Lydia MöcklinghoffAmeisenbärenforscherin pendelt zwischen Köln und Nordbrasilien

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Ameisenbärenmütter tragen ihre Jungtiere auf dem Rücken, auf dem sich die Kleinen festkrallen.

Ameisenbärenmütter tragen ihre Jungtiere auf dem Rücken, auf dem sich die Kleinen festkrallen.

Köln – Alles fing mit einem Aushang am schwarzen Brett in der Uni an. „Wer kann sofort nach Brasilien?“ stand da. Es ging um irgendeine Studie mit Großen Ameisenbären. Daneben hing das Foto eines komischen Säugetiers, das mit wehendem Schweif, bananenförmiger Schnauze und verschlafenem Blick aus einer Baumplantage gestapft kommt. Das Tier hatte etwas Anarchisches und war Lydia Möcklinghoff gleich sympathisch.

Eine Woche später stand sie bei 50 Grad Celsius in der Savanne Nordbrasiliens. „Und vor mir hampelte mein erster Großer Ameisenbär herum. Kurzsichtig und taub, wie sie sind, lief er direkt an mir vorbei“, sagt die 34-Jährige. Zehn Jahre ist das her. Die Tropenökologiestudentin von damals erinnert sich noch gut an diese erste Begegnung. „Es war ausgerechnet eine Ameisenbären-Mama. Das flaschenkürbisförmige Baby schlief auf ihrem Rücken, während sie den Boden auf der Suche nach Ameisen und Termiten durchpflügte.“ Da war sie den seltsamen Tieren verfallen, die sich geistig in einem Paralleluniversum aufzuhalten scheinen, wie sie es formuliert.

Möcklinghoff ist heute Ameisenbärenforscherin – die einzige weltweit. Die Biologin promoviert am Zoologischen Forschungsmuseum Koenig in Bonn und lebt in Köln. Neun Monate im Jahr. Die restlichen drei verbringt sie auf einer Rinderfarm im Pantanal in Brasilien, einem der größten Binnenfeuchtgebiete der Welt, und betreibt Feldforschung. Die nächste Stadt ist vier Stunden entfernt, im Spülkasten der Toilette quaken Frösche und die Spinnen sind so groß, dass man sie statt in einem Glas in einer Tupperschüssel nach draußen tragen muss.

Es kommt vor, dass Wasserbüffel nachts den Vorgarten durchpflügen und man im Bad barfuß auf einer toten Fledermaus ausrutscht. Möcklinghoffs Aufgabe ist es, so viel wie möglich über die Lebensweise des Großen Ameisenbären herauszufinden. Bekannt ist wenig. „Das ist schlecht, wenn man sie vor dem Aussterben bewahren will“, sagt sie. Langzeitbeobachtungen existieren nicht, eine letzte große Studie wurde in den 1980er Jahren gemacht. „Sie sind die merkwürdigsten Tiere Südamerikas: Groß wie ein Schäferhund, mit buschigem Schwanz, langer Schnauze und einer langen Zunge.“ Um satt zu werden, braucht ein Ameisenbär 30 000 Ameisen und Termiten am Tag. „Kein Wunder, beschäftigt er sich doch fast ausschließlich damit, Nahrung zu suchen.“

Man könnte auch sagen, das Tier ist nicht multitaskingfähig. „Naja, in so einer behaarten Gesichtsbanane ist eben nur Platz für ein kleines Erbsenhirn“, sagt Möcklinghoff. „Er kann sich immer nur auf eine Sache konzentrieren.“ Sie mag diese unbedarfte Einfältigkeit, mit der der Ameisenbär durch die Landschaft tapert. Im Pantanal hat sie Kamerafallen aufgestellt, die auslösen, wenn ein Tier vorbeiläuft. So fand sie heraus, dass Ameisenbären an Bäumen kratzen, Duftmarkierungen hinterlassen. „Nun will ich wissen, welche Informationen sie dabei austauschen.“ Über ihren Alltag als Forscherin hat sie ein Buch geschrieben, das zwar „Ich glaub, mein Puma pfeift“, heißt, aber hauptsächlich von Ameisenbären handelt.

Wenn sie wieder auf der Farm ist, vermisst sie irgendwann Camembert-Brote, Sülze und hat Heimweh nach Köln. Ihren Skatfreunden aus dem Weißen Holunder hatte sie versprochen, dass sie die Ameisenbären nach ihnen benennt. Alfons, Günther oder Matthes heißen die Kölner Jungs. Matthes’ Namensvetter im Dschungel ist besonders leicht zu erkennen: Er hat einen schwarzen Punkt auf dem Vorderbein und eine weiße Kralle. Sie hat ein Fotoregister von allen Bären angelegt, kann sie an ihrer Fellzeichnung unterscheiden. Ist Möcklinghoff wieder in Köln, plagt sie nach einiger Zeit aber auch das Fernweh. Sie kann dann Dolores, Guapa und Yavi besuchen, die Ameisenbären des Kölner Zoos. Aber das ist natürlich nicht dasselbe. So sehr sie den kleinen Balkon ihrer Wohnung am Mediapark liebt, manchmal wünscht sie sich, dass ihre beiden Welten geografisch näher beieinanderlägen. „Das Pantanal könnte doch direkt hinter dem Herkulesberg sein.“

Im kommenden Juni bricht sie wieder nach Brasilien auf. Sie will die Bären mit GPS-Halsbändern ausstatten. Dadurch kann sie unter anderem etwas über ihre Anpassungsfähigkeit erfahren und anhand der Daten sehen, wo Alfons, Günther und Matthes sich herumtreiben. Die Studie läuft ein Jahr. „Es gibt noch viel zu tun in

der Ameisenbärenparalleluniversumsforschung.“

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