NeonatologieLiebe ist die beste Medizin

Yasmin Belhadj und ihre kleine Tochter Lina, die vier Monate zu früh auf die Welt kam und in der Uniklinik betreut wird.
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Köln – Lina blinzelt ein bisschen, ihr Köpfchen ruht auf der Brust ihrer Mutter, und Yasmin Belhadj gibt ihrer sieben Wochen alten Tochter einen ganz vorsichtigen Kuss. „Sie hat schon ordentlich zugenommen“, sagt die 39-Jährige. Ihre Kleine dürfte bald 700 Gramm wiegen. Bei der Geburt vor sieben Wochen brachte Lina 556 Gramm auf die Waage, war nur 28 Zentimeter lang, und der Abdruck ihrer Füßchen maß nicht einmal fünf Zentimeter. „In meiner Heimat hätte sie keine Chance gehabt, da können so kleine Babys nur sterben“, sagt die aus Tunesien stammende Mutter leise. „Ich bin so froh, dass sie hier geboren wurde.“
Zum „Frühchenjubiläum“ lädt die Uniklinik Köln für Samstag, 22. September, 13 bis 17 Uhr, ins LFI-Gebäude, Kerpener Straße. Dort gibt es Informationen über die Perinatalmedizin, Mitmachaktionen für Kinder, Clownerie und Musik. Zudem können Gäste an Notfall-Übungen teilnehmen und das Teddykrankenhaus besuchen. ´
Seit der Gründung des Perinatalzentrums im Jahr 1992 wurden hier mehr als 2000 sehr kleine Frühgeborene intensiv betreut; das soll vor allem mit den Kindern gefeiert werden. (bl)
Hier, das ist die Neonatologische Intensivstation des Perinatal-Zentrums am Uniklinikum, wo viel zu früh geborene Babys seit 20 Jahren nach besten medizinischen Standards und vor allem mit viel Zuwendung von den Eltern so betreut werden, dass die weitaus meisten nach den schwierigen ersten Monaten gesund aufwachsen. Prof. Peter Mallmann, Direktor der Uni-Frauenklinik, stellt die enge Verbindung von Frauenklinik und Perinatal-Zentrum heraus: „Wenn Kinder extrem früh zur Welt kommen, sind sie derart empfindlich, dass jede Störung, jede Verzögerung, jeder Transportweg vermieden werden sollte. Bei uns ist der Kreißsaal über einen Aufzug direkt mit der Frühgeborenen-Station verbunden. Die räumliche Nähe nützt den Kindern und den Müttern, die aus der Frauenklinik jederzeit kommen können.“
Väter sollen „känguruhen“
Seit Einrichtung der Station vor 20 Jahren habe sich viel getan – zu Beginn der 90er Jahre galten vor der 28. Woche geborene Kinder als kaum lebensfähig. Inzwischen hilft die Maximaltherapie hier schon in der 22. Woche geborenen Winzlingen so gut, dass 95 Prozent keine Behinderungen davontragen.
„Das können nur so gut ausgestattete und erfahrene Zentren wie die Uni oder die städtischen Kliniken leisten“, sagt Mallmann. In Köln geborene Kinder hätten durch die links- und rechtsrheinischen Spezialabteilungen wirklich sehr gute Chancen.
Das liegt nach Einschätzung des Frauenarztes und seiner Kollegin Prof. Angela Kribs in der Neonatologie an medizinischen Fortschritten und unbedingt am Konzept „Nähe und Liebe“, das gleich nach der Geburt die Verbindung zwischen Eltern und Kind unterstützt. Müttern wird das winzige Neugeborene auf die Brust gelegt, bevor es in den Inkubator kommt und intensivmedizinisch versorgt wird. Väter werden dazu ermuntert, beim „Känguruhen“ ihrem Kind Körperkontakt und Geborgenheit zu spenden.´
Im Auf und Ab der ersten Wochen Mut bewahren
„Es ist rührend zu sehen, wie ausgewachsene Kerle erst zu schüchtern sind, ihr winziges Kind überhaupt anzufassen, dann aber stundenlang mit dem Baby auf der Brust hier ruhen und sanft wie die Lämmer Wiegenlieder singen, damit die Aufnahmen von Papas ’la-le-lu!’ dem Kind im Inkubator vorgespielt werden können“, sagt Mallmann.
Als Meilensteine seit Eröffnung der Frühchen-Station nennt Oberärztin Prof. Angela Kribs medizinische Neuerungen wie eine stress- und schmerzärmere Hilfe für den Lungenreifungsprozess der Frühchen. Das auch ohne Beatmung mögliche Verfahren sei am Uniklinikum entwickelt worden. Und dann die Erkenntnis, wie Muttermilchernährung bei Frühgeborenen hochdifferenzierte Aufgaben der Placenta übernehme. Sie helfe den Kindern beim Wachstum und der Hirnentwicklung und verbessere extrem die Langzeitprognose. Das werde auch den Müttern bei intensiven Schulungen vermittelt.
Säuglingsschwester Saskia Veldenzer und ihre Kolleginnen ermuntern Frühchen-Eltern, im stetigen Auf und Ab der ersten Wochen guten Mut zu bewahren und eigene Ängste zu besiegen. In der Pflege gehe es den Schwestern nicht vorrangig darum, eigene Kompetenz zu beweisen, sondern die Eltern fit zu machen. Wie gut das funktioniert, belegen die Bilderserien auf den Fluren, mit denen Eltern vom schwierigen, aber erfolgreichen Weg der hier betreuten Frühchen berichten.
Die Zahl der Frühgeburten wächst, im Vergleich zu 1992 kommen ein Drittel mehr Kinder viel zu früh zur Welt. Das liegt Mallmann zufolge am gestiegenen Alter der Mütter und an sozialen Komponenten. Frauen, die selbst gesundheitliche Probleme haben oder in der Schwangerschaft zu wenig Untersuchungen und Hilfen in Anspruch nehmen, sind besonders gefährdet.
Mallmann warnt trotz immer besserer medizinischer Versorgung der Frühchen aber vor einer gesellschaftlichen Entwicklung, derzufolge kranke Kinder schon vor der Geburt aussortiert werden könnten.
Eine Familie könne mit kranken und behinderten Kindern durchaus glücklich sein. Der Klinikdirektor sagt: „Auch das nicht perfekte Leben ist lebenswert.“
