. „Hier ist alles Bio“, versichert Georg Lampe.

Nun muss er gleich ein paar Schritte weiter hinter das Schulungsgebäude laufen, wo bereits mit dem nächsten Projekt im Lehrgarten begonnen wurde. Unterstützt von Kräften der Kölner Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung findet dort die Sanierung des Teichs statt. Er war in den 1990er Jahren angelegt worden und im Laufe der Zeit mehr und mehr verlandet. Nun soll er mit Unterstützung einer ehrenamtlich arbeitenden Biologin zu neuem Leben erweckt werden.

www.kgv-koeln.de